Weihnachtskonzert in Stuttgart Virtuos, fröhlich, feierlich: So war’s bei Till Brönner in der Liederhalle

Gern gesehener Gast in Stuttgart: Till Brönner, hier bei seinem Auftritt in der Liederhalle im Dezember 2023. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Adventszeit ist ohne Deutschlands besten Jazz-Trompeter in Stuttgart kaum mehr vorstellbar: Mit einer exzellenten Band macht Till Brönner für zwei Stunden in der Liederhalle die Welt ein bisschen besser.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Es ist schon eine Art Glaubenskrieg mit diesem „Last Christmas“: Entweder man liebt den Wham!-Evergreen, der vor 40 Jahren den Weihnachtspop komplett aufgemischt hatte, oder man hasst das Lied, das eigentlich an Ostern hätte erscheinen sollen. Till Brönner erklärt seinem Publikum im vollen Hegelsaal der Liederhalle, dass die meisten Menschen dieser Welt zur ersteren Kategorie zählen: „Last Christmas“ ist der erfolgreichste Weihnachtshit schlechthin.

 

Dass er nicht zu den ganz eingefleischten Fans gehört, daran lässt der Professor für Jazztrompete keinen Zweifel. Andererseits: Der Erfolg des, man muss ihn so nennen, Klassikers kann nicht ignoriert werden. Also hat Till Brönner „Last Christmas“ verjazzt und bringt damit den Saal zum Beben und die Fans zum Singen. Das liegt einerseits am brillanten Arrangement, das nicht mehr so viel mit dem Original zu tun hat und zum Finale von Brönners „Silent Night“-Show elegant-virtuos mit dem echten Klassiker „Feliz Navidad“ verwoben wird. Da singen selbst jene im Publikum mit, animiert von der fantastischen Sängerin Kim Sanders, die „Last Christmas“ eher weniger toll finden.

Zurück zu den Ursprüngen des Fests

Der Umstand, dass in den wenigen bisherigen Zeilen schon recht viele Superlative zu lesen sind, hat keineswegs mit einer mutmaßlichen euphorischen Ader des Verfassers zu tun. Till Brönner ist einfach ein fantastischer Musiker. Seine Band steht ihm in Nichts nach. Die schon erwähnte Kim Sanders eröffnet den zweistündigen Abend, nur begleitet vom Lokalmatador Olaf Polziehn am E-Piano, mit einer intensiven Version von „Nature Boy“.

Das 63 Jahre alte Stück, das einst Nat King Cole in die Welt getragen hatte, ist kein klassisches Weihnachtslied. Doch die Kernaussage, wonach es darauf ankommt, zu lieben und geliebt zu werden, die passt doch bestens zu Geschichte von Jesu Geburt, sagt Till Brönner und macht damit klar, dass seine Weihnachtskonzerte, mit denen er sechs Wochen durch Deutschland zieht, an die eigentlichen Wurzeln des Festes gehen.

So auch bei der irischen Weise „Auld Lang Sayne“, in der eine Mutter um ihren Sohn bangt, der im Krieg ist. So wie tausende Mütter in der Weihnachtszeit 2024 in der Ukraine, in Russland, im Nahen Osten und an vielen anderen Orten dieser Welt. Brönner spricht die Wirklichkeit immer wieder an, nicht ohne zu betonen, dass seine Band und er dem Publikum zwei Stunden der Freude und der Unbeschwertheit bescheren wollen.

Und der ganz hohen Kunst, möchte man hinzufügen. Herausragend ist seine Interpretation von „Winter Wonderland“, in der der Chef an der Trompete mit der Stimme der Sängerin flirtet. Oder wenn Till Brönner bei „Moonriver“ mit Fausto Beccalossi virtuose Exkursionen startet. Der Mann vom Gardasee gibt mit seinem Akkordeon und diversen Chat-Einlagen, die nichts mit einem Smartphone zu tun haben, dem weihnachtlichen Klangteppich eine ganz eigene Note: melancholisch, verspielt, fröhlich, feierlich.

Bei den Weihnachtskonzerten Till Brönners ist auch die Bühne festlich gestaltet. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das erfolgreichste Weihnachtslied haben wir schon abgehandelt. Kommen wir noch zum weltweit bekanntesten. Das ist „Stille Nacht“, vor mehr als 200 Jahren aus der Hoffnung heraus in einem österreichischen Bergdorf entstanden. Heute ist es fast allen Menschen ein Begriff, egal welchem Kulturkreis sie entstammen.

Und weil es so international ist, und weil Stuttgart ja ohnehin „fast mediterran“ ist, wie der in Berlin lebende Brönner meint, hat der musikalische Kopf des Ensembles, Bassist Christian von Kaphengst, daraus eine Silent Night Samba gemacht, bei die Liederhalle tanzt und der geniale Schlagzeuger David Haynes ohne Stöcke sein Instrument bearbeitet.

Geht noch mehr? Ja: „La-le-lu“. Erst nach dem Gute-Nacht-Lied, einst von Heinz Rühmann in der Nachkriegszeit gesungen, geht das Publikum beseelt in die raue Welt der Vorweihnachtszeit 2024 zurück. Wie hatte es einst in der Werbung geheißen? Wir machen die Welt ein bisschen besser. Till Brönner und seine Band haben sie am dritten Advent tatsächlich ein Stück besser gemacht.

Till Brönners Setlist in Stuttgart

1. Nature Boy

2. Auld Lang Sayne

3. White Christmas

4. Winter Wonderland

5. Moonriver

6. Il Postino

7. Let it Snow

8. Better than Christmas

9. Bein’ Green (Muppet Show)

10. What A Wonderful World

11. Silent Night Samba (Stille Nacht)

12. Last Christmas

13. Feliz Navidad

14. La-Le-Lu (... nur der Mann im Mond schaut zu)

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