Berthold Leibinger verzichtet auf den Vorsitz im Aufsichtsrat bei Trumpf. Sein Nachfolger wir der frühere BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Stuttgart - Berthold Leibinger löckt ganz gerne auch einmal gegen den Stachel. So etwa als er jüngst gefordert hat, man solle doch die Pflichtmitgliedschaft bei den Industrie- und Handelskammern überprüfen. Wenn das ein Mann sagt, der selbst von 1985 bis 1990 Präsident der IHK Stuttgart war, dann lässt das aufhorchen. Und nicht nur dies: Leibinger wird sich beim Gedanken an Reaktionen verschmitzt ins Fäustchen gelacht haben. Ganz so, wie es seinem feinen hintergründigen Humor entspricht. Ganz besonders freut ihn, wenn er einen Coup landet, mit dem keiner gerechnet hat: So etwa als vor sieben Jahren eifrig darüber spekuliert wurde, ob nun sein Sohn Peter oder sein Schwiegersohn Matthias Kammüller Nachfolger an der Spitze der Geschäftsführung werde. Trumpf-Chef Leibinger zog einen Trumpf besonderer Art aus dem Ärmel und erklärte lächelnd, seine Tochter Nicola werde an die Spitze rücken.

 

Zum Weltmarktführer geworden

Jetzt gibt der 82-jährige Vorzeigeunternehmer auch den Vorsitz im Aufsichtsrat bei dem Ditzinger Werkzeugmaschinenhersteller ab. Sein Nachfolger Jürgen Hambrecht war früher Vorstandsvorsitzender beim Chemieriesen BASF. Dort saß Leibinger lange Jahre im Aufsichtsrat – er kennt also seinen Nachfolger an der Spitze des Kontrollgremiums bei Trumpf. Für die Wahl von Hambrecht dürfte auch eine gewisse schwäbische Seelenverwandtschaft ausschlaggebend gewesen sein. Der Nachfolger kommt aus Reutlingen, sein Vater war Handwerker. Bodenständigkeit dürfte also weiter hoch im Kurs stehen. Beide Unternehmer kennen sich aber auch rund um den Globus aus. Auch Trumpf ist in der ganzen Welt aktiv. Der in Stuttgart als Sohn eines Kunsthändlers geborene Leibinger hat zwar auch Glück im Leben gehabt, doch eben auch ein feines Gespür bei künftigen Weichenstellungen. So etwa mit der Einführung des Lasers in seine Werkzeugmaschinen. „Ohne Laser wären wir heute nicht da, wo wir sind“, sagte er einmal. Wahrscheinlich wäre Trumpf eine Maschinenfabrik unter vielen geblieben, nicht zum Weltmarktführer auf einem zukunftsträchtigen Gebiet geworden.

Früh hat er auch erkannt, dass die Globalisierung unumgänglich und für den, der zeitig zugreift, eine Chance ist. 1950 trat er als Mechanikerlehrling bei Trumpf ein, besonders seine Patente halfen ihm, später das Unternehmen übernehmen zu können. Er studierte Maschinenbau, 1966 kehrte er nach einer Tätigkeit in den USA als technischer Geschäftsführer zu Trumpf zurück. Damals machte das Unternehmen einen Umsatz von umgerechnet 5,4 Millionen Euro – bis zum Geschäftsjahr 2011/12 stieg dieser auf mehr als 2,3 Milliarden Euro. Leibinger, geprägt durch seine Schulzeit im pietistischen „heiligen“ Korntal, hat dort früh Tugenden wie Fleiß und Sparsamkeit eingeübt – ohne jedoch zum Frömmler zu werden. Dazu ist er zu weltgewandt. „Oi Fabrikle am andera“, so hat er sich einmal bei einem Flug über das Remstal gefreut – jetzt kann er sich stärker seinem kulturellen Engagement widmen, etwa beim Deutschen Literaturarchiv. Doch wenn er „oi Fabrikle am andera“ sieht, wähnt er sich bestimmt fast in einer Art schwäbischem Paradies.