Weil der Stadt Eine „Strangulierbirne“ als Überraschung

Von Regine Brinkmann 

Auftakt für die landesweiten Pflegetage der Streuobstwiesen. Viel altes Fachwissen droht verloren zu gehen.

Eine Gelbe Wadelbirne, eine heute seltene Sorte,  wird im Hausener Gewann Am Lindenberg gepflanzt. Foto: factum/Jürgen Bach
Eine Gelbe Wadelbirne, eine heute seltene Sorte, wird im Hausener Gewann Am Lindenberg gepflanzt. Foto: factum/Jürgen Bach

Weil der Stadt - Schauplatz der Auftaktveranstaltung zu den 13. landesweiten Streuobstpflegetagen ist am Wochenende der kleinste Weil der Städter Ortsteil Hausen gewesen. Mit der Aktion will der Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg (LOGL) auf den Wert der heimischen Streuobstwiesen als gewachsene Kulturlandschaft und ihre Bedeutung für den Erhalt von Sorten- und Artenvielfalt aufmerksam machen.

„Die Medien sind voll mit Schlagzeilen über die Klimarettung und den Schutz der Insekten. Aber mit Horrormeldungen und Verboten allein ist es nicht getan“, sagt die LOGL-Präsidentin Sigrid Erhardt, die mit Landesgeschäftsführer Rolf Heinzelmann angereist ist. „Wir brauchen persönliches Engagement und Bildung, die aufklärt, was wir tun können, auch bei der Gestaltung unserer Gärten und Obstwiesen,“ weiß die Fachfrau.

Auch Heinzelmann findet klare Worte: „Wir wollen die Streuobstwiesen, die es hier noch gibt, erhalten. Deshalb ist es wichtig, dass die Besitzer motiviert und unterstützt werden, auch finanziell, und nicht noch weiter reglementiert.“ Streuobstwiesen sind wichtige Schutzräume für Pflanzen, Tiere und Insekten, sie haben Einfluss auf das Mikroklima und schützen durch den geschlossenen Unterwuchs vor Bodenerosion. Doch die im Gegensatz zu Obstplantagen eher mühevolle Pflege der einst überlebenswichtigen Streuobstwiesen ist wirtschaftlich unrentabel geworden, und das Wissen um das, was zum Erhalt wichtig ist, geht langsam verloren.

Dem stehen die Obst- und Gartenbauvereine (OGV) der Region entgegen, sie setzen sich aktiv dafür ein, dass Fachwissen erhalten bleibt und weitergegeben wird. Zum Beispiel über den richtigen Baumschnitt: „Nur schneiden hilft wenig, die Bäume müssen richtig geschnitten werden“, so die Gartenbauexperten, denn nur so könnten die alten Bäume überleben und Ertrag bilden.

Selbst Hand anlegen

„Wir wollen den Besitzern zeigen, wie sie ihre Bäume selbst schneiden können“, meint Manfred Nuber vom Böblinger Landratsamt, der selbst auch Baumschneidekurse gibt. Zahlreiche Gartenfreunde und Vertreter der OGV sind zur Veranstaltung gekommen. Knapp 40 Gäste drängen sich im Foyer der Firma PlasmaAir, die den Raum für die Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat.

Mit dabei sind auch der Erste Landesbeamte Martin Wuttke, der Weiler Schultheiß Thilo Schreiber und der Obst- und Gartenbauspezialist des Landratsamtes Martin Nuber. Sogar eine Prinzessin ist dabei: Laura Mutschler, Streuobstprinzessin des Landkreises Böblingen. Die 21jährige Hausenerin ist der Grund, warum Wuttkes fünfjährige Tochter ihn am Samstagmorgen freudig ziehen ließ, ein Foto von einer echten Prinzessin ist der Preis.

„Wir müssen das Bewusstsein für unsere Natur stärken und Aufmerksamkeit erregen, auch durch unsere Hoheiten“, sagt Wuttke mit einem Schmunzeln und nickt Streuobstprinzessin Laura zu. „Biodiversität“, fährt er fort, „hat viele Bausteine, und der Landkreis hilft, das Mosaik zu gestalten.“ Da wird er später vom Bürgermeister noch beim Wort genommen. Doch der LOGL hat noch eine Überraschung im Gepäck: Eine Gelbe Wadelbirne, die Streuobstsorte des Jahres. Die wird gleich im Hausener Gewann Am Lindenberg gepflanzt. „Früher war diese Sorte in Süddeutschland weit verbreitet, inzwischen ist sie sehr selten geworden und selbst in spezialisierten Gärtnereien schwer zu bekommen“, weiß Heinzelmann.

Lecker: Hutzelbrot

Die Gelbe Wadelbirne, wegen ihres hohen Gehalts an Gerbsäure auch „Strangulierbirne“ oder „Würger“ genannt, eignet sich besonders als „Hutzele“, als Dörrobst, aus dem auch das schwäbische „Hutzelbrot“ gebacken wird. Das hat es in früheren Zeiten als erlesenes Schmankerl bis an den russischen Zarenhof geschafft.

Doch bevor das seltene Bäumchen an seinem neuen Platz beheimatet wird, wartet Schultheiß Schreiber mit brandheißen Neuigkeiten auf: „Die Stuttgarter LOGL-Geschäftsstelle wird zu uns nach Weil der Stadt ziehen.“ Die Freude darüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Auf dem Weiler Malersbuckel, in direkter Nachbarschaft zur Landesakademie für Jugendbildung, wird ein Bildungszentrum mit Lehrgarten und Streuobstwiese realisiert. Mit Blick auf den Ersten Landesbeamten Wuttke bringt Schreiber humorvoll die Hoffnung auf eine unkomplizierte Umsetzung des Bauvorhabens zum Ausdruck.

„Die Nähe zur Landesakademie für Jugendbildung hat für uns optimale Synergieeffekte, da wir das Thema Jugendbildung und Naturerziehung in Zukunft deutlich stärken wollen“, erklärt LOGL-Präsidentin Erhardt. „Denn nur für das, was man kennt, versteht und schätzt, setzt man sich auch wirklich ein.“

Wichtige Streuobstwiesen

Baden-Württemberg ist heute Streuobst-Land mit den bedeutendsten Streuobstbeständen in Europa. Sie bieten Lebensraum für rund 5000 Tier- und Pflanzenarten und prägen das typische Landschaftsbild im Südwesten und sind von hohem ökologischen Wert, die alten Obstsorten sind robust, wenig pflegebedürftig und dazu ein unschätzbares Genreservoir. Um die Bekanntheit der alten Sorten zu steigern, kürt der LOGL seit 1998 die Streuobstsorte des Jahres.




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