Sie und ihre Schwester Mona sind die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die meisten Kunden, die die jüngere der beiden Wenzler-Schwestern in ihrem neuen Geschäft am Fuße des Kaffeebergs in Ludwigsburg treffen, sind überrascht. „Ah, und Sie sind jetzt die Chefin“, diesen Satz hat Wenzler nicht erst einmal gehört. Dass eine 26-Jährige Ahnung von Rebsorten, Anbauregionen und Önologie hat und einen Weinhandel leitet, erwarten tatsächlich die wenigsten. „Aber die meisten finden es toll“, sagt Wenzler.
Schon der Opa und auch die Mutter handeln mit Wein
Zum Wein kamen die Wenzler-Mädchen über ihre Mutter, die seit 20 Jahren einen Weinhandel in Kirchentellinsfurt bei Tübingen betreibt. Schon der Opa handelte mit Wein. Der Weg der dritten Generation zum eigenen Laden – die Filiale in Ludwigsburg ist bereits die vierte – war dabei aber nicht vorgezeichnet. Eigentlich wollten die beiden Schwestern ursprünglich etwas anderes machen. Das haben sie dann zunächst auch. Anna-Lisa studierte Innenarchitektur, ihre zwei Jahre ältere Schwester Mona Betriebswirtschaftslehre. „Ein Weinladen auf dem Land, das war eigentlich keine Perspektive für uns“, sagt die jüngere der beiden. Vor fünf Jahren stiegen Anna-Lisa und Mona dann doch ins Unternehmen ein und absolvierten eine Sommelierausbildung in Deutschland und Sizilien. Mit ihren Läden wollen die Schwestern „Wein auch ein bisschen abstauben“, sagt Wenzler. Dementsprechend tritt sie auf.
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Am liebsten trinkt sie schwere Rotweine aus dem Süden. Typisch für eine Frau sei das nicht, gibt sie zu. Als untypisch könnte man auch ihr Arbeitsoutfit bezeichnen: Jeans, Boots und ein Kapuzenpulli mit der Aufschrift „Working from nine to wine“. Zur jugendlichen Frische, die Chefin und auch die Mitarbeiterinnen ausstrahlen, passt auch das neue Geschäft in Ludwigsburg. Aus Lautsprechern dröhnt Pop-, Lounge- und Elektromusik, die Gäste können es sich auf stylishen Sitzgelegenheiten oder direkt in einer Fensternische bequem machen. Die Präsentation der ausgesuchten Tropfen – neben Wein gibt es auch Sekt und Gin – ist schlicht, aber ansprechend. Den Laden hat die gelernte Innenarchitektin selbst gestaltet, das Mobiliar ist größtenteils handgefertigt.
Auf Weine aus Übersee verzichten die Wenzlers bewusst
„Ich liebe Wein“, sagt Anna-Lisa Wenzler, und ihre Augen blitzen dabei ein bisschen. Ohne Begeisterung für die vergorenen Trauben, könne man den Job nicht machen. Das gilt für Händler, egal wie alt sie sind. Leidenschaft für Wein ist daher auch ein Einstellungskriterium bei Wein-Moment. In den vergangen drei Jahren ist das Familienunternehmen rasant gewachsen. „Davor waren wir eine Ein-Familien-Show“, sagt die 26-Jährige. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen fast 30 Mitarbeiter. Zu ihrem Ziel haben es sich die Wenzlers auch gemacht zu zeigen, dass Wein für jeden etwas sein kann. „Viele Kunden, die zu uns kommen, wissen oft nicht, was genau sie wollen.“ Bei rund 80 Prozent sei das der Fall, schätzt Wenzler.
Das Unternehmen vertreibt seine ausgewählten Tropfen auch im Netz, 300 verschiedene Flaschen umfasst das Sortiment in Ludwigsburg.
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Wein, sagt Anna-Lisa Wenzler, sei „immer noch ein Produkt zum Anfassen.“ Deshalb ergänzen sich der Onlinehandel und der Verkauf in den Filialen gut, findet sie. Im Laden direkt gegenüber vom Schloss gibt es viel regionales, aber auch die Weinländer Frankreich, Italien und Spanien sind vertreten. Auf Weine aus Übersee verzichten die Wenzlers bewusst. „Uns geht es auch darum, welche Geschichte hinter den Produkten steckt“, sagt Anna-Lisa Wenzler. Deshalb bekommen viele Winzer, die sich inzwischen ganz von selbst melden, eine Absage. Die Auswahl – auch an jungen, hippen Winzern aus der Region – ist inzwischen groß.
Online-Weinproben helfen über die Corona-Zeit
Über die Corona-Zeit haben den Weinexperten auch ihre Online-Weinproben geholfen. Vor der Pandemie hatten sie hauptsächlich im Laden in Stuttgart stattgefunden. „Der ist aber aus allen Nähten geplatzt“, sagt Wenzler. Umso mehr freut sie sich, dass es jetzt für Geburtstage, Junggesellenabschiede, Firmenfeiern – eben alle Gelegenheiten, zu denen eine Weinprobe passt – jede Menge Platz in Ludwigsburg gibt. Neben den 240 Quadratmetern innen gehört auch ein kleiner Hof zum Laden, der gleichzeitig auch Café und Weinbar ist, dazu.
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Anna-Lisa Wenzler will andere junge Frauen auch ein Stück weit ermutigen, dass sie es ihr und ihrer Schwester gleichtun. „Sommelier kann eigentlich jeder werden“, sagt sie. Aber 80 Weine an einem Tag zu probieren, sei schon hart gewesen.