Wegmarke Das Haus des Karl

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Schon mit der Namensgebung wollte König Karl der Tatsache Ausdruck verleihen, dass das 1885 eingeweihte Karls-Gymnasium in der Tübinger Straße ihm höchstpersönlich gehört.

1885 wurde das Schulgebäude eingeweiht. Foto: Achim Zweygarth
1885 wurde das Schulgebäude eingeweiht. Foto: Achim Zweygarth

S-Süd - „Aedificatum sub Karolo“ steht unter dem Giebel des Karls-Gymnasiums in der Tübinger Straße geschrieben. Von unten ist der Schriftzug kaum zu lesen; Beobachter müssen schon genau hinschauen. Die Widmung am Eingang bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt „Erbaut unter Karl“. Der dritte württembergische König Karl gründete das Karls-Gymnasium am 24. Mai 1881. Wert legte er dabei auf das „s“ am Ende von Karl in Karls-Gymnasium. Der König hatte seinem neuen Gymnasium den Namen nämlich nicht aus phonetischen Gründen verliehen. Im Gegensatz zu seiner Gattin Olga, die acht Jahre zuvor das Königin-Olga-Stift gegründet hatte, legte er Wert darauf, zu verstehen zu geben, dass diese Schule ihm gehört.

Vier Jahre später begnügte sich der König mit der oben genannten Inschrift, um unter dem Giebel auf den Bauherren des Gebäudes hinzuweisen. Zum Zeitpunkt der Gründung des Gymnasiums gab es das Gebäude noch nicht, dieses wurde erst vier Jahre später, am 15. Oktober 1885, feierlich eingeweiht. „Man behalf sich bis dahin solange noch mit anderen Gebäuden“, weiß der heutige Schulleiter Dieter Elsässer.

Das zweite humanistische Gymnasium Stuttgarts

Die Schule hat deshalb gewissermaßen zwei Gründungsdaten. Bis zur Gründung gab es in Stuttgart nur ein einziges humanistisches Gymnasium: das im Jahre 1686 eingeweihte Gymnasium illustre, das heutige Eberhard-Ludwigs-Gymnasium (Ebelu), eine der ältesten Schulen Stuttgarts, dessen Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Da in den Jahren vor der Gründung des Karls-Gymnasiums aber so viele Schüler in Stuttgart Latein lernen wollten, reichte der Platz im Ebelu nicht aus. Es war schlicht und einfach zu eng im Gymnasium illustre geworden.

Die Schülerzahlen hatten sich innerhalb von einem knappen Jahrzehnt verdoppelt: Waren es 1871 noch 515 Schüler gewesen, so wurden im Jahr 1879 bereits 1050 Humanisten gezählt. Eine Teilung des Ebelu wurde deshalb unerlässlich. Im Mai 1881 übernahm das Karls-Gymnasium 18 der 39 Klassen des Gymnasium illustre, welches fortan nach seinem Gründer Eberhard Ludwig benannt wurde. Bis heute sind die beiden Schulen die einzigen humanistischen Gymnasien Stuttgarts. Das denkmalgeschützte Gebäude des Karls-Gymnasiums wurde in den Jahren 1883 bis 1885 vom Stadtbaurat Adolf Wolff erbaut. Die Fassade ist im Stil der italienischen Renaissance gegliedert, Detailformen sind der deutschen Renaissance entnommen. Trotz mehrerer Fliegerangriffe im Zweiten Weltkrieg steht das Gebäude noch immer.

Der erste Schulleiter des Karls-Gymnasiums, Max Planck, war von dem italienischen Renaissancebau begeistert: „Die leichten, anmutigen Formen des neuen Gebäudes, die harmonischen Gliederungen der Fassade erinnern an jene Zeit, wo von Italien her Sinn und Geschmack für das Antike sich über das nördliche Europa verbreitete“, sagte der Rektor in seiner Rede anlässlich der Einweihung des Gebäudes.

Hochbegabtenzug und europäisches Abitur

Bis zu seinem 100. Geburtstag war das Karls-Gymnasium ein altsprachliches Gymnasium geblieben. In den letzten 31 Jahren hat sich das Schulprofil jedoch bemerkenswert geändert: Die Schule ist seit dem Jahr 2006 ein humanistisches Gymnasium mit einem Regelzug sowie einem Hochbegabtenzug. Heute gilt es als Expertenschule für Hochbegabtenförderung. Noch immer lernen alle Schüler dort die Sprachen Latein und Altgriechisch. Doch dabei ist es nicht geblieben. Seit kurzem darf sich die Schule auch Europäisches Gymnasium nennen. „Die Schüler lernen zwei alte und zwei neue Sprachen“, erklärt der Schulleiter Dieter Elsässer die Voraussetzungen für diesen Titel. Bis zum Abitur müsse ein Schüler jeweils eine alte und eine neue Sprache lernen, damit er oder sie ein europäisches Abiturzeugnis verliehen bekomme, sagt Elsässer.

König Karl wäre mit Sicherheit stolz angesichts dessen, was aus seiner Schule geworden ist. Schließlich war sie lange die einzige in Stuttgart mit Hochbegabtenzug.

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