Weihnachtsmarkt in Ludwigsburg Das Weihnachtsmarktwunder

Regen, Kälte? Besuchern des Ludwigsburger Weihnachtsmarkts macht das nichts. Im Gegenteil. Foto: factum/Simon Granville

Warum stellen sich Verkäufer vier Wochen auf einen Platz und frieren? Warum freuen sich Kunden an fettigem Essen? Warum ist Weihnachtsmarkt toll, trotz Amokprävention und Taschendieben?

Region: Verena Mayer (ena)

Ludwigsburg - Friedlich und besinnlich ist es auf dem Weihnachtsmarkt streng genommen nur früh am Morgen. Wenn keine Fett-Rauch-Zucker-Schwaden in der Luft hängen. Keine Bommelmützen-Elchhaarreifen-Kombinationen den Blick ablenken. Keine Kinderschreie und Flötentöne die Ohren irritieren. Und die Füße sicher sind vor Kinderwagenschiebern und Regenschirmträgern. Wenn allenfalls ein Securitymensch durch die Budengänge schlendert oder ein Transporteur neuen Glühwein in Kanistern anliefert. Andererseits hört man dann auch nicht Sätze, die so klingen: „Bass uff, dass mir die Oma net verlieret.“ Oder: „Musch du amol uffs Klo?“ Vor allem kann man dann auch niemanden fragen: „Warum?“

 

Warum drängen sich Erwachsene an einem Stehtisch, um ein rotes Würstle für vier Euro zu essen? Warum treffen sich Jugendliche in der Kälte, um Christbaumkugeln in Form eines Totenkopfes zu kaufen? Warum warten Besucher im Regen, um sich über gewalkte Röcke zu informieren? Warum schieben sich Menschen über einen dekorierten Platz, um Produkte zu bestaunen und zu konsumieren, die es das ganze Jahr über überall gibt?

Wichtig ist die Atmosphäre

„Weil’s was Besonderes ist“, sagt ein Ehepaar, das einen Urlaubstag auf dem Weihnachtsmarkt verbringt und Kinderpunsch trinkt. „Weil’s gemütlich ist“, sagt ein feiner Geschäftsmann, der ein Fleischküchle verdrückt. „Weil’s dazu gehört“, sagen zwei sehr betagte Damen, die sich seit 60 Jahren alle Jahre wieder auf dem Weihnachtsmarkt verabreden.

„Weil wir’s brauchen“, sagt ein Herr, der seit mehr als zwei Jahrzehnten zum Thema Weihnachtsmarkt forscht. Exakt wiedergegeben formuliert es Gunther Hirschfelder, Soziologe aus Regensburg, so: „Der Zweck des Weihnachtsmarkts liegt in der Stiftung von Identität.“ Es gehe nicht um Glaube, Einkehr und Christi Geburt. Es gehe um Atmosphäre, das Gefühl von Geborgenheit, die Erinnerung an die Kindheit. Gerade in einer Gesellschaft, die immer uneinheitlicher und einer Zeit, die immer kriselnder wird. Gemeinsame Verabredungen, analoge Begegnungen – das vermeintlich Außergewöhnliche wird geschätzt.

Famose Geschäfte

So weit, so gut. Doch was ist mit den Händlern? Warum verlässt Regina Langlotz ihr Domizil auf Thailand, um in Ludwigsburg von morgens bis abends Fleisch und Wurst zu brutzeln? Warum pendelt Hans-Joachim Görtz täglich von Öhringen, um Socken an Damen und Herren zu bringen? Warum steht Susanne Hammer zehn Stunden am Tag in einer Holzbude, in der es ohne Ofen nicht auszuhalten ist, um sich von ihren selbst getöpferten Waren zu trennen?

Lesen Sie hier: Zwölf Fakten zum Ludwigsburger Weihnachtsmarkt

Eigentlich muss man das nicht fragen: Die Händler wollen ein Geschäft machen. Und der Weihnachtsmarkt ist dafür ein gutes Pflaster. Auf 1,7 Milliarden Euro beziffert der Bundesverband Deutscher Schausteller und Marktkaufleute den Umsatz der Beschicker aller 2000 größeren Weihnachtsmärkte in der Republik. Auf einen mittelhohen einstelligen Millionenbetrag dürften es schätzungsweise die 180 Beschicker in Ludwigsburg schaffen. Bemerkenswerterweise geben die Befragten aber noch andere Antworten. „Weil der Markt schön ist“, sagt Regina Langlotz. „Weil immer Leben da ist“, sagt Susanne Hammer. „Weil die Kunden warmherzig sind“, sagt Hans-Joachim Görtz – und meint damit: warmherziger als Kunden auf anderen Märkten.

Ausbruch aus dem Alltag

Das wiederum könnte mit einer weiteren Erkenntnis Gunther Hirschfelders zu erklären sein. Der Weihnachtsmarkt, so der Soziologe, bietet eine Ausnahme vom streng regulierten Alltag. Auf dem Weihnachtsmarkt gönnt man sich Dinge, die man sich sonst nicht gönnt – und von denen man womöglich gar nicht wusste, dass man sie gerne hätte. Auf dem Weihnachtsmarkt also macht man sich locker – und wird so womöglich warmherziger.

Im vergangenen Jahr hat ein Gastronom die Stadt (erfolglos) verklagt, weil er keinen Platz mehr auf dem Weihnachtsmarkt bekam. Überhaupt ist es kein Spaß die Stände so zu platzieren, dass niemand Ärger macht. Seit zwei Jahren muss der Markt auch amoksicher sein. Und vor Taschendieben und Falschgeld ist man eh nie sicher. Und trotzdem hält das die Stadt nicht davon ab, den Weihnachtsmarkt zu organisieren. Einmal also noch: Warum?

Das ganze Jahr Weihnachten?

„Der Markt hat eine riesige Strahlkraft“, sagt Mario Kreh, der städtische Tourismus- und Events-Chef. Wenn man binnen vier Wochen eine knappe Million Besucher in die Innenstadt locken kann, nimmt man Ärger und Arbeit in Kauf. Außerdem: Gäbe es den Weihnachtsmarkt nicht, wäre es auch um den Pferdemarkt und die Venezianische Messe schlecht bestellt. Mit den rund 500 000 Euro, die Mario Kreh mit der Budenvermietung einnimmt, werden die anderen Feste subventioniert, die keinen oder wenig Eintritt kosten. Man könnte sagen: In Ludwigsburg ist das ganze Jahr Weihnachten.

Aber davon würde Gunther Hirschfelder vermutlich abraten: Wenn der Weihnachtsmarkt nicht mehr besonders ist, stiftet er auch keine Identität mehr.

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