Weiers Weinlese Alte, junge Lemberger

Von Michael Weier 

Der Ruf der Weinliebhaber nach den neuen Jahrgängen kommt so sicher wie das Frühjahr. Dabei taugt Württemberger Wein längst auch zum Lagern, hat unser Weinkolumnist Michael Weier bei einer ganz besonderen Weinprobe erfahren dürfen.

Nicht jeder Mensch besitzt solche Gewölbe, aber auch in normalen Kellern kann man den Wein ein bisschen lagern Foto: DWI
Nicht jeder Mensch besitzt solche Gewölbe, aber auch in normalen Kellern kann man den Wein ein bisschen lagern Foto: DWI

Stuttgart - Werte Weinfreunde, heute wenden wir  uns einem sehr heiklen Thema zu. Der Neigung der Weintrinker, alle Weine nur jung zu konsumieren. Frisch. Wein mit all seinem jugendlichen Übermut. Ich ­behaupte keck, dies liegt daran, dass in Württemberg früher gar keine Weine gemacht worden sind, bei denen sich die Lagerung gelohnt hätte. Die Qualität war mäßig, durch die Frische waren Trollinger und Co. aber in Ordnung.

Was sich geändert hat, ist die Qualität des württembergischen Weins – und damit seine Lagerfähigkeit. Was sich aber nicht geändert hat, ist die Nachfrage der Kundschaft nach den neuen Jahrgängen, die kommt so sicher wie das Frühjahr. Das aber ist ein ­Fehler, liebe Leute, ein großer Fehler. Weil viele Weine in unserer Gegend eine Qualität erreicht haben, die durch ein gewisses Alter noch deutlich verbessert wird! Und das behauptet nun wirklich nicht nur der alte Herr Weier, der auf gereifte Gewächse steht. Nein, das sagen mir so ungefähr 96 Prozent aller Winzer, mit denen ich darüber rede.

Damit wir hier nicht wie die Blinden von der Farbe reden: Ich habe den Beweis! Und zwar war ich kürzlich bei einer ganz besonderen Weinprobe in Untertürkheim. Professor Marcus Mattis, der Vorsitzende im Manufakturrat der Genossenschaft und damit für eine gewisse weltläufige Art der Untertürkheimer zuständig, ­wollte möglichst viele alte Lemberger probieren. Am allerbesten eine Vertikale aller Top-Lemberger der Manufaktur. Vertikale bedeutet: viele verschiedene Jahrgänge eines Weines. Ja, und genau das haben wir dann gemacht!

Damit kein Neid aufkommt: Die Probe war natürlich professionell mit Kübeln zum Ausspucken. Ich habe mein Auto aber trotzdem daheim gelassen, was eine sehr gute Entscheidung war! Den Anfang machten die jüngeren Sachen. 2012 mit seiner tollen Frucht, der seidigere, erdige 2011er, der säurebetonte, würzige 2010er. Alle ein Traum, aber das war nicht die Überraschung. die lieferte der 2008er, der unglaublich präsent war, was der 2007er dann noch toppte. Exzellent! ­Zumindest so lange MÜSSEN die Weine reifen. Dann die Überraschungen: 2003, der absolute ­Spitzenjahrgang, war rund, ordentlich. Aber der 2004er davor: großartig. Dem folgten später ein 2000er, dessen Frische schlicht der Hammer war, und ein 1997er, dem das Alter kaum anzumerken war. Wie dem 1994er, dem Jungfernwein vom ­damaligen Kellermeister Otto Schaal.

Ich kann nur sagen: Leute, legt von euren Weinen was zur Seite. Es lohnt sich.