Weil Verbraucher sparen Vorzeigebauern brauchen Hilfe vom Land

Gründer der Erzeugergemeinschaft: Rudolf Bühler (mit schwäbisch-hällischen Landschweinen) Foto: Helge Bendl

Den Grünen gilt die Hohenloher Erzeugergemeinschaft als vorbildlich. Nun aber setzen Inflation und Sparsamkeit der Bauerninitiative schwer zu: Ein Landesprogramm soll die Liquidität sichern.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Seinen guten Draht zum Ministerpräsidenten streicht Rudolf Bühler (70) gerne offensiv heraus. Für seine Anliegen, lobt der Gründer und Aufsichtsratschef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH), finde er bei Winfried Kretschmann offene Ohren. Man duzt sich, der Premier ist ein „großer Fan“ der Hohenloher Selbsthilfeorganisation mit ihren fast 1500 Mitgliedsbetrieben.

 

Öffentlich bekannt hat er das einst als Gast beim Bauerntag in Wolpertshausen, dem jährlichen Traditionstreffen der Erzeugergemeinschaft. Bühler habe „gezeigt, wie es gehen kann“, meinte Kretschmann bei seinem Auftritt im Jahr 2020 – nämlich eine Landwirtschaft, wie die Grünen sie sich wünschen: mit kleinen und mittleren Familienbetrieben, die ökologisch wirtschaften und aufs Tierwohl achten. Damit das Beispiel Schule mache, forderte der Regierungschef, müssten auch die Verbraucher umdenken. Nicht billig, sondern preiswert sollten sie einkaufen: „Geiz führt zu fatalen Folgen.“

„Nie gekannte Absatzkrise für Bioprodukte“

Neben verbaler Unterstützung bekommt die Erzeugergemeinschaft neuerdings auch finanzielle Hilfe vom Land. Weil sie wirtschaftlich unter Druck steht, beteiligte sie sich an einem Ende 2022 aufgelegten Liquiditätsprogramm von Wirtschaftsministerium und L-Bank. Nähere Angaben gibt es dazu nicht, doch es soll um einen Betrag in Millionenhöhe gehen. Der Grund der Probleme: In Zeiten von Krieg und Inflation hat sich das Einkaufsverhalten entgegen Kretschmanns Wunsch entwickelt. Bei Bio- und Premiumlebensmitteln, wie die Erzeugergemeinschaft sie anbietet, werde gespart, die Leute griffen vermehrt zu Billigangeboten. Demeter-Leberwurst für 4,70 Euro je 200-Gramm-Dose, zum Beispiel, kann oder will sich mancher nicht mehr leisten.

Man erlebe eine „bisher nicht gekannte Absatzkrise für Bioprodukte“, lässt Bühler ausrichten. Anstatt bis 2030 auf 30 Prozent zu steigen, gehe die ökologische Produktion deswegen zurück. Lebensmittelfachgeschäfte und Hofläden seien die Verlierer, Discounter die Gewinner. Etwas weniger schwarz sieht man im Stuttgarter Agrarministerium. Der Einbruch der Bioumsätze sei weniger stark als bei konventionell erzeugter Ware, heißt es dort. Bei Bioprodukten falle die Inflation mit durchschnittlich 7,1 Prozent in den ersten zehn Monaten 2022 geringer aus als bei anderen (12,1 Prozent), der Preisabstand sinke also. Die Verbraucher kauften zwar weiter „Bio“, griffen aber verstärkt zu den günstigen Eigenmarken von Supermärkten und Discountern.

Bioware wird als konventionelle verkauft

Was vor einigen Jahren der „Geiz ist geil“-Mentalität geschuldet gewesen sei, geht laut der BESH-Pressestelle aufs Konto einer „durch politische Entscheidungen verursachten allgemeinen Wirtschaftskrise“. In solchen Formulierungen klingt an, wie kritisch Bühler die Reaktion des Westens auf den Ukraine-Krieg sieht, wirtschaftlich und militärisch. Sein ganzes Leben kämpfe er für Frieden und Gerechtigkeit, sagt er und fordert einen „sofortigen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen“. Alte Weggefährten tun sich damit schwer und sind deshalb auf Distanz gegangen. Auch in Stuttgart erntet der „Hohenloher Dickschädel“, als den ihn Kretschmann einst pries, Kopfschütteln.

In der Krise, lässt Bühler versichern, erweise sich die Erzeugergemeinschaft als „Fels in der Brandung“. Wie seit der Gründung 1988 stehe sie zu ihren Mitgliedern. Für alle ökologisch erzeugten Produkte oder artgerecht aufgezogenen Schlachttiere zahle man die garantierten Bio- und Premiumpreise – und dies, obwohl sich ein erheblicher Teil davon nur konventionell vermarkten lasse. Andernfalls könnten die Bauernhöfe wirtschaftlich nicht überleben. Ohne Bühlers Engagement, meinen Kenner, gäbe es viele Betriebe nicht mehr. Bioware bezahlen, aber Preise für konventionelle erlösen – eine begrenzte Zeit schaffte das die BESH aus eigener Kraft. Da ein Ende der Krise nicht absehbar sei, kam das Liquiditätsprogramm des Landes gerade recht. Man danke Winfried Kretschmann persönlich, so die Erzeugergemeinschaft, „dass er die heimischen Bauern nicht im Stich lässt“.

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