Weil der Stadt Auf der Jagd nach den Zeichen der Steinmetze

Von Brunhilde Arnold 

Zum Abschluss des Strandsommers gibt es eine Nachtwächter-Führung speziell für Kinder.

Nachtwächter Gerd Diebold erklärt den Kindern die katholische Stadtkirche. Foto: factum/Bach
Nachtwächter Gerd Diebold erklärt den Kindern die katholische Stadtkirche. Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - Sie stehen mit großen Augen und erwartungsvoll da, die rund 15 Kinder, die gleich mit den Nachtwächtern durch Weil der Stadt ziehen wollen. Begleitet von Eltern oder Großeltern und be­waffnet mit Taschenlampen haben sie sich unter den Rathausarkaden versammelt zu einer speziellen Kinderführung mit Gerd Diebold und Manfred Nittel. „Dieser Laternenlauf soll der Abschluss des Weiler Strandsommers sein“, sagt Nachtwächter Gerd Diebold, der wie sein Kollege im typischen Berufs-Outfit vor den Kindern steht: mit langem grauen Umhang, Laterne und Hellebarde.

„Erschrecket nicht“, warnen die Nachtwächter das junge Publikum, bevor sie ins Horn blasen, um ihre Botschaft kundzutun. „Wir zeigen euch heute etwas von Weil der Stadt, wie es im Mittelalter war“, sagt Manfred Nittel und fügt hinzu: „Damals hatten übrigens die Kinder zu dieser Jahreszeit keine Schuhe, sie sind alle barfuß gelaufen.“ Die Kinder im Alter von vier bis etwa zehn Jahren lauschen gebannt, als die Nachtwächter von der Arbeit, wie sie ­früher war, erzählen. Sie machen vor, wie man laut „Feurio, Feurio“ rufen musste, wenn es brannte.

Weniger detailreich

Nittel und Diebold führen seit vielen Jahren Gäste durch die Weil der Städter Geschichte, die sie detailreich zu schildern wissen. Für die Kinder sei die Führung allerdings deutlich kürzer und auch weniger detailreich und drastisch als für das erwachsene Publikum.

„Ich finde es gut, dass sie so eine Führung jetzt auch für Kinder machen“, sagt Jürgen Faude, der mit Frau und den sechs und neun Jahre alten Enkelinnen aus Grafenau angefahren ist. Andere Teilnehmer kommen etwa aus Magstadt und Renningen, viele aber auch aus Weil der Stadt selbst. Und weil gut die Hälfte bei der Kinderführung Erwachsene sind, teilen sich beispielsweise Jung und Alt vor der Kirche St. Peter und Paul auf: Während die Begleitpersonen Historisches erfahren, ­suchen die Kinder ganz aufgeregt nach den Zeichen, mit denen sich die Steinmetze in der Kirchenmauer verewigt haben. Das ergibt ein spannendes Bild, wie ein Dutzend Taschenlampen an der Steinmauer entlanghuschen und sich die Kinder jedes Mal freuen, wenn sie etwas entdecken. Eine Weil der Städterin, die mit ihren vier und sieben Jahre alten Söhnen dabei ist, sagt ganz überrascht: „Diese Zeichen habe ich auch noch nie gesehen.“ Schon der Kleine sei bei der Suche ganz aufgeregt.

Weiter zieht die Taschenlampenparade durchs inzwischen fast dunkle Städtchen. Gerd Diebold zeigt den Kindern ein schönes Fachwerkhaus, die ehemals erste Lateinschule in Württemberg, in der bereits der spätere Reformator Johannes Brenz die Schulbank gedrückt hat.

Das interessiert die Kinder allerdings nicht so sehr. Vielmehr wollen sie nun wissen, was es mit der Hellebarde auf sich hat. Die Leute hatten diese früher zu ihrer ­Verteidigung, erklärt Manfred Nittel. Deswegen habe man sie auch Spießbürger genannt. Sie hätten mit der Hellebarde sogar einen feindlichen Reiter zu Fall bringen können, erzählt er weiter, und mit dem Spieß hätten sie den dann gekitzelt, so dass der sich totgelacht habe. Diese Umschreibung quittieren die Eltern mit Lachen und Beifall, während die Kinder etwas ratlos dreinschauen.

20 Brunnen in Weil der Stadt

Weiter geht es zu den Brunnen, von denen es allein in der Kernstadt 20 Stück gibt. Gerd Diebold, der mit 23 Jahren Wassermeister von Weil der Stadt wurde, erzählt, dass es erst seit 110 Jahren fließendes Wasser in den Häusern der Stadt gibt. Vorher hätten auch die Kinder regelmäßig zu den Brunnen gehen und Wasser holen müssen. Während er dann das Kloster erklärt, haben die Kinder ihren Spaß daran, im ­dortigen Brunnen zu planschen, und ein Bub fragt seine Mutter: „Gehen wir hinterher noch etwas essen?“

Die Aufmerksamkeit der Kinder lässt allmählich nach. Ein Neunjähriger zeigt sich enttäuscht, weil er so gerne auf die Stadtmauer gegangen wäre. „Ob ihn die Führung wirklich interessiert hat, weiß ich nicht“, sagt sein Vater. „Aber er ist ganz gut mitgelaufen und es ist mal etwas anderes.“ Am Ende ertönen unter den Rathausarkaden wieder die Hörner von Gerd Diebold und Manfred Nittel. Ob sie solche speziellen Kinderführungen künftig regelmäßig machen, wissen sie noch nicht. Aber sie ­machen darauf aufmerksam, dass sie auch Führungen etwa für Kindergeburtstage und ähnliches anbieten. Das quittiert eine Mutter mit der Bemerkung: „Oh gut, dann habe ich schon ein Geschenk.“




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