Weihnachtskonzert des SWR-Vokalensembles Die Lichter flackern, die Klänge schillern

Sängerinnen und Sänger des SWR Vokalensembles bei einem Konzert im Oktober – am Donnerstag ist das Ensemble in Sillenbuch aufgetreten. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Das SWR-Vokalensemble und sein Leiter Yuval Weinberg haben in der Sillenbucher Sankt-Michael-Kirche auf Weihnachten eingestimmt.

Draußen klirrende Kälte und Schnee, drinnen wohliges Baden in warmer Klanglichkeit: Auch das SWR-Vokalensemble widmet sich in seinen Weihnachtskonzerten eher der meditativen und schöntönenden Musik als der avantgardistisch befeuerten – seine Programme bieten dann allerdings immer eine attraktive Alternative zum hierzulande weitverbreiteten barocken Jauchzen und Frohlocken.

 

Diesmal stimmte das Ensemble in der Sillenbucher Sankt-Michael-Kirche aufs Bevorstehende ein – zwischen geschmückten Weihnachtsbäumen und Illumination durch flattereffektiv mit LED-Kerzen bestückten Leuchtern.

Das Ensemble musste erst zusammenfinden

Aber auch das Vokalensemble kommt oft nicht umhin, die eigentlichen Weihnachtsbotschaften – wie „Ehre sei Gott in der Höhe“ oder „Fürchtet euch nicht“ – durch die Feder eines Alten zu übermitteln: nämlich des barocken, evangelisch-lutherischen Kirchenkomponisten Andreas Hammerschmidt, dessen Motetten das Ensemble an diesem Abend, unterstützt von einer Basso-Continuo-Gruppe und zwei flinken Zinken (Anna Schall und Martin Bolterauer), zum Besten gab. Musik, die hörbar nicht zum Kernrepertoire des Vokalensembles gehört, das in diesem Fall erst mal zusammenfinden musste, was Präzision und emotionale Durchdringung des Notenmaterials angeht.

Euphorische Steigerungen

Unter der musikalischen Leitung von Yuval Weinberg brillierten die 36 Sänger und Sängerinnen vor allem in Werken des 20. Jahrhunderts – von Krzysztof Pendereckis emphatisch swingenden „Cherubinischem Lobgesang“ über Maurice Duruflés von gregorianischen Gesängen infiltrierten Vier Motetten op. 10 bis hin zu James MacMillans „O radiant dawn“, das sich immer wieder in euphorischen Steigerungen entlädt.

In Schönheit sterben

Die Qualität des Ensembles, seine Perfektion zeigte sich wieder einmal besonders in jenen Werken, die sich in schillernden Mixturklängen und wohlig vibrierenden Reibungen ausbreiten: in John Taveners „Svyati“ für 12-stimmigen Chor und Solo-Cello-Gesang aus der Ferne sowie in „O Magnum Mysterium“ von Morten Lauridsen, beides Stücke, in denen die Dissonanzen in Schönheit sterben.

Cello-Klänge wie zerbrechliche Falter

Dramaturgische Überraschung des Abends: Zwischen den Chornummern des zweiten Programmblocks erklangen die sieben Miniaturen „Papillons“ (Schmetterlinge) für Solo-Cello von Kaija Saariaho. Eine zeitgenössische Komponistin, deren Werke man derzeit häufiger im Konzert hört – vermutlich, weil sich in ihnen Geräuschhaftes und Dissonantes zu fasslichen Bildern zusammenfügt. Der 19-jährige Cellist Lionel Martin – seit 2021 und für drei Jahre im „SWR2 New Talent“-Förderprogramm – spielte die kleinen musikalischen Zeichnungen eindrücklich, plastisch, schön. Und so assoziierte man in seinen feinen Flageolett-Trillern, Schraffuren und Glissandi, im Sirren und Surren bald zerbrechliche Zitronenfalter, nervöse Taubenschwänzchen und entspanntere Nachtfalter – winzige, ätherische, flatterhafte Wesen jedenfalls, mit denen ein Hauch von Vergänglichkeit durch die Sankt-Michael-Kirche schwirrte.

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