Nicht nur das Chaos in der Führerschein- und der Zulassungsstelle sowie teils in den Bürgerämtern und die faktische Kapitulation der Kontrolleure der Gewerbeaufsicht und beim Allgemeinen Sozialen Dienst im Jugendamt, wo minderschwere Fälle warten müssten, zeugten vom Gegenteil. Auch in der Personalverwaltung, die zehn Prozent Fluktuation pro Jahr bewältigen muss, werde der Mangel verwaltet. Die Arbeitnehmervertreter beklagen, die Verwaltung wachse unkoordiniert, die Ämter arbeiteten zu autark.
Azubis am „Katzentisch“ – Zu wenig Platz für Mitarbeiter
Die Arbeitsbedingungen und die Ausstattung der Arbeitsplätze sind dem Personalrat ein Dorn im Auge, weil die Zustände die Mitarbeiterwerbung konterkarierten. So habe man auch schon überlegt, Jobzusagen für Auszubildende zurückzuziehen, weil in diversen Abteilungen kein Platz vorhanden gewesen sei. „Ausbildung am Katzentisch darf nicht sein“, so Häußler.
In vielen Innenstadtbüros herrschten im Sommer Temperaturen über 30 Grad. „Wer will solch einen Arbeitsplatz?“ Kühlung müsse her, auch wenn es den Zielen von OB Fritz Kuhn (Grüne) widerspreche. „Klimaschutz darf nicht zu Lasten des Gesundheitsschutzes gehen“, sagt Freitag, der das Fehlen eines mittel- und langfristiges Flächenmanagements vermisst. Bei diesem Thema werde der Personalrat ausgegrenzt. Nach Aufforderung der Freien Wähler an die Verwaltung, einen Bericht über die Raumnot zu verfassen, hätten sie die geforderte Stellungnahme verfasst. In der Antwort der Verwaltung habe das Statement allerdings gefehlt.
Der Personalrat weist darauf hin, dass die nun als Lösung angeführten Büros in der Torstraße frühestens in einem Jahr zur Verfügung stünden und die Alternative Gerberbau schon wieder belegt sei, dass die Stadt „Käfighaltung“ plane und gerne Sozialräume „vergesse“. Als Beleg für eine verfehlte Raumpolitik gilt der Verkauf des sogenannten Europahauses an einen Hotelinvestor. Das gelte auch für viele Betriebshöfe des Gartenbau- und Tiefbauamts, die man „bis zur Baufälligkeit verkommen ließ, um sie an Investoren zu verscherbeln“. Würde zukunftsfähig geplant, wäre im Neckarpark ein Bürogebäude vorgesehen und hätte sich die Stadt für das alte Allianzgebäude interessiert.
Die Verwaltung hat rund 2500 Stellen zu wenig
„Höchste Priorität haben für uns entscheidende qualitative Verbesserungen bei der Personalgewinnung und -entwicklung“, heißt es im Rundbrief des Gesamtpersonalrats. An der Feststellung, dass die Verwaltung rund 2500 Stellen zu wenig hat, änderte sich seit den letzten Etatberatungen nichts. Auch nichts an der Forderung, Mittel für mindestens 1000 Stellen bereitzustellen, die wegen Arbeitsmehrung – aufgrund gesetzlicher Auflagen und dem Einwohnerzuwachs – nötig seien. Die Ämter sehen offenbar einen Bedarf von 700 Stellen, sie seien nach dem Wechsel von Kämmerer Michael Föll zu Thomas Fuhrmann mutiger geworden. Häußler und Freitag gehen davon aus, dass das der Gemeinderat genauso sieht, schließlich brauche es Personal, um deren Beschlüsse umzusetzen. Das ist längst nicht mehr der Fall: Entscheidungen im Umfang von 800 Millionen Euro harren ihrer Umsetzung. Die ausgelastete Bauindustrie sei für dieses Desaster nicht alleine verantwortlich, es fehlten die nötigen Stellen in den Planungsabteilungen. „Wenn man nicht baut, wird es teurer“, sagt Freitag. Ein Indiz für den Mangel ist für ihn der Azubi-Sporttag, an dem von 700 Lehrlingen nie mehr als 120 teilnehmen können, weil sie in ihren Abteilungen unabkömmlich seien.
Abwerbungen: Die Konkurrenz schläft nicht
Die Stadt tut sich schwer, Personal zu finden. Neben den oft unzureichenden Arbeitsbedingungen und den Problemen mit aggressiven Bürgern in den Publikumsbereichen seien die Stellen im Umland oft besser bezahlt, es herrsche höhere Flexibilität, die Arbeit sei weniger stressig und oft als Führungsaufgabe definiert. Mitarbeiter des Ordnungsamts würden aktiv abgeworben, sagt Claudia Häußler. „Und der Konkurrenzkampf fängt erst an.“
Der demografische Wandel betreffe nicht nur Stuttgart, wo in den nächsten 15 Jahren die Hälfte der Belegschaft ausscheide, aber bereits heute ein Aderlass auf der mittleren Führungsebene beklagt wird. Der Personalrat fordert eine dauerhafte Großstadtzulage und höhere Einstufungen. In Mangelberufen würden bereits Zulagen von bis zu 20 Prozent gezahlt. Die Personalverwaltung ist überlastet, hat aber auch organisatorische Defizite. Vielen Bewerbern würde es schon reichen, wahrgenommen zu werden. Auf Absagen warten sie aber oft bis zum Abschluss des Verfahrens. „Geht gar nicht“, sagt Freitag. Ziel müsse sein, diese Kandidaten rasch auf andere freie Stellen hinzuweisen.