Weg aus der häuslichen Gewalt Stuttgarterin will anderen Frauen helfen – „Opfer ist man, wenn man es zulässt“

Vicky konnte sich von ihrem toxischen Partner lösen. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Eine Urlaubsliebe wird zum häuslichen Gefängnis. Vicky befreit sich aus der toxischen Beziehung vom Vater ihres Sohnes. Wie, das möchte sie weitergeben.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Für Vicky ist es eine der Erkenntnisse, die ihr helfen, durchs Leben zu kommen. Die Überzeugung „Er ist nicht Gott, er kann nicht alles machen“ ist einer ihrer Glaubenssätze geworden. Was sich banal anhören könnte, ist ein großer Schritt für die 45-Jährige. Egal, welche Schikane dieser Mann sich einfallen lässt, er wird sie nicht mehr in ein Gefühlschaos stürzen. Davon ist sie überzeugt. Das lebt sie. Das gibt ihr Kraft. Eine Kraft, die sie gerne mit anderen Frauen teilen und in anderen wecken möchte. Vicky (Name zum Schutz der Betroffenen geändert, teilweise auch die Ortsangaben) hat sich diese Haltung erkämpft, weil alles andere sie innerlich auffressen würde.

 

Der gemeinsame sechsjährige Sohn Konstantin ist es, der die gelernte Traumatherapeutin noch mit dem Mann verbindet, der seine Lebensgefährtin zu seinem Eigentum machen wollte. Die beiden leben nun das Wechselmodell in der Betreuung des Kindes. Das hat es in sich, wenn die Eltern wie in ihrem Fall unterschiedliche Nationalitäten haben und in unterschiedlichen Ländern leben. Aber es soll hier um die Kraft einer Frau gehen, sich von einem toxischen Partner gelöst hat. Eine Erfolgsgeschichte vom Überleben und Sich-neu-Orientieren. Vicky führt nun ein Leben zwischen Deutschland und Griechenland.

Vicky will anderen Frauen helfen

Sie sitzt in einem Büro des Autonomen Frauenhauses in Stuttgart. Sie erzählt von den zurückliegenden sechs Jahren ihres Lebens, die ein Wechselbad der Gefühle waren. Sie will, dass auch andere Frauen ihren Weg einschlagen – und so wieder ihr inneres Gleichgewicht finden. Wenn sich schon die Situation nicht ändern lässt. Im geschützten Raum des Frauenhauses will sie andere Frauen ermutigen, sich auch die Hoheit über ihr Leben zurückzuerobern.

Vicky, das schwarze Haar aus dem Gesicht gebunden, ist in Kolumbien geboren. Längst hat sie die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit 15 Jahren lebt sie in Deutschland, zur Ausbildung ist sie gekommen. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, ist selbst ein Scheidungskind. Kaum glauben konnte sie deshalb wohl, dass sich jemand wie der Mann, in den sie sich verliebte, ebenfalls für sie interessieren könnte. Denn der Mann war einer, der ihr vorkam wie der weiße Ritter, der plötzlich in einem Urlaub in Griechenland in ihr Leben ritt. Er war charmant, klug, konnte über Kunst und Literatur reden. Einer mit Umgangsformen aus einer wohlhabenden Familie.

Vicky ist schnell schwanger

Nach dem Urlaub sahen sie sich wieder. Wenig später war Vicky schwanger. Sie war hin- und hergerissen, wo sie ihr Kind auf die Welt bringen sollte, pendelte zwischen Stuttgart und Athen. Als es medizinische Komplikationen gab und Ärzte ihr rieten, nicht mehr so viel zu fliegen, musste sie sich entscheiden, wo sie ihr Kind zur Welt bringen sollte. „Ich dachte, das Schicksal hat für mich entschieden: ich bleibe hier“, sagt sie. Hier, das war Griechenland. Eine folgenreiche Entscheidung, wie sie heute weiß.

Was für Vicky zählt, ist die Beziehung zu ihrem Kind und dass es ihm gut geht. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dp

Aber sie liebte den Mann ja schließlich, auch wenn ihr Körper ihr erste Alarmsignale gab, vorsichtig mit ihm zu sein. Da war manchmal diese Enge in der Brust. Die roten Flaggen waren schon am Horizont zu sehen. „Die habe ich ignoriert.“ Er riet ihr, nicht zu tanzen, keinen roten Lippenstift aufzutragen. Berichtet, wie er das Opfer seiner Ex-Freundinnen wurde. Redet und redet. Alles soll sich um ihn drehen. Er beschwert sich über die mangelnde Aufmerksamkeit durch die Schwangerschaft. Er habe sich verhalten wie ein kleines Kind, sagt Vicky. Er schreit sie an. Heute im Rückblick deutet sie sein Verhalten als Signale einer narzisstischen, um sich selbst kreisenden Liebe und sagt über sich selbst in dieser Konstellation: „Opfer ist man, wenn man es zulässt.“ Aber diese Haltung muss sie sich nach dem Ende der Paarbeziehung erarbeiten – unterstützt durch einen Coachingprozess. Aber sie weiß gleichzeitig auch, dass eine Befreiung aus einer Beziehung mit massiver körperlicher Gewalt nicht nur durch einen Umdenken möglich ist.

Eifersucht auf das Baby

Sohn Konstantin kommt kurz vor der Corona-Zeit zur Welt. Vicky kümmert sich um das Neugeborene, dessen Vater fordert jedoch Zuwendung für sich, schreit Vicky immer wieder an. Sagt, sie seine schlechte Mutter. Wenn sie ihn stille, werde Konstantin nicht satt, will er ihr einreden. Sie schließt sich in einem Zimmer ein. Er tritt mit den Füßen gegen die Tür. Zu Schlägen kommt es nicht. Aber die psychische Gewalt, die er an den Tag legt, ist massiv. Vicky ist klar: Sie muss sich von dem Mann trennen, mit dem sie Gott sei Dank nicht verheiratet ist. Sie verschiebt den Gedanken jedoch in die Zukunft. Jetzt will sie all ihre Energie für ihren Sohn einsetzen.

Als sie nach fünf Monaten zum ersten Mal das Wort Trennung ausspricht, „war die Hölle los“. Er denunziert die Mutter seinen Kindes als verrückt, versteckt ihren Pass und ihre Schlüssel. Will, dass sie nicht mehr aus dem Haus geht und keinen Kontakt zu einem befreundeten Ehepaar in der Nachbarschaft hat. Subtil baut er ihr Gefängnis. Vicky bemerkt das sehr wohl, weiß aber, dass Covid und die damit einhergehenden Bewegungseinschränkungen sie hindern, ihn zu verlassen. Dass sie in einer toxischen Beziehung lebt, weiß sie längst, hofft aber, dass sie als Familie noch zusammenleben können. Sie will diesen Spagat mit der eigenen biografischen Erfahrung als Trennungskind für ihren Sohn hinbekommen.

Liebesentzug im Frauenhaus

Aber dann ist der Impuls stärker zu gehen. Erst beim zweiten Mal gelingt es ihr. Zweimal holt der Vater die Polizei. Er droht, sie komme als verrückte Depressive in die Psychiatrie, weil sie gefährlich sei, und der Sohn werde ihr weggenommen, wenn sie weggehen werde. Das macht ihr Angst. „Das ist die Achillesferse jeder Mutter“, sagt sie. Beim zweiten Mal bringt die Polizei Mutter, Vater und Kind aufs Jugendamt. Getrennt voneinander werden die beiden Erwachsenen interviewt. Die Mitarbeiterin des Jugendamts glaubt Vicky, attestiert einen Fall von häuslicher Gewalt, schickt sie in ein Frauenhaus und rät ihr, den Mann anzuzeigen. Ihr Sohn bleibt bei ihr. Isoliert wegen der Covid-Beschränkungen und ohne ihr Telefon, das der Vater ihres Sohnes zerstört hat, empfindet sie die Zeit im Frauenhaus wie einen kalten Entzug von ihren Liebesgefühlen. Denn die Sehnsucht nach ihm war nicht mit einem Mal weg. „Es ist wie bei Drogenabhängigen.“ Vicky ist hin- und hergerissen – und macht sich frei.

Mehrere Monate lebt sie dort. Doch dann will sie zurück nach Stuttgart. Fliegen kann sie nicht, da sie keinen Pass hat. Auf umständlichen Wegen – per Lkw und Zug – kommt sie schließlich zurück nach Stuttgart. Was für eine Energie. Die Angst vor ihm jedoch ist geblieben. Schließlich wird das Frauenhaus ihre neue vorübergehende Heimat. Doch dann der Schock. Sie muss mit ihrem Sohn zurück nach Griechenland, dorthin, wo er geboren ist. Für ihren Sohn ist ein Familiengericht in seinem Geburtsland zuständig. Das ist nun auch nach einem langen familiengerichtlichen Verfahren so entschieden.

Die Liebe zum Sohn trägt

Wahrscheinlich ist der größte Schritt, den Vicky vollzogen hat, anzuerkennen, dass es ihrem Sohn nicht schlecht geht, wenn er nicht bei ihr ist. Er lebt jetzt mit seinem Vater und seiner Großmutter zusammen, wenn er nicht bei seiner Mutter ist. „Ich habe alles angewandt, was ich in meiner eigenen Ausbildung als Traumatherapeutin gelernt habe.“ Es trägt sie die Gewissheit: „Nichts kann die Liebe zu meinem Sohn zerstören.“ Den Mann, der über viel mehr Geld, Zeit und Kontakte als sie verfügt, empfindet sie nicht mehr als allmächtig. Sie hat die Angst aus ihrem Leben ausgesperrt, ist zur Handelnden geworden. Sogar ihre Stimme sei tiefer, weniger aufgeregt, selbstbestimmter geworden. Das Gefühlschaos auf dem Weg zu dieser Gewissheit, sei normal, sagt sie. Aber eines ist klar: Dieser Mann ist nicht Gott.

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