Weihnachten in Zeiten der Krise Warum wir gerade jetzt radikale Heiterkeit brauchen
Radikale Heiterkeit und Humor sind in Krisenzeiten mehr als notwendig. Ein Plädoyer von Carina Kriebernig für eine schöne, aber auch ernste Angelegenheit.
Radikale Heiterkeit und Humor sind in Krisenzeiten mehr als notwendig. Ein Plädoyer von Carina Kriebernig für eine schöne, aber auch ernste Angelegenheit.
Der Krieg zwingt die Ukrainer und Ukrainerinnen in den Blackout-Modus, und doch gibt es Momente der Freude. In Kiew und Odessa gibt es aller Zerstörung zum Trotz so etwas wie Lichterglanz: Bei Stromausfällen setzen viele Betroffene auf weihnachtliche Lichterketten mit Batterie, die als einzige Beleuchtungsquelle in ihren Wohnungen dienen. Es werde Licht! Selbst in extremsten Lebenssituation und vielleicht gerade dann suchen die Menschen nach lichten Momenten, nach Heiterkeit, versuchen, die Dinge mit Humor zu nehmen.
Nun ist die Metapher Licht an Weihnachten, der neu geborene Christus, der als Licht in der Dunkelheit beschrieben wird und dessen Geburtstag auf den Tag der Wintersonnenwende gelegt wurde, ziemlich offensichtlich. Die Evangelien sind voll von heiterem Licht und sakralem Leuchten. Und doch zeugt dieses innere Leuchten – in Bethlehem wie in Kiew – von einer Heiterkeit, die auf den ersten Blick zwar leicht daherkommt, jedoch schwer zu erlangen ist.
Heiterkeit muss man bisweilen erlernen oder sogar erstreiten. Sie ist eine ernste Angelegenheit und hat nichts mit dem Zynismus der postmodernen Spaßgesellschaft und ihrer toxischen Positivität zu tun. Wenn uns als Gesellschaft die Heiterkeit verloren geht, wird es gefährlich. Wie also bewahrt oder erlangt man sie?
„Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch“, sagte der bayerische Komiker Karl Valentin über die Verbindung zwischen der Heiterkeit und der Schwere des Lebens. Der heitere Mensch schafft es, selbst in dunkelsten Zeiten die Leichtigkeit zu finden und am Ende sogar zu lachen – im besten Fall auch über sich selbst. Er sieht die Heiterkeit als Schutzschild in Zeiten des Terrors und der Krise, er verschließt sich dabei aber niemals vor dem Trübsal, sondern verwandelt alles Schwere und Ernsthafte in etwas Leichtes.
Befreit vom ständigen Doomscrolling - dem exzessiven Konsumieren negativer Nachrichten im Internet – und dem täglichen Verdruss geht die schönste Form der Heiterkeit mit einer Akzeptanz einher, die nicht überfordern will und doch harte Arbeit ist: Kenn deine Grenzen, mach dir keine Illusionen, befreie dich Tag für Tag von Erwartungen und trete der Welt gelassen gegenüber. Dass auch Humor dabei eine nicht unwichtige Rolle spielt, darf man besonders zu Weihnachten nicht vergessen und nicht mit verzweifeltem Mut verwechseln oder sich einreden lassen, dass Heiterkeit und Humor nicht mit Heiligkeit vereinbar wären.
Gerne erinnere ich mich dabei an eine Szene aus meiner Kindheit zurück. Kurz vor Weihnachten besuchte uns der Nachbar, der zufällig auch der Superintendent der evangelischen Kirche war. Wir standen im Wohnzimmer, wo soeben der kleine Christbaum auf der Bauerntruhe aufgeputzt wurde und meine erzkatholische Großmutter das Krippenspiel aufstellte. Sie erschrak, denn das Jesuskind fehlte in der Schachtel. Der erzevangelische Nachbar zögerte kurz, lächelte und griff in die Keksdose am Wohnzimmertischchen. Allen Ernstes legte er ein Vanillekipferl in die leere Krippe und nach drei Sekunden Ungläubigkeit musste auch meine Großmutter herzlich über diese zuckrige Improvisation dieses sonst so ernsten Mannes lachen.
Es wurde noch ein heiterer Nachmittag und Vanillekipferln haben seither eine andere Bedeutung für mich. Ob das Jesukind jemals wieder aufgetaucht ist, kann ich gar nicht mehr sagen.