Weil der Stadt Was „Stille Nacht“ mit „Backe, backe Kuchen“ zu tun hat

Von Doris Alice Caumanns 

Georg Neininger lüftet Geheimnisse des berühmten Weihnachtsliedes, plaudert über dessen wechselvolle Geschichte und präsentiert es in vielfältigen Versionen.

Georg Neininger Foto: factum/Bach
Georg Neininger Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - Als die überaus zahlreichen Besucher am Abend in die Maria Königin-Kirche kommen, sehen sie in mehr als 20 Sprachen „Stille Nacht, heilige Nacht“ projiziert, dazu Covers der unterschiedlichsten Einspielungen von Heintje bis Helene Fischer und hören eine Collage aus verschiedenen Arrangements.

Georg Neininger, über ein Vierteljahrhundert Schulleiter der Würmtalschule und jahrzehntelang auch Leiter des Liederkranzes Malmsheim, erzählt Hintergründiges und Amüsantes, Verrücktes und Charmantes über das Wiegenlied, das die Welt erobert hat und ohne das Weihnachten gar nicht denkbar ist.

Neininger dokumentiert aber nicht nur die wechselvolle Geschichte des Liedes seit seiner Entstehung vor 200 Jahren, sondern es erklingt an diesem Abend in zahlreichen, ganz unterschiedlichen Versionen und Besetzungen mit dem ökumenischen Chor, dem Instrumentalkreis Weil der Stadt und Solisten.

Besonders beeindruckend ist die schlichte Schönheit der Originalfassung, wie sie an Heiligabend 1818 von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber samt Gitarrenbegleitung vorgetragen worden ist. Berührend ist, wenn syrische und afghanische Flüchtlingskinder das Lied in ihrer Muttersprache singen.

Was ist die Terzenseligkeit?

Neininger weist das Publikum auf den wiegenden 6/8-Takt und die zahlreichen Punktierungen hin – ähnlich wie in Bachs „Weihnachtsoratorium“. Dazu kommt das „Eia“-Motiv, eine Terz, wie sie in Kinderliedern wie „Backe, backe Kuchen“ oder „Hänschen klein“ auch häufig vorkommt, ein besonderes Gefühlselement: die „Terzenseligkeit“, die er auch musikpsychologisch interessant findet.

Akribisch begibt sich Neininger auf die Spuren des Liedes von seiner Entstehung in düsteren Zeiten kurz nach den napoleonischen Kriegen über die Aufführungen durch die Familien Rainer und Strasser bis nach Amerika, wo heute in Michigan eine Nachbildung der Stille Nacht Kapelle steht. Er verschweigt auch nicht, dass die beiden christlichen Kirchen so ihre Probleme mit dem gefühlsbetonten Text hatten („holder Knabe im lockigen Haar“) und das Lied zeitweise auf dem Index gelandet ist.

Das Lied weckt Emotionen, so Neininger, Erinnerungen an die Kindheit, und selbst in den Kriegen hat es eine Rolle gespielt: im Ersten Weltkrieg haben am Heiligabend 1914 Deutsche und Briten an der Westfront über die Schützengräben hinweg „Stille Nacht“ gesungen und einen kurzen Weihnachtsfrieden eingehalten. Hitler hat den Text zum Sonnwend-Weihelied umschreiben lassen, aber als die Soldaten in Sibirien eingekesselt waren, durfte es ausnahmsweise im Radio gespielt werden.

Weltweite Verbreitung

Hinter dem umfangreichen Vortrag steckt jahrelange Arbeit: Das Lied, erzählt Georg Neininger hinterher, habe ihn schon immer fasziniert - wegen seiner Beliebtheit und der weltweiten Verbreitung. So habe er Material gesammelt, Quellen ausgewertet, und zum Jubiläumsjahr sei auch neue Literatur erschienen, mit der er seine eigene Dokumentation ergänzen konnte.

Beim Finale treten alle Mitwirkenden gemeinsam an, die Orgel braust, und das Publikum singt gemeinsam „Stille Nacht“. „Stille Nacht“ wird die Welt nicht verändern“, so Neininger, „aber die Friedensbotschaft des Liedes ist ein Hoffnungsträger für Menschen in aller Welt.“