Weil der Stadt Haben wir einen „Problemwolf“?
Die Landwirte in der Umgebung sorgen sich um ihre Tiere. Nach dem ersten bestätigten Wolfsriss beim Weil der Städter Ortsteil Schafhausen informieren sie sich nun, welche Schutzmaßnahmen es gibt.
Die Landwirte in der Umgebung sorgen sich um ihre Tiere. Nach dem ersten bestätigten Wolfsriss beim Weil der Städter Ortsteil Schafhausen informieren sie sich nun, welche Schutzmaßnahmen es gibt.
Zwischen farbenprächtigem Sonnenuntergang und aufgehendem Vollmond stehen Landwirte, Schaf- und Pferdehalter, Jäger, Forstleute sowie einige Gemeinderäte in großer Runde im Grünen am Sportgelände oberhalb von Schafhausen zusammen. Anlass ist ein bestätigter Wolfsriss in dieser Gegend, der jüngst durch die Medien ging. Übergangen gefühlt haben sich in der Diskussion die Jäger und Landwirte vor Ort, beklagt Gisela Scheuermann. Sie und ihr Mann Volker sind zusammen mit zwei anderen Jägern Pächter des Jagdreviers rund um Schafhausen.
Drei Wölfe sind im Schwarzwald heimisch, so viel ist amtlich bestätigt. Man kennt die DNA der männlichen Tiere. Dass eines von ihnen im März ein Reh bei Schafhausen gerissen hat, konnte nicht nachgewiesen werden, dass es ein Wolf war, aber schon. „Eigentlich habe ich als Jägerin nichts mit dem Wolf zu tun“, erklärt Gisela Scheuermann. Sie habe trotzdem die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg darüber informiert, und vor allem „habe ich meinen Landwirten in der Umgebung Bescheid gesagt“.
Für die Jagdpächterin war das bereits der zweite Vorfall. Schon im Januar sei sie von einer Frau angerufen worden, die mit ihren Hunden im Wald unterwegs war und dort auf ein frisch gerissenes und stark angefressenes Reh gestoßen sei. Eine Wolfs-DNA habe durch den Kontakt des Tieres mit den Hunden nicht gefunden werden können. Am 26. April wurde dem Kreisjägermeister Bodo Sigloch in Merklingen ein gerissenes Reh gemeldet, erzählt der Vorsitzende der Kreisjägervereinigung Leonberg. Vom Erscheinungsbild des Risses her hätte es auch ein Hund sein können, doch es habe an dem Reh in kurzer Zeit so viel Fleisch gefehlt, dass er eher auf einen Wolf tippe, zumal einen Tag später ein Wolf an der Straße Richtung Simmozheim gesichtet worden sei. Die DNA-Untersuchung laufe noch.
Bei einem jungen Fuchs, der kürzlich mit durchbissener Kehle bei Schafhausen gefunden wurde, ist es nicht möglich, den Angreifer zu bestimmen. Der Wildtierbeauftragte des Landkreises habe ihn zur weiteren Untersuchung abgeholt. „Möglicherweise war hier ein Hund am Werk“, so Bodo Sigloch.
Diese Ereignisse verunsichern Landwirte und Tierhalter. „Seit der Wolf da ist, mache ich mir wahnsinnig Sorgen um meine Tiere“, beschreibt David Götz aus Schafhausen seine Gefühlslage. Er habe wertvolle Rinder und trächtige Kühe. Wenn der Wolf auftauche, gerieten diese in Panik, da helfe kein Zaun mehr, fürchtet er. „Wir sind völlig auf uns gestellt“, so schätzt Ralf Spitzenberger die Situation ein. Er hält Schafe, mit denen er vertraglich geregelt Landschaftspflege betreibt. „Wir machen das aus Überzeugung und für den Naturschutz“, sagt er. Nur wie er seine Tiere gut vor dem Wolf schützen soll, weiß er nicht. Herdenschutzzäune sind aufwendig zu installieren und schützen auch nicht sicher, meinen die Tierhalter und Jäger. Außerdem liegt Weil der Stadt gerade eben nicht mehr im Fördergebiet Wolfsprävention Schwarzwald, wo das Land solche Zäune mitfinanziert. Eine Erweiterung dieses Schutzgebiets würde schon ein wenig helfen, bestätigen die Landwirte auf Nachfrage.
Gisela Scheuermann und Bodo Sigloch betonen, dass die bisher verzeichneten Risse nicht auf einen „Problemwolf“ schließen lassen. Dazu werde er erst, wenn er immer wieder Weidetiere reiße oder Menschen bedrohe. Der Wolf auf Weil der Städter Gemarkung habe bisher ein natürliches Verhalten an den Tag gelegt, indem er Wildtiere reiße. „Wir Jäger wollen auf keinen Wolf schießen, sondern ihn schützen“, betont er. Dass Jäger auf den Wolf „jagdneidisch“ oder gar „schussgeil“ seien, wie es ihnen in den sozialen Medien vorgeworfen werde, sei einfach lächerlich, regt sich Gisela Scheuermann auf.
Der Kreisjägermeister Sigloch fordert ebenso wie im weiteren Verlauf der abendlichen Open-Air-Diskussion auch die CDU-Landtagsabgeordnete und Staatssekretärin im Ministerium Ernährung, ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Sabine Kurtz, dass der Wolf ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz des Landes aufgenommen werden soll. Dort würde dieser dann wie andere streng geschützte Tiere, etwa der Luchs oder das Auerhuhn, unter das Schutzmanagement gestellt werden, das dezidiert regelt, unter welchen Umständen in die Bestände eingegriffen werden darf. Dies tut übrigens auch das Bundesnaturschutzgesetz, das sich in einem extra Abschnitt zum Umgang mit dem Wolf befasst. „Wir haben mit 150 Rudeln und weiteren einzelnen Tieren einen ausreichenden Bestand“, sagt Sabine Kurtz. Risse von Weidevieh würden immer wieder gemeldet. Das Umweltministerium fordere, mehr Schutzzäune zu errichten. Man könne aber in der EU nur begrenzt öffentliche Gelder vergeben. „Jetzt müssen wir reagieren“, so die Politikerin, die Frage sei nur, wie.
Der Wolf „untersteht“ hierzulande dem Umweltministerium und unterliegt nicht dem Jagdrecht. Nur wenn ein Tier verhaltensauffällig wird, indem es sich mehrfach Menschen nähert oder aggressiv reagiert, oder wenn es zu einem „schadstiftenden Wolf“ wird, indem es Herdenschutzmaßnahmen überwindet, gibt es Möglichkeiten, es zu „entnehmen“. Dies erledigt dann ein darauf spezialisiertes „Entnahmeteam“, nachdem eine Einzelfallgenehmigung dafür erteilt wurde, so das Umweltministerium.