Wein im Trend in der Region Stuttgart Irre oder genial? Trollinger für 80 Euro
Das Weingut Aldinger aus Fellbach zeigt, was aus dem hiesigen Nationalgetränk werden kann: ein Rosé, der einem Megatrend die Krone aufsetzt.
Das Weingut Aldinger aus Fellbach zeigt, was aus dem hiesigen Nationalgetränk werden kann: ein Rosé, der einem Megatrend die Krone aufsetzt.
Fellbach - Als Matthias Aldinger bemerkte, was er und sein Bruder Hansjörg erschaffen hatten, fasste er einen bemerkenswerten Beschluss. „Ich habe den Wein auf 80 Euro gesetzt. Das gab’s noch nie auf der Welt“, sagt der Juniorchef des gleichnamigen Traditionsweinguts aus Fellbach. In der Tat: Bei einem Preis von umgerechnet fast 27 Euro für ein Viertele Trollinger (anderswo bekommt man dafür sechs Flaschen), noch dazu nicht als Rotwein ausgebaut, sondern als Rosé, könnten sich selbst Württemberger Lokalpatrioten fragen, ob der Mann tollkühn oder schlicht größenwahnsinnig ist. Doch der Erfolg gibt dem Schwaben recht: „Der Wein ist weg. Wir hatten nur ein Fass davon, das war viel zu wenig.“ Gleichwohl haben die 300 Flaschen gereicht, um ein Ausrufezeichen zu setzen, das weithin sichtbar ist in der Szene der Gourmets und Genießer.
Keine andere Weinart hat in den vergangenen Jahren so einen Aufschwung genommen wie der Rosé. Lange verpönt als Abfallprodukt, in das minderwertiger Stoff verklappt wurde, liefert der Rosé inzwischen Wachstumsquoten, von dem alle anderen nur träumen können. Von 2010 bis 2020 stieg die Menge der in Deutschland hergestellten Rosés laut dem Deutschen Weininstitut (DWI) von 76,8 Millionen Liter auf 97,5 Millionen Liter. Der Anteil an Rosés unter allen deutschen Weinen stieg im selben Zeitraum von 9,7 auf 13 Prozent. „Der Rosézuwachs ging auf Kosten der Weißweine, die auf nunmehr 63 Prozent der deutschen Qualitäts- und Prädikatsweinproduktion kommen“, teilt das DWI mit. Rotweine nehmen unverändert 24 Prozent der Produktion ein.
Auch in Württemberg steigen die Zahlen. „Zwischen fünf und zehn Prozent“ Wachstum beim Rosé konstatiert Justin Kircher in den vergangenen beiden Jahren. Reagiert hat der Vorstandsvorsitzende der 1400 Hektar großen Genossenschaftskellerei Heilbronn auf den Trend mit einem Produktfeuerwerk, das sowohl den Massenmarkt als auch die Nischen bedient. Die Mehrheit versorgt er mit gleich zwei Rosés vom Trollinger, den Fans kredenzt er einen Schiller aus der sogenannten Triebwerk-Serie. Mit dieser 9,90 Euro teuren Mischung geht Kircher ebenfalls ganz neue Wege: Frei nach alter Väter Sitte, als Weiß- und Rotweinsorten munter zum sogenannten gemischten Satz vermengt wurden, gibt er dem Wein die komplexen Aromen des Sauvignon blanc ebenso mit wie die Struktur der großen Bordeauxsorten Merlot und Cabernet Sauvignon.
Auch in Stuttgart ist der Trend angekommen. Die Weinmanufaktur Untertürkheim hat ihre Erfolgsserie Mönch Berthold um einen Rosé erweitert und dafür Lemberger und Merlot als Rebsorten auserkoren. Ein ähnliches Konzept verfolgt ein paar Kilometer weiter Martin Kurrle. Der Vorstandsvorsitzende des Collegium Wirtemberg hat einen Rosé namens 406 N.N. – Kapf kreiert. Die Idee: aus Merlot, Lemberger und Sankt Laurent einen Wein vom Charakter eines Rosés aus der Provence zu schaffen.
Das Erfolgsgeheimnis ist so raffiniert wie das Rezept für Maultaschen: Es geht um Resteverwertung auf hohem Niveau. Um gute Rotweine noch gehaltvoller zu machen, wird ihnen bei der Gärung Saft entzogen. Der Effekt ist wie bei einer Soße: Das Extrakt wird schmackhafter. Der Unterschied: Während bei der Soße die überschüssige Flüssigkeit verdampft, wird sie bei der Weinbereitung aufgefangen – und bildet die Grundlage für den Rosé. „Wenn die Qualität der Trauben stimmt, ist das ein perfekter Kollateralnutzen“, sagt Martin Heinrich. Der Seniorchef des Heilbronner Traditionsweinguts G. A. Heinrich liebt dieses Verfahren, im Fachjargon Saignée genannt: „Solche Weine trinkst du auf einer Arschbacke leer.“
In Fellbach ist Matthias Aldinger schon einen Schritt weiter. Für seinen 80-Euro-Trollinger fokussiert er die Lese in einigen Parzellen seiner Premiumlage Untertürkheimer Gips direkt auf die Erzeugung von Rosé. Die so gewonnenen Premiumtrauben baut er aus wie einen Weißwein, etwa wie einen hochwertigen Chardonnay aus dem Burgund. „Damit kriegen wir die Mineralik des Terroirs“, sagt Aldinger. Da er seinem Toptrollinger zudem zwei Jahre Aufenthalt im kleinen Holzfass spendiert, erhält er am Ende einen Wein, „der sogar Rosé-Gegner überzeugt, wenn sie den Wein blind probieren“.
Tatsächlich ist selbst der bekennende Rosé-Skeptiker Oliver Adler begeistert. Zwar führt der Sommelier des Wald- und Schlosshotels Friedrichsruhe nach wie vor höchstens drei Prozent Rosés auf seiner Karte. Den Aldinger-Trollinger hält er aber für „sehr, sehr stark“. Mit seiner Mineralik, der Würze und der fein ausdefinierten Frucht sei er „ein großes Statement für den Württemberger Wein“. Ganz ähnlich sehen das die Wein- und Gourmetführer. Die Bestnoten, die Aldinger von „Vinum“ und „Feinschmecker“ einheimste, hat der „Falstaff“ nochmals getoppt: Mit dem Trollinger-Rosé hat der Fellbacher die Rosé Trophy 2021 gewonnen. Den zweiten Platz belegt der 2019er Spätburgunder Rosé Reserve – ebenfalls vom Weingut Aldinger. Ein „schöner Erfolg“ sei der Doppelsieg, sagt Matthias Aldinger knitz. Martin Heinrich ist da eher in der Abteilung Attacke: „Die Mutigen von heute“, sagt der knorrige Grandseigneur aus dem Unterland, „werden die Normen von morgen bestimmen.“