Weihnachten in Spanien Unsittliche Sitten im Advent

Neben Ochs, Esel und dem Jesuskind nimmt in Teilen von Spanien auch diese Figur Platz. Wie Schamlos! Foto: Annika Müller 4 Bilder
Neben Ochs, Esel und dem Jesuskind nimmt in Teilen von Spanien auch diese Figur Platz. Wie Schamlos! Foto: Annika Müller

Andere Länder, andere Krippen: in der Region Katalonien paart sich Heiliges mit Profanem. Eine unzüchtige Krippenfigur scheidet die Geister.

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Balaguer - Auf den ersten Blick scheint an Weihnachten auch in der Ferne manches vertraut. In der spanischen Region Katalonien hat zwar kaum eine Familie einen Christbaum, und Geschenke bringen die Heiligen Drei Könige erst am 6. Januar, die Krippen jedoch, die jedes Wohnzimmer, alle öffentlichen Gebäude und Plätze zieren, kennt man von zu Hause.

Doch eine der Figuren ist für Nichteingeweihte zumindest befremdlich: In Katalonien gehört neben der Heiligen Familie, Ochs, Esel, Hirten und Königen immer auch ein "Caganer" (sprich: "Kagané"), dazu - ein Männchen mit heruntergelassener Hose, das sich in unmittelbarer Nähe zum Jesuskind entleert. Dies ist kein neumodischer Scherz, sondern eine Tradition, die mindestens bis in den Barock zurückgeht, wie Jordi Arruga vom Verein "Amics del caganer", den "Freunden des Scheißers", erklärt.

"Wir alle sind der Caganer"

Woher die Verbindung von christlichem Fest und Exkrementen rührt, die übrigens auch in der katalanischen Sprache omnipräsent sind, kann niemand so recht erklären. Möglicherweise symbolisiert das düngende Männchen den Kreislauf der Natur. Jedenfalls durfte der Caganer von alters her als Glücksbringer nicht fehlen - zum Leidwesen all derer, die sich an den blanken Pobacken im Kreis der Heiligen Familie stören.

Spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts schimpfen die Gegner des Figürchens über die unappetitliche Geschmacklosigkeit. Andere sehen darin die katalanische Mentalität widergespiegelt, die sich wenig um das Heilige schert und lieber an die Bestellung des Feldes denkt. Vater Josep Maria Ballarân i Monset, ein Priester und katalanischer Schriftsteller, brachte es einmal auf die Formel: "Wir alle sind der Caganer." In der Tat sind in gewissen Momenten zweifelsohne alle Menschen gleich - ob arm oder reich, berühmt oder berüchtigt.

Auf der Fira de Santa Llócia, einem Weihnachtsmarkt in Barcelona, finden sich neben den traditionellen Caganer-Figuren in bäuerlichem Gewand oder katalanischer Tracht mit Schärpe und der Barretina-Mütze auch Promis und Politiker. Zur aktuellen Kollektion des größten spanischen Krippenfiguren-Herstellers gehören zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama, jeweils unten ohne.

Nicht einmal Franco konnte Caganer vertreiben

Gelegentlich kam es in Katalonien schon zu kleinen Skandalen, wenn sich Bürgermeister den politischen Gegner als kleinen Scheißer in die Krippe des Rathausfoyers setzten. Und 2005 wurde der Caganer aus der Stadtverwaltung in Barcelona verbannt, da einer der Stadträte fürchtete, er könne die Bürger zum Verrichten der Notdurft in der Öffentlichkeit anregen.

Oft sind die Scheißerchen gar nicht leicht zu entdecken, denn die Krippen sind weit üppiger ausgestattet, als es in Deutschland üblich ist. Im 18. Jahrhundert begann man bereits ganze Städte aus Ton und Moos zu bauen. Jeder Berufsstand sollte repräsentiert werden. Nicht einmal der Diktator Franco, der alle katalanische Kultur und Sprache verboten hatte, konnte den Caganer aus den Krippen vertreiben. Die Figur musste nur die katalanische Tracht ablegen, was der Kreativität seiner Schöpfer Tür und Tor öffnete.

Eine kleine Revolution war die Caganera im Minirock des Töpfers Luis Vâdal, noch zur düsteren, streng katholischen Franco-Zeit. In den vergangenen Jahren tauchte in ganz Spanien eine weitere Krippenfigur auf: der Demonstrant, wahlweise ein Hirte oder ein anderer Protagonist, der ein Schild mit durchgestrichener Nikolausmütze hält.

Der vielleicht wichtigste Protagonist in lebendigen Krippen

Denn die Globalisierung macht auch vor Weihnachtsbräuchen nicht halt: Weihnachtsmann, Christbaum und Jingle Bells nehmen auch in Spanien zu. Manche Familien feiern die Bescherung inzwischen am 24. oder 25. Dezember. Und in den Supermärkten finden sich zwischen traditionellem Mandel- und Marzipangebäck auch die eigentlich unüblichen Adventskalender, Schokonikoläuse und Lebkuchen, allesamt aus deutscher Produktion.

Der Caganer ist auch der vielleicht wichtigste Protagonist in den sogenannten lebendigen Krippen. In vielen katalanischen Dörfern herrscht an einigen Tagen im Dezember und Januar Ausnahmezustand: Die Straßen füllen sich mit in Schafsfell gekleideten Hirten, die Drei Könige ziehen in orientalischer Tracht und manchmal tatsächlich auf Kamelen ein. In einem Stall weint ein echtes Baby, während Herodes mit seinem Heer durch die engen Gassen zieht.

In manchen Dörfern stellen bis zu 200 Freiwillige das biblische Personal dar. Die mittelalterliche Tradition wurde in den 50er Jahren wiederentdeckt und greift seither um sich: Weit mehr als 50 Krippendörfer machen sich gegenseitig Konkurrenz. Sie beschränken sich längst nicht mehr nur auf die Weihnachtsgeschichte.

Nicht genug der derben Weihnachtsbräuche

So setzt man im Dorf Linyola in der katalanischen Provinz Lleida neben der Geburt Christi auch allerlei katalanische Legenden in Szene - vorzugsweise solche, bei denen Dämonen, Drachen und Feuer im Spiel sind. Außerdem erregen die Organisatoren immer wieder die Aufmerksamkeit mit dem "Casting del Cul", bei dem die Frauen den schönste Hintern der potenziellen Caganer-Darsteller auswählen dürfen. Der Gewinner bekommt 300 Euro und darf an sieben Tagen sein nacktes Hinterteil in den Winterhimmel von Linyola strecken.

Doch damit nicht genug der derben Weihnachtsbräuche: Am 24. Dezember vertreiben sich die Kinder die Zeit bis zur Mitternachtsmesse damit, den "Caga-Tio", also den Scheißerchen-Onkel zu schlagen. Dazu singen sie ein Lied, das den hohlen Ast, mit einem lustigen Gesicht bemalt, dazu auffordert, sich der in ihm versteckten Süßigkeiten zu entleeren. Wohl bekomm's!




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