Alfred und Anita Keller ziehen sich langsam aus dem Spielwarenladen in Ehningen zurück. Foto: Veronika Andreas
Als Alfred Keller den Gemischtwarenladen in ein Spielwarengeschäft umwandelt, zweifeln viele. Heute umfasst der Laden mehr als 35 000 Artikel – und ein neues Kapitel beginnt.
Von außen wirkt das Geschäft eher klein und unscheinbar. Doch wer die Tür öffnet, merkt schnell, dass sich hinter der Fassade deutlich mehr verbirgt: lange Regale voller Spiele, Kuscheltiere, Sandelsachen und Schreibwaren. Wer ein paar Schritte weitergeht und um die Ecke schaut, sieht, wie groß der Spielwarenladen Keller in Ehningen tatsächlich ist. Auf rund 400 Quadratmetern Verkaufsfläche befinden sich mehr als 35 000 Artikel – ein Traum für jedes Kind. Der Spielwarenladen Keller gehört seit 115 Jahren zum Ortsbild von Ehningen - und nun beginnt ein neues Kapitel.
Alfred Keller und seine Frau Anita ziehen sich langsam aus dem Geschäft zurück. Dass sie einen Nachfolger gefunden haben, sehen beide als großes Glück, – auch wenn es keines ihrer drei Kinder ist. „Wir freuen uns sehr darüber“, sagt Alfred Keller. „Gerade heute ist es ja nicht mehr selbstverständlich, dass ein Geschäft übernommen wird.“
Eine Geschichte, die 1910 begann
Der Ursprung des Familienbetriebs liegt mehr als ein Jahrhundert zurück. 1910 machte sich Kellers Großvater als Drechsler mit seiner ersten eigenen Werkstatt selbstständig. Doch der Erste Weltkrieg brachte einen Einschnitt: Der Handwerker verlor einen Fuß und konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er orientierte sich neu, kaufte 1923 das Haus in der Königstraße 54 (damals Hausnummer 23), in dem sich bis heute das Geschäft befindet, und eröffnete eine Spezerei-Handlung für Zigarren und Tabake – aber auch Drechselwaren, Pfeifen, Stöcke und Schirme bot er an. Bald wurde das Sortiment um die Sparte Lebensmittel erweitert. Es entstand ein Gemischtwarenladen mit verschiedenen Waren des täglichen Bedarfs. Seine Frau unterstützte ihn dabei.
Das Wohn- und Geschäftshaus im Herzen von Ehningen. Foto: privat
1952 übernahm die nächste Generation das „Lädele“. Neben Lebensmitteln gehörte auch der Brennstoffhandel dazu. Noch bis in die 1980er Jahre spielte er eine Rolle im Geschäft. „In Ehningen gab es damals einen großen Brennstoff-Lagerplatz am Bahnhof, wo heute ein Supermarkt und ein Parkplatz sind“, erklärt Alfred Keller.
1988 übernahm Alfred Keller den Betrieb seiner Eltern. Der Lebensmittelladen lohnte sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Mit der Ansiedlung großer Supermärkte begann das Ladensterben der kleinen Geschäfte. Keller entschied sich deshalb für einen neuen Weg: Aus dem Gemischtwarenladen sollte ein reines Spiel- und Schreibwarengeschäft werden. Die Idee stieß zunächst nicht überall auf Zustimmung. „Viele haben gesagt: Das klappt nie“, erinnert sich der 64-Jährige. Doch das Konzept ging auf. Der Laden entwickelte sich Schritt für Schritt weiter. Vieles entstand in Eigenarbeit – selbst die erste Ladentheke baute Keller noch selbst zusammen.
Mit der Zeit wuchs nicht nur die Verkaufsfläche, sondern auch das Sortiment. Heute stammen die vielen Waren von rund 250 nationalen und internationalen Lieferanten. Ein großes Lager befindet sich im Keller des Gebäudes. Eine wichtige Rolle spielte auch die Werbung über klassische Spielzeugkataloge, die im Ort und in der Umgebung verteilt wurden. „So sind viele Kunden auf uns aufmerksam geworden“, erinnert sich Anita Keller. Ein Teil der Kundschaft kommt seit Jahrzehnten in den Laden. „Viele Familien kennen wir schon lange“, sagt Alfred Keller.
Dass sich der Laden über die Jahre einen Namen gemacht hat, merkt Keller auch an ganz unerwarteter Stelle. So sei er vom Centermanagement vom Breuningerland schon angefragt worden, ob er mit seinem Spielwarenladen dort nicht einziehen wolle. Und auch aus Stuttgart kam mal eine Anfrage: Als das traditionsreiche Spielwarengeschäft Kurtz schließen musste, sei er gefragt worden, ob er sich eine Nachfolge vorstellen könne. „Ich habe mich erst mal umgesehen, ob irgendwo eine versteckte Kamera ist“, erzählt Keller und lacht. Für ihn sei die Anfrage vor allem eines gewesen: eine große Anerkennung für das, was er und seine Frau in Ehningen aufgebaut haben.
Abschied mit gemischten Gefühlen
Als Stärke seines Spielwarenladens sieht er vor allem die persönliche Beratung. „Das ist etwas, was man im Internet nicht bekommt“, sagt er. Während der Corona-Pandemie boomte der Online-Shop. Die Bestellungen kamen aus ganz Deutschland. „Da waren wir teilweise nur noch mit Verpacken beschäftigt“, erzählt Anita Keller. Trotzdem glaubt das Ehepaar, dass ein Fachgeschäft weiterhin seinen Platz im Ort hat. Spielzeug habe immer etwas mit Emotionen zu tun. Man müsse es sehen und in die Hand nehmen können. „Im Internet wirkt manches ganz anders als in Wirklichkeit“, sagt Alfred Keller.
Nach Jahrzehnten im Geschäft fällt der Gedanke ans Aufhören trotzdem nicht leicht. „Es ist schon ein eigenartiges Gefühl“, sagt Alfred Keller. Ganz verabschieden werden er und seine Frau sich aber noch nicht. Zunächst bleiben beide im Betrieb – allerdings nicht mehr als Inhaber, sondern als Angestellte des neuen Betreibers Lukas Werb. „Mit angezogener Handbremse machen wir noch ein Weilchen mit“, sagt Alfred Keller.
Sein Wunsch für die Zukunft ist klar: dass der Laden weiterhin gut läuft und die Kundschaft dem Geschäft treu bleibt. Ein Stück der langen Geschichte des Familienbetriebs gibt es übrigens immer noch: die alte Drechselmaschine aus den Anfangsjahren – ein stiller Hinweis darauf, wie aus einer kleinen Werkstatt über Generationen hinweg ein erfolgreicher Spielwarenladen geworden ist.
Tradition trifft Zukunft
Geschichte Das Traditionsgeschäft Keller gibt es seit 115 Jahren in Ehningen. Vom kleinen Gemischtwarenladen der Großeltern hat sich das Geschäft über Generationen zu einem großen Spielwarenladen entwickelt.
Nachfolger Mit Lukas Werb übernimmt nun ein Nachfolger mit Erfahrung im Spielwarenbereich das Ehninger Traditionsgeschäft. Der 28-Jährige betreibt bereits zwei weitere Spielwarengeschäfte in Donaueschingen und Sigmaringen.