Weiers Weinlese Orangen auf den Tisch

Von Michael Weier 

Der Zeitgeist trägt kein weißes Laken mehr, sondern ein orangefarbenes! Im Weingeschäft ist Orange Wine derzeit der angesagte Trend – Weißwein auf der Maische vergoren. Er sollte aber ein Nischenprodukte bleiben, findet unser Weinkolumnist Michael Weier.

Orangen und Wein: Eine ganz spezielle Interpretation von Orange Wine Foto: Kristina/Fotolia
Orangen und Wein: Eine ganz spezielle Interpretation von Orange Wine Foto: Kristina/Fotolia

Stuttgart - Der Zufall hilft gelegentlich. Diese Woche musste ich kurz nach Untertürkheim, dort bin ich prompt über die neue Farbenlehre im Weinbau gestolpert, von der ich in der Sonntag aktuell geschrieben habe. Die neue Trendfarbe lautet: Orange. Und damit ist nicht die Kelter der dortigen Weinmanufaktur gemeint (wobei die ­Farbe mancher Steine gut passt), sondern der Ausbau des Weins. Orange ­Wine ist viel, selbst Winzer sind sich da in der ­Definition nicht ganz einig. Ich sage mal: Orange Wine ist ein Wein, der ein bisschen orangefarben schimmert, eigentlich ein Weißwein, der auf der Maische vergoren und mit möglichst wenigen Zusätzen versehen ist. Naturnaher Anbau wäre auch nicht schlecht.

Wie auch immer: Als ich mich mit Bernd Munk, dem Vorstands-Chef der Manufaktur, und dem Kellermeister Jürgen Off getroffen habe, sagte mir Bernd Munk ganz entspannt und zeigte auf seinen Kellermeister: „Er macht auch einen Orange Wine. Ich hab’s auch erst heute erfahren!“

Jürgen Off war ja schon immer den Neuerungen aufgeschlossen, wie so viele andere Winzer juckte es ihn in den ­Fingern: Alle reden vom Orange Wine, da will man doch mal ausprobieren! Jürgen Off hat ein bisschen Grauburgunder zur Seite gelegt und ­diesen auf der Maische gären lassen. Vier Wochen lang! Danach kam der Tropfen ins gebrauchte Holzfass – und dort liegt er nun rum. Der Chef des Kellers hat uns dann den Gefallen getan, einen Schluck aus dem speziellen Fass zu holen, was ich als Ehre empfinde. Ich habe also den ersten Untertürkheimer Orange Wine probiert! Das Ergebnis: spannend. Mein alter Chardonnay von vor vier ­Jahren ist mit Sicherheit schräger, dieser Grauburgunder dagegen ist einfach was Besonderes. Wegen des langen Kontakts mit der Maische schmeckt er derart nach Gerbstoffen, dass man mit geschlossenen Augen ganz sicher keinen Weißwein im Glas vermuten würde, sondern einen roten Südfranzosen vielleicht.

Aber eine Beurteilung passt eigentlich gar nicht, denn logischerweise braucht ein solcher Wein wie ein Barolo oder ein Bordeaux seine Zeit, bis die Gerbstoffe etwas runder werden. Eine längere Zeit im Fass, dann noch zum Reifen. Ich denke, da wird ein interessanter Essensbegleiter draus. Und die Farbe: Noch ist der Saft eher rosé, mit der Zeit wird er etwas an Farbe verlieren; wenn dann das reife Gelb eines Weißen dazukommt, dann gibt’s tatsächlich orangefarbenen Wein. Und keinen schlechten.

Habe übrigens gleich bei meiner Genossenschaft nachgefragt, dem Collegium Wirtemberg. Ich muss mir schließlich Gedanken machen, was in fünf Jahren aus ­meinem nächsten Chardonnay wird, wenn die ­Reben in einigen Jahren in den Ertrag kommen! Kellermeister ­ ­Martin Kurrle macht keinen Orange Wine. Aber er hat mit Maischestandzeiten und solchen ­Sachen natürlich experimentiert. Und lässt nun die Finger davon. Was nicht verkehrt ist, schließlich brauchen wir auch ganz normalen Weißwein. Und ­davon gibt’s in Untertürkheim und in Rotenberg trotz einiger Experimente genügend sehr guten.