Weil der Stadt Vom Kriegsgebiet auf dem Weg zum Abitur

Von Bartek Langer 

Das Kepler-Gymnasium hat als eines der ersten im Kreis Böblingen Flüchtlingsschüler aufgenommen. Zur Weihnachtsfeier sind alle in der Stadt lebenden Geflohenen eingeladen.

Die 18-jährige Syrerin Leen (zweite von links) mit den Weiler Schülern. Foto: factum/Bach
Die 18-jährige Syrerin Leen (zweite von links) mit den Weiler Schülern. Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - Dass Christen zu Weihnachten die Geburt von Jesus feiern, das war dem Mädchen Leen schon in ihrer syrischen Heimat zu Ohren gekommen. Schließlich gab es vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs auch in Aleppo eine große christliche Gemeinde. Doch der Schoko-Weihnachtsmann, den ihr neulich ein spendabler Mitschüler vorsetzte, der hat die muslimische Frau umgehauen. „Einen Weihnachtsmann aus Schokolade habe ich noch nie gesehen!“, lacht die 18-Jährige.

Im Kepler-Saal des gleichnamigen Gymnasiums in Weil der Stadt türmen sich die Geschenke zu einem richtigen Berg. Eine ganz besondere Weihnachtsfeier steht auf dem Programm: Die Schüler haben alle in der Stadt lebenden Flüchtlinge eingeladen. Dazu zählt neben sechs weiteren Jugendlichen auch Neel, die jetzt die Abiturklasse besucht.

Die Gymnasiasten haben über 100 Päckchen mit Hygieneartikeln, Plüschtieren, Spielzeug und Süßigkeiten befüllt, darunter sogar „Halal“-Gummibärchen ohne Schweinegelatine. „Das Thema Flüchtlinge treibt uns doch alle um“, sagt Moritz Albrecht von der Schülermitverantwortung, der die Feier mit Katharina Schaible, Hannah Brinkmann und Paula Maas organisierte. Und Letztere ergänzt: „Weihnachten ist auch das Fest der Nächstenliebe!“ Weil sich die Schüler mit dem Arbeitskreis Asyl abgesprochen hatten, darf sich jeder über ein persönliches Geschenk freuen.

Crashkurs in Sachen Weihnachten

Nebst Präsent und Verpflegung gibt es obendrein einen Crashkurs in Sachen weihnachtliche Bräuche. „Bei den einen bringt das Christkind die Geschenke, bei den anderen der Weihnachtsmann“, erklären die Gastgeber. Und ganz wichtig: „Weihnachten ist die Zeit des vielen Essens!“ Obwohl Leen erst seit wenigen Wochen in Deutschland ist, übersetzt sie ins Arabische. Die englische und französische Version wird an die Wand projiziert.

Die 18-Jährige und die anderen Flüchtlingsschüler wurden durch eine Blitz-Integration an dem Gymnasium aufgenommen. „Das war für Januar geplant, doch dann kam schon im November der Anruf von der Stadt“, berichtet der Schulleiter Rolf Bayer, der einen runden Tisch mit allen Beteiligten ins Leben rief.

Das Weiler Gymnasium ist übrigens eines der ersten, das Flüchtlingskinder aufgenommen hat. Die beiden Zwölftklässlerinnen Kim Glumann und Lea Bauer haben das Konzept trotz Abistress ausgearbeitet. „Die Einbindung der Jugendlichen kann nur funktionieren, wenn sie Kontakte knüpfen“, erklären Kim und Lea. „Das lässt sich am besten an einer Schule umsetzen.“ Die Schülerinnen haben zudem die Betreuung der „Neuen“ übernommen. Ob Kino oder Weihnachtsmarkt – man trifft sich auch außerhalb des Unterrichts.

Individuelle Stundenpläne

„Sie tauen immer mehr auf und öffnen sich bei Problemen“, freut sich die Abteilungsleiterin Claudia Winter-Baker. „Das ist ein Zeichen, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Für Leen und ihre Mitschüler wurden individuelle Stundenpläne erstellt. Der Flüchtlingsbeauftragte David Barth nimmt sich mit Lehrkräften und Jugendbegleitern den Neuankömmlingen in Deutsch als Fremdsprache an. In der übrigen Zeit besuchen sie den Unterricht in den ihrem Alter entsprechenden Klassen.

Leen macht nicht nur gute Vorschritte in Deutsch, sie ist auch ein Mathe-Ass. „Im Unterricht steht sie an der Tafel und löst Aufgaben“, schwärmt Bayer, dem wichtig ist, dass die Schüler trotz traumatischer Erlebnisse keine Sonderbehandlung bekommen. „Sie brauchen die gleiche Führung, damit Normalität einkehrt.“

Übrigens: An ihrer syrischen Schule ist es deutlich strenger zugegangen, erzählt Leen. Es gab Handyverbot und gegessen wurde nur gemeinsam morgens und nachmittags. Freistunde, nach Hause gehen? Verboten. Für die Zukunft hat Leen Großes vor: „Ich möchte Medizin studieren.“