Weihnachten in Bad Cannstatt Vom Fasten, Schlemmen und Glauben

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Andere Länder, andere Sitten: Weihnachtliche Traditionen unterscheiden sich in den unterschiedlichen Kulturen. Nicht überall wird Weihnachten im Dezember gefeiert. Ein Weihnachtsbaum und traditionelle Leckereien gehören jedoch fast überall dazu.

Zu Weihnachten gehört heutzutage in vielen Ländern ein geschmückter Baum. Auch der Gang zur Kirche und Geschenke dürfen nicht fehlen. Foto: Annina Baur, dpa (5), Thomas Schauz 11 Bilder
Zu Weihnachten gehört heutzutage in vielen Ländern ein geschmückter Baum. Auch der Gang zur Kirche und Geschenke dürfen nicht fehlen. Foto: Annina Baur, dpa (5), Thomas Schauz

Bad Cannstatt - Zeit mit Verwandten verbringen, Plätzchen verdrücken und den Weihnachtsbaum schmücken: Weihnachten ist das Fest der Rituale. Fast jede Familie hat ihre eigenen. Doch wie wird das Fest in anderen Ländern gefeiert?

Litauen Während hierzulande das Schlemmen schon in der Adventszeit beginnt, wird andernorts Abstinenz gelebt: „Die Adventszeit ist eine Art Fastenzeit“, erzählen Ugne Binkauskaite und Juozas Simanavicius, die auf dem Weltweihnachtsmarkt in Bad Cannstatt Keramik aus Litauen verkaufen. Fleisch und Milchprodukte sind tabu – sogar an Heiligabend! Stattdessen ist der Tisch gedeckt mit Fisch, Früchten und Gemüse: „Jeder muss mindestens zwölf Speisen kosten“, sagt Binkauskaite. Dies soll, angelehnt an die Zahl der Apostel, ein gutes Omen sein. Nach dem Abendessen geht es um 22 Uhr zum Gottesdienst. „Richtig gefeiert wird am 25. Dezember“, berichtet Simanavicius. Nachdem der Weihnachtsmann in der Nacht die Geschenke gebracht hat, wird am Morgen des 25. beschert und danach wird geschlemmt, Fleisch und Süßigkeiten sind wieder erlaubt. Dabei gibt es in jeder Familie eigene Traditionen: „Bei uns zum Beispiel gibt es eine Mohnsuppe, in die man Brotwürfel streut. Erwischt man eine gerade Zahl an Brotstücken, bleibt oder wird man Single, erwischt man eine ungerade Zahl, wird man ein Pärchen“, erzählt der Litauer schmunzelnd.

Ausgelassene Feier in Griechenland

Ungarn Wie in Deutschland wird in Ungarn an Heiligabend beschert, erzählt Gabriella Toth, die auf dem Weltweihnachtsmarkt ungarische Leckereien verkauft. „Abends ist die ganze Familie beisammen, nach dem Essen und der Bescherung gehen wir in die Mitternachtsmesse.“ Der Kirchgang sei wichtig in Ungarn: „Wer aus irgendeinem Grund nicht gehen kann, schaut sich eine Übertragung des Gottesdienstes im Fernsehen an.“ Am 25. und 26. Dezember stehen Besuche bei der Verwandtschaft an – „und wir essen viel zu viel“. Egal wie groß oder klein eine Familie sei: „Der Tisch ist voll und es besteht ein regelrechter Zwang zum Essen“, erzählt Toth lachend. Vor allem Deftiges komme auf den Tisch: „Viele Suppen, Kohlrouladen und Bratwurst gehören dazu.“

Griechenland In Siatista im griechischen Mazedonien, wo Miltiadis Katsaoras herkommt, beginnt Weihnachten gewissermaßen schon am 23. Dezember. „An diesem Abend werden in den Dörfern riesige Feuer aus trockenen Strohballen entzündet“, erzählt der Präsident des Cannstatter Quellenclubs. „Sie dienen der Voranzeige Christi Geburt.“ Am Morgen des 24. Dezembers ziehen Kinder von Haus zu Haus, um Christi Geburt zu verkünden. Einen Weihnachtsmann im deutschen Sinn gebe es in Griechenland nicht: „Traditionell ist der Nikolaustag der Tag, an dem die Geschenke gebracht werden.“ Erst im Lauf der Zeit habe sich die Sitte durchgesetzt, Kindern zu Weihnachten Geschenke zu machen. „Eigentlich werden am 25. Dezember der Namenstag des Christos und am 26. Dezember der Namenstag des Stefanos gefeiert“, erklärt Katsaoras. Namenstage sind in Griechenland wichtiger als Geburtstage. „Da stehen die Türen offen und jeder darf zu demjenigen kommen, der Namenstag feiert. Eine Einladung gibt es nicht.“ In seiner Heimat gebe es zu Weihnachten traditionell in Wein geschmorte Schweinerippchen – das Schwein wurde früher das ganze Jahr über für diesen Anlass gemästet. Insgesamt sei das Weihnachtsfest ausgelassener als in Deutschland: „Da wird auch mal getanzt, das vermisse ich hier.“ Der Kirchgang allerdings sei Pflicht.

Armenier feiern Heiligabend am 5. Januar

Kroatien Auch in Kroatien ist der Besuch des Gottesdiensts fester Bestandteil des Heiligabends: „Die ganze Familie besucht die Mitternachtsmesse“, erzählt Stjepan Basic, Vorsitzender des in Bad Cannstatt ansässigen Kulturvereins Velebit. Die Kinder müssen sich solange gedulden: „Geschenke gibt es erst nach der Messe oder für die Keinen am ersten Weihnachtsfeiertag.“ Traditionell werde wie überall viel gegessen: „Selbstgemachtes Brot, feine Braten und Gans gehören zu den Spezialitäten.“ In vielen Regionen gebe es spezielle Weihnachtsbräuche: „In manchen Gegenden wird etwa schon in der Adventszeit ein Weihnachtsweizen gesät, mit dem die Bauern um ein ertragreiches Jahr bitten“, erzählt Basic.

Armenien „Armenien ist das erste Land, welches das Christentum 301 nach Christus zur Staatsreligion erklärte“, erzählt Diradur Sardaryan, Pfarrer der armenischen Gemeinde, die eine Heimat in der Lutherkirche Bad Cannstatt hat. „Die Kirche in den ersten Jahrhunderten feierte das Fest der Geburt Christi und das Fest der Taufe Christi am 6. Januar.“ Dies ist bis heute so. Die Adventszeit beginnt 50 Tage vor Weihnachten und heißt Hisnak, es ist eine Fastenzeit. Die vorweihnachtlichen sieben Tage (29. Dezember bis 5. Januar) nennt man vorweihnachtliche Fastenwoche. Während dieser Woche ist untersagt, abends zu arbeiten. „Man soll sich körperlich und seelisch auf das wichtige Fest vorbereiten“, so der Pfarrer. Abends gehe man in die Kirche und erst, nachdem die Gemeindemitglieder die Heilige Kommunion empfangen haben, dürfen sie das Fasten brechen. Die Fastenzeit endet am Heiligen Abend, den die Armenische Apostolische Kirche am 5. Januar feiert. Nach einem Gottesdienst besuchen die Gemeindemitglieder in einer Prozession nahe stehende Häuser, um die Botschaft der Geburt Christi zu bringen. „Am 6. Januar findet der feierliche Morgenlob statt“, berichtet der Geistliche. Höhepunkt ist der Ritus der Wasserweihe als Symbol der Taufe des Herrn. Dafür taucht der Zelebrant (ein Pfarrer oder Bischof) ein Jesus Christus symbolisierendes Kreuz ins Wasser ein und übergibt es anschließend einem von der Gemeinde gewählten Kreuzpaten. Anschließend segnet der Zelebrant mit einem anderen Kreuz und durch das Eingießen vom Myronöl das Wasser, das anschließend an die Gläubigen ausgeteilt wird. Viele nehmen etwas Wasser mit nach Hause, wo die Familien Weihnachten mit einem mit Süßigkeiten, Nüssen und getrockneten Früchten geschmückten Baum feiern.

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