Tiana Ny Nomena Ralalaharivony hat ein Herz für alte Menschen. „Wenn ich sehe, wie sie traurig sind, weil sie so wenig Besuch bekommen, dann macht mich das traurig“, sagt die 28-Jährige, die im letzten Ausbildungsjahr bei der Diak-Altenhilfe ist. Deshalb will sie den alten Leuten geben, was sie brauchen: „Zeit, Liebe und Geduld.“
Dabei hat Tiana Ralalaharivony selbst ihre alten Eltern, ihre Geschwister und die Großmutter verlassen, als sie 2016 aus Madagaskar nach Deutschland ging. In Antananarivo, der Hauptstadt des Inselstaates im Südosten Afrikas, hatte sie zwar das Gymnasium besucht, neben Englisch auch etwas Deutsch gelernt zur zweiten Amtssprache Französisch. „Aber es ist schwierig, eine Arbeit zu finden“, erzählt die 28-Jährige. „Und es gibt nur wenig Geld.“
Erst Au-pair, dann FSJ, dann Altenpflege
Der Weg, der sie in die deutsche Altenhilfe geführt hat, ist nicht untypisch: Erst war sie mit 21 Jahren Au-pair bei einer Familie in Düsseldorf, die hat sie unterstützt bei der Suche nach einer Stelle im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). So kam sie in eine Behinderteneinrichtung nach Stuttgart. Im Therapeuticum Raphaelhaus hat sie sich um einen alten Mann gekümmert. Sie hatte viel Freude mit ihrem Schützling. „Das war eine sehr schöne Zeit, und ich habe viel gelernt“, erzählt sie.
Der Werdegang von Tiana Ny Nomena Ralalaharivony steht beispielhaft für die Entwicklung in der Altenpflege der vergangenen Jahre. „Ohne Zuwanderung gibt es keine Pflege mehr in Deutschland“, sagt Marc Bischoff, der Geschäftsführer des Eigenbetriebs Leben und Wohnen (ELW) der Stadt Stuttgart, die acht Häuser mit knapp 1100 Beschäftigten betreibt. Auch Florian Bommas, der Geschäftsführer der Diak-Altenhilfe mit zwei Heimen in Stuttgart und rund 300 Beschäftigten, erklärt, in den vergangenen Jahren habe man Stellen und Ausbildungsplätze „überwiegend durch Menschen mit Migrationshintergrund besetzt“. Ebenso die Caritas, die in fünf Heimen rund 680 Mitarbeiter hat: „Der Migrantenanteil bei den Azubis liegt bei 90 bis 100 Prozent“, sagt Sebastian Menne, der stellvertretende Bereichsleiter Altenhilfe. „Ohne diese Menschen könnten wir nicht mehr existieren.“
Der Platzbedarf wächst seit Jahren
Aus vielen Ländern kommen die Frauen und Männer. Manche sind schon einige Jahre hier, andere direkt aus dem Ausland, viele stammen aus den Balkanländern Südosteuropas, andere aus Spanien oder Vietnam. Und bald auch aus der Ukraine? Man setze sich mit dem Thema „zumindest konzeptionell bereits auseinander“, sagt Marc Bischoff. So überlege man, „wie wir in unserer Schule für Pflegeberufe Angebote schaffen können, um geflüchtete Fachkräfte für die Tätigkeit in der Pflege zu qualifizieren“.
Bei der Caritas gingen im Vorjahr viele Bewerbungen aus Zimbabwe ein, bei der Diak-Altenhilfe arbeiten einige Kräfte aus Madagaskar. „Wenn es jemandem irgendwo gefällt, ziehen andere nach“, sagt Florian Bommas. So ist Tiana Ralalaharivonys Mann ein Jahr später nachgekommen. Er arbeitet bei einem anderen Träger in der Pflege.
Der hiesige Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Der sei auch „sehr eingeschränkt“ und nur lokal, sagt Marc Bischoff. Weil die Nachfrage nach Altenpflegekräften überall groß ist, komme selbst aus den umliegenden Landkreisen niemand deshalb nach Stuttgart. Und seit Jahren wächst in der Branche der Bedarf an Fachkräften. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes gab es Ende des Jahres 2009 in Baden-Württemberg insgesamt 1466 stationäre Pflegeeinrichtungen, 2019 waren es 1912, plus 30 Prozent. In dieser Zeit wuchs die Zahl der Mitarbeiter von 80 824 auf 103 198, plus 28 Prozent. Aber die Personaldecke ist heute dennoch oder eben deshalb überall sehr dünn. „Die Arbeit gefällt mir“, sagt Tiana Ralalaharivony. „Ich gebe, was ich kann.“ Sie fügt aber hinzu: „Wir sind zu wenige Fachkräfte.“ In den vergangenen Wochen habe sie mehrfach irgendwo aushelfen müssen. Alle Träger erklären, dass sie keine große Zahl von offenen Stellen haben. Doch alle würde sofort weiteres Personal einstellen, wenn es das gäbe. Besonders deutlich wird der Mangel, wenn eine neue Einrichtung eröffnet wird. So habe die Caritas im neu errichteten Haus Martinus in der Innenstadt auch ein Jahr nach der Inbetriebnahme wegen Personalmangels nur 70 der 87 Plätze belegt, sagt Sebastian Menne. Und nicht nur die Gewinnung von Beschäftigten ist sehr aufwendig, auch die Betreuung in den Einrichtungen wegen immer wieder auftretender Lücken stabil zu halten sei sehr anstrengend, sagt Marc Bischoff. „Die Leitungskräfte sind sehr müde.“
Mehr Heime, mehr Pflegebedürftige
An der Bezahlung, ist Bischoff überzeugt, könne das alles nicht liegen, die habe „in den letzten Jahren zugelegt“. Eine Fachkraft steige heute inklusive Zulagen bei 3500 oder 3600 Euro im Monat ein, dazu komme eine betriebliche Altersvorsorge. „Bei den Ausbildungsgehältern liegen wir nicht hinter Daimler“, betont Bischoff. Alle Träger setzen verstärkt auf Ausbildung und Weiterbildung von Pflegehilfskräften, haben eigene Altenpflegeschulen oder sind an solchen beteiligt. Migrationskurse sind selbstverständlich, man investiert viel in Deutschunterricht.
Der Verdienst ist besser, als man meint
Aber die Branche hat auch mit ärgerlichen Widrigkeiten zu kämpfen. Allen ein Dorn im Auge ist die Zeitarbeit, auf die sie bei Lücken immer wieder zurückgreifen müssen. Personaldienstleister haben auch in der Altenpflege das Geschäft mit Leasingkräften entdeckt. Die sind für die Träger nicht nur „30 bis 50 Prozent teurer“, wie Florian Bommas sagt. „Sie bringen auch Stress in die Teams“, erklärt Marc Bischoff. Er spricht von einer „künstlichen Verknappung“ des Personals. Der Gesetzgeber sollte dem „einen Riegel vorschieben“, fordert er. Wie seine Kollegen wünscht er sich nicht nur die schnellere Anerkennung von Abschlüssen aus dem Ausland. Für Sebastian Menne ist auch klar: „Mehr bezahlbarer Wohnraum für Pflegekräfte ist unabdingbar.“
Wie das Image aufpolieren?
Und dann das leidige Thema: das Image der Branche. „Manche sagen, der Beruf sei nicht schön – aber das stimmt nicht“, wehrt sich Tiana Ralalaharivony gegen ein verbreitetes Vorurteil und spricht den Heimträgern aus der Seele. „Die alten Menschen sind so dankbar“, sagt die 28-Jährige. Ihre Zufriedenheit wird auch dadurch befördert, dass ihr Vater, der sie zunächst von dem Wechsel von Madagaskar nach Deutschland abhalten wollte, „sich jetzt auch freut“. Er merkt nicht nur, dass es seiner Tochter gut geht, die Eltern profitieren auch von ihrer Ausbildung. „Wir telefonieren jeden Tag“, erzählt sie. „Ich gebe ihnen Tipps und kann ihnen so auch von hier aus helfen.“