Esel und Schafe am Esslinger Postmichelbrunnen: Nicht jeder ist ein Fan von Tieren auf dem Weihnachtsmarkt. Foto: Roberto Bulgrin
Tierschützer fordern die Abschaffung der lebenden Krippe in Esslingen, doch die Stadt verteidigt die Tradition. Was steckt hinter der Kontroverse?
Melanie Csernak
11.12.2025 - 08:00 Uhr
Zwei Esel, zwei Schafe und zwei Lämmer leben während des Esslinger Weihnachtsmarkts für einige Wochen am Postmichelbrunnen. Die Tiere sind Teil der lebenden Krippe, die seit mehr als 25 Jahren stets in der Adventszeit eingerichtet wird. Doch immer wieder wird auch Kritik daran laut. Nun hat der Verein „Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg“ eine Kampagne gegen die lebende Krippe in Esslingen gestartet.
Laut Julia Thielert vom Verein Menschen für Tierrechte sind lebende Krippen auf Weihnachtsmärkten problematisch, weil die Marktsituation Stress für die Tiere bedeute – etwa durch ständige Menschenansammlungen, fehlende Distanz, dauerhafte akustische und visuelle Reize, mangelnde Rückzugsorte und große Unruhe in der Umgebung. Der Stall am Postmichelbrunnen schütze die Tiere zwar vor Regen oder Wind, nicht aber vor Belastungsfaktoren wie Lärm, Trubel oder Fotoblitzlicht. „Die Tiere können sich der Situation nicht entziehen, wie sie es in naturnahen Haltungsformen tun würden“, so Thielert.
Andere Städte haben lebende Krippen abgeschafft
Ihr Verein habe in den vergangenen Jahren bereits mit der Stadt Esslingen, dem Stadtmarketing sowie mit der Tierhalterin Kontakt aufgenommen. „Unsere Hinweise wurden zur Kenntnis genommen, führten bislang jedoch nicht zu einer Änderung der Praxis“, sagt Thielert. Deshalb sei öffentliche Aufmerksamkeit wichtig, um die Diskussion erneut anzustoßen. In anderen Städten habe das bereits gefruchtet: So sei etwa die lebende Krippe in Reutlingen im vergangenen Jahr und die in Stuttgart in diesem Jahr abgeschafft worden.
Danach sieht es in Esslingen jedoch nicht aus. Erst im Frühjahr hatte sich der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats mit dem Thema beschäftigt, nachdem die Fraktion Linke/FÜR die Abschaffung der lebenden Krippe aus Gründen des Tierwohls beantragt hatte. Eine Mehrheit in dem Gremium war jedoch für die Beibehaltung der Krippe – schließlich sei diese eine beliebte Tradition und eine Attraktion jenseits des Konsums, so die Argumentation.
Esslinger Weihnachtsmarkt: Tradition trifft auf Tierschutzdebatte
Das betont auch Michael Metzler, Geschäftsführer der Esslinger Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft (EST), die den Esslinger Mittelalter- und Weihnachtsmarkt veranstaltet: „Für Generationen von Familien gehört dieser Anziehungspunkt zur Weihnachtszeit dazu“, erklärt er. „Gleichzeitig nehmen wir den Schutz und das Wohl der Tiere sowie mögliche Bedenken ernst“, so Metzler. Doch Letztere seien unnötig, denn alle behördlichen Auflagen würden erfüllt.
Laut Besitzerin sind die Esel den Trubel auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt gewohnt. Foto: Roberto Bulgrin
So seien die Tiere ordnungsgemäß untergebracht, hätten Auslauf- und Rückzugsmöglichkeiten und würden regelmäßig tierärztlich untersucht. Die Betreuung erfolge durch fachkundiges und geschultes Personal vor Ort, das Sichtkontakt zu den Tieren habe und das Fütterungsverbot überwache. Außerhalb der Öffnungszeiten und nachts kontrolliere ein Ordnerdienst. Im Übrigen sei das Votum der Stadträte im Frühjahr eindeutig gewesen, und zwar für die Beibehaltung der Einrichtung: „Eine Abschaffung der lebenden Krippe steht nicht zur Debatte“, sagt Metzler.
Die lebende Krippe als Publikumsmagnet
Das dürfte Jens Walter erfreuen, der direkt am Postmichelbrunnen sein Spielwarengeschäft betreibt und große Stücke auf die Krippe hält. „Die lebende Krippe ist vor allem für Kinder etwas ganz Besonderes.“ Es werde viel Aufwand betrieben, um sie so schön und tierfreundlich zu gestalten, sagt Walter. Viele Besucher kämen eigens für die Tiere zum Postmichelbrunnen: „Das ist ein absoluter Publikumsmagnet.“
Davon profitiere natürlich sein Geschäft – aber nicht nur seines. „Wenn wir diese Attraktion verlieren, hätten wir eine Besonderheit weniger auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt.“ Und das, glaubt Walter, könne sich die Stadt in diesen Zeiten nicht erlauben. „Die lebende Krippe ist nichts, was man leichtfertig aus dem Portfolio streichen sollte“, findet er. Zumal er den Eindruck habe, dass die Tiere in der benachbarten Krippe sehr gut umsorgt werden.
Tierhalterin kann Kritik an Esslinger Krippe nicht nachvollziehen
Das betont auch Anette Wohlfarth, die Betreiberin der lebenden Krippe. Wohlfarth hat einen Schafzuchtbetrieb in Metzingen und ist Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands Baden-Württemberg. „Ich kann die Kritik überhaupt nicht nachvollziehen“, sagt sie. Als Tierhalterin verpflichte sie sich schließlich das ganze Jahr über, die Vorgaben des Tierrechts einzuhalten – ihren Tieren gehe es auf dem Weihnachtsmarkt mindestens genauso gut wie daheim.
Denn sie hätten mit dem Stall einen geeigneten Rückzugsort, der nachts sogar noch mit Bauzäunen samt blickdichter Planen abgeschirmt und von Security bewacht werde. Zudem betreibe sie einen Stand mit Schafwollprodukten direkt gegenüber der Krippe, sodass immer jemand ein Auge auf die Tiere habe, die im Übrigen auch regelmäßig vom Veterinäramt überprüft würden.
Die Esel seien das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt nach ihren wiederholten Aufenthalten dort ohnehin schon gewohnt, sagt Wohlfarth – und aus ihrer mehr als 500-köpfigen Schafherde suche sie stets besonders geeignete und selbstbewusste Tiere für die lebende Krippe aus. Ihr Eindruck ist: „Die Tiere genießen den Weihnachtsmarkt – sonst würden sie sich ja nicht hinstellen und streicheln lassen.“
Weihnachtsmärkte mit Tieren und ohne
Stuttgart Im Frühjahr hat eine Mehrheit aus Linken, SÖS, Puls, Grüne, SPD und Volt im Stuttgarter Gemeinderat beschlossen, künftig keine öffentlichen Flächen mehr „zum Zweck der Unterhaltung mit lebenden Tieren zur Verfügung zu stellen“, wie es im entsprechenden Antrag hieß. Damit war die lebende Krippe, die seit 1999 Teil des Stuttgarter Weihnachtsmarkts war, Geschichte.
Land Auch anderswo in Baden-Württemberg gibt es noch lebende Krippen auf den Weihnachtsmärkten – laut dem Verein Menschen für Tierrechte etwa in Ulm oder Schwäbisch Gmünd. In Reutlingen hingegen sei im Jahr 2023 zum letzten Mal eine lebende Krippe gezeigt worden.