Der Brunnen auf dem Schmalzmarkt stammt aus den 1930er Jahren. Nach dem Krieg wurde er „entnazifiziert“.
S-Ost - Der Platz wirkt so, als sei er schon immer da gewesen, hier am südlichen Ende des alten Straßendorfes Gablenberg. Der Flecken ist über die Jahre die Hänge hoch gewachsen und hat die Fläche so recht in seine Mitte genommen. Auf ihm spielen lautstark die jungen Besucher von Karamba Basta. Mittwochs halten hier Markthändler ihre frischen Köstlichkeiten feil. Von den Tischen eines italienischen Restaurants nebenan duftet es nach Pizza und Pasta. Die Busse der Linien 42 und 45 halten am Platzrand, an der Gablenberger Hauptstraße. Sie wird lästigerweise täglich von einer fünfstelligen Zahl an Autofahrern benutzt, viele von ihnen Pendler zwischen dem Neckartal und den Fildern. Ein winziger Wasserlauf in einer Rinne umfließt westlich die durch fünf Platanen angenehm beschattete Fläche und erinnert an den Klingenbach, hier einst auch Gablenberger Bach genannt, der das Wasser der oberhalb gelegenen Quellen sammelte und nach Gaisburg führte.
Vom Schulhaus bis zum Irish Pub
Markante Gebäude umstehen den Platz, vom alten Schulhaus, das heute die Heimat des Museumsvereins Muse-O ist, über den Irish Pub Alte Schule bis zu zwei Weingärtnerhäusern aus dem 17. Jahrhundert. Den Abschluss nach Osten bildet ein Riegel mit dem seltsamen Namen Volkshaus. Den südlichen Platzrand markiert ein Brunnen aus Sandstein. Seltsamerweise fließt sein Wasser nicht aus der alten Brunnensäule, sondern aus einem erkennbar modernen Zulauf an der gegenüberliegenden Seite. Der Wasserspender hat eine fast 80-jährige Geschichte, die eng mit der deutschen Geschichte verwoben ist.
Die sogenannte Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 spülte in Gablenberg den NSDAP-Ortsgruppenleiter Eugen Mäckle nach oben, Beamter im Stadtplanungsamt mit dem Rang eines SA-Obersturmführers. Ihm wird eine Vorliebe für funkelnd dekorierte Uniformen und große Auftritte nachgesagt. Diesen Mann muss es geärgert haben, dass das enge Gablenberg keinen würdigen Aufmarschplatz vorweisen konnte. Er setzte bei der Stadtverwaltung durch, dass im oberen Dorf einige alte Häuser und auch ein Brunnen abgerissen wurden. An ihrer Stelle ließ er 1935 den Platz anlegen und das Volkshaus errichten – als „Haus der Volkstreue“, in dem zahlreiche Nazidienststellen Platz fanden; sein Name sollte für die Treue stehen, mit der die Gablenberger zum „Führer“ standen.
Aus der Fahne wird ein Ball
Die Braunen ließen auch einen neuen Brunnen aufstellen, welcher der Hitler-Jugend gewidmet war, kurz HJ-Brunnen genannt. Gestaltet hat ihn der namhafte Bildhauer Julius Frick (1884-1964). Die vier Seiten zeigten Kinder der Hitler-Jugend und des „Bundes deutscher Mädel“ (BdM). Die Festschrift zur „Weihe“ beschreibt eine Seite in der NS-typischen Schwülstigkeit so: „Mit starken Beinen auf der deutschen Erde stehend, festen Blicks in die Zukunft schauend, gläubig, furchtlos und stolz steht der Hitlerjunge auf der vierten Seite des Brunnenpfeilers. Er trägt die Fahne des Führers; des Mannes, der uns unser Volk, die ewige Quelle unseres Seins rein und stark wiedergab.“ Nach dem Krieg wollte man zumindest die Fahne los sein – und meißelte sie zu einem Ball um.
In den 1980er-Jahren wurde der Platz umgestaltet, der Brunnen abgebaut und eingelagert. Während der Handels- und Gewerbeverein nach Abschluss der Arbeiten eine Wiederaufstellung anstrebte, schlug eine Initiative aus dem Umfeld der gewerkschaftlichen Kulturgruppe „Werk“ einen neu zu schaffenden Friedensbrunnen vor. Nach buchstäblich jahrelangem, teils erbittertem Streit fand der Bezirksbeirat den Kompromiss, dass zwar der Brunnen auf dem nun Schmalzmarkt genannten Platz erneut errichtet werden könnte, dass der alte Quell aber versiegen sollte. Das Wasser kam von nun an aus einem neuen Zulauf, ein Täfelchen an der Rückseite der Brunnensäule erinnert an die Geschichte.