Eins vorneweg: Dem Trollinger will keiner an den Kragen. Es wird den schwäbischsten aller Weine weiter geben. Aber eine gewisse Verschiebung bei den Rebsorten ist zu beobachten. Gründe sind der Klimawandel, aber auch neue Möglichkeiten, beispielsweise durch pilzwiderstandsfähige Sorten, so genannte Piwis.
Einer davon ist der Souvignier gris. Er ist aktuell eine der beliebtesten Neuzüchtungen: Gegen Pilze gewappnet, wächst er gut und schmeckt auch so. Angenehm burgunderartig, dem Grauburgunder nicht unähnlich, aber ein bisschen fruchtiger mit einer feinen, frischen Säure.
Vom Trollinger zum Souvignier gris
„Das müsste gut werden“, zeigte sich Matthias Hammer Ende Juni erwartungsfroh. Der Chef der Marbacher Weingärtner blickte auf 700 Rebstöcke im Gewann Bachmühle nahe des Viadukts direkt an der Landesstraße, die nahe des Neckars an Marbach vorbeiführt. Damals hatte eine Firma aus Frankreich hier den alten Trollinger-Reben neue Souvignier-gris-Triebe aufgepfropft.
Man nennt das Rebveredelung. Dazu wird weit unten am alten Rebstock ein Schnitt gemacht, in dem die Edelreiser der neuen Sorte befestigt werden. Der Trollinger wird vollends ausgeschnitten, der Souvignier gris kann sprießen. Acht Wochen später ist er schon mehr als einen Meter lang und – die gute Nachricht: Praktisch alle Triebe sind angewachsen. „Der Souvignier gris wächst und gedeiht“, sagt Matthias Hammer.
Im kommenden Jahr kann erstmals gelesen werden. Dass es so schnell geht, ist einer der Vorteile der Rebveredelung. Hätten die Weingärtner die alten Trolliger-Reben herausgerissen und den Weinberg an der Landesstraße neu bestückt, hätte es bis zur ersten ordentlichen Ernte drei Jahre gedauert. So lange musste Familie Gemmrich in Beilstein-Schmidhausen damals warten, bis sie den ersten Souvignier gris lesen konnte. Das ist aber Jahre her. Das Weingut Gemmrich gehört zu den Pionieren in Sachen Piwis. Seit 1997 pflanzt die Wengerter-Familie pilzwiderstandsfähige Sorten an und baut sie auch sortenrein aus, was eher selten ist. „Piwis landen oft in irgendwelchen Cuvées, das ist schade“, sagt Anja Gemmrich.
„Tolle und wichtige Rebsorte“
Der Souvignier gris „ist für uns eine tolle und wichtige Rebsorte“, sagt die Wengerterin. „Anfangs“, erinnert sie sich, „wollte niemand viel davon wissen. Aber dann hat der Souvignier gris sehr schnell Liebhaber gefunden.“ 2015 haben ihn Gemmrichs erstmals reinsortig auf die Flasche gebracht, 2021 folgte ein Souvignier gris-Sekt.
In der Felsengartenkellerei in Besigheim ist es noch nicht so weit. Die Genossenschaft hat den Souvignier gris seit 2020 im Anbau. Die ersten – wenigen – Trauben aus dem Jahr 2022 landeten in der Cuvée „Blanc de gris“, einem „Weißen aus Grauen“ aus Grauburgunder und einem Hauch Souvignier gris.
Ähnliches hat man in Marbach vor. Die ersten Souvignier gris-Trauben aus der Neuanlage werden im Schillerwein verschwinden und diesen bereichern, wie Matthias Hammer verrät. Im Herbst 2024, mit dem Ertrag von dann fast einem Hektar der Sorte, ergeben sich dann schon mehr Möglichkeiten. Hammer: „Man darf gespannt sein.“
Helden unter den Reben
Piwis
Die pilzwiderstandsfähigen Sorten sind für Anja Gemmrich die Helden unter den Reben. „Sie sind ein Beitrag zum nachhaltigen Arbeiten, der Schonung der Umwelt und die Chance, Steillagen zu erhalten“. Auch Matthias Hammer nennt den Aspekt „weniger Pflanzenschutz“ als wichtigen Faktor für die Umstellung.
Souvignier gris
Im Jahr 1983 ist die pilzresistente Sorte vom Rebenzüchter Norbert Becker am Weinbauinstitut Freiburg gekreuzt worden. Souvignier gris zeigt gegen echten und falschen Mehltau hohe und gegen Botrytis sogar sehr hohe Widerstandskraft. Die Sorte treibt spät aus und ist damit eine Option für frostgefährdete Standorte. Allein zwischen 2019 und 2021 hat sich die Anbaufläche in Deutschland auf 131 Hektar quasi verdoppelt, Tendenz steigend.