Weinbaugipfel in Esslingen „Viele Kollegen schmeißen hin“ – Krise im Esslinger Weinbau

Der Esslinger Wengerter Adolf Bayer (links) beim Weinbaugipfel im Gespräch mit Dietrich Rembold, Präsident des Weinbauverbands Württemberg. Foto: Markus Brändli

Der Esslinger Weinbau steht vor großen Herausforderungen: Sinkender Konsum und steigende Kosten setzen den Wengertern zu. Welche Lösungen könnte es geben?

Der Weinbau ist in der Krise – auch in Esslingen. Der Weinkonsum geht zurück und damit auch Absatz und Ertrag für die Produzenten. Immer mehr Wengerter geben ihre Betriebe auf. Für Adolf Bayer ist das ein Alarmsignal. Der Esslinger Wengerter sorgt sich nicht nur um seine Branche, sondern auch um die Kulturlandschaft mit den landschaftsprägenden Steillagen in Esslingen und der Region. Bei einem Weinbaugipfel auf seinem Weingut wollte er am Samstag für die Situation seiner Branche sensibilisieren – nicht nur Kunden, sondern auch die Politik.

 

Zahlreiche Interessierte sind der Einladung von Bayer gefolgt: Die mehrere Dutzend Stühle in der Kelterhalle seines Weinguts sind voll besetzt, einige Gäste müssen stehen. Etwas Wahlkampf liegt auch in der Luft: Am Eingang hat der Esslinger CDU-Landtagsabgeordnete und Landtagskandidat Andreas Deuschle einen Stand aufgebaut, große Banner hängen vor und in der Kelterhalle, auf den Tischen liegen Werbetütchen mit Gummibärchen. Neben Kunden, zahlreichen Wengertern und Dietrich Rembold, dem Präsidenten des Weinbauverbands Württemberg, ist auch der CDU-Landwirtschaftsminister Peter Hauk gekommen.

Esslinger Weinbau in der Krise: „Viele Kollegen schmeißen hin“

In einem sind sich alle einig: Der Weinbau steckt in Schwierigkeiten. „Viele Kollegen schmeißen hin“, sagt Adolf Bayer. Er macht dafür nicht nur sinkende Absätze verantwortlich, sondern auch wachsende Bürokratie, immer weiter steigende Kosten und das Konsumverhalten der Verbraucher. „Wenn die Leute nur noch Wein aus Italien oder Spanien trinken, gibt es den deutschen Wein irgendwann nicht mehr“, gibt der Wengerter zu bedenken. Das könne fatale Folgen für Esslingen und die Region haben – unter anderem für die Kulturlandschaft.

Denn insbesondere die landschaftsprägenden Steillagen würden immer weniger bewirtschaftet, weil Aufwand und Ertrag kaum im Verhältnis stünden. Zumal bei stetig steigenden Kosten in der Produktion: „Ich verstehe nicht, warum man den Mindestlohn in der Landwirtschaft nicht deckelt“, sagt Bayer. Einige Kollegen könnten es sich bald nicht mehr leisten, den Mindestlohn zu zahlen. Und wenn der lokale Weinbau wegbreche, gebe es nicht nur keinen lokalen Wein mehr, sondern auch keine Weinfeste, keine Steillagen und damit auch keinen Weintourismus mehr.

Esslinger Weinbau im Wandel

Branchenkollegen haben ähnliche Sorgen: „Die Frage ist, wie es weitergeht – ich sehe schon ein bisschen schwarz“, sagt Otto Rapp, der seinen Betrieb an seinen Sohn weitergegeben hat, aber selbst noch mitarbeitet. „Die Lage ist dramatisch.“ Auch Achim Jahn, Vorstand der Esslinger Weinbau-Genossenschaft Teamwerk, sieht die Probleme. Er sagt aber auch: „Die Esslinger Steillagen sind eine Besonderheit, aber wir können sie nicht mit aller Gewalt erhalten.“ Man könne ja nicht Wein produzieren, den niemand trinken wolle – und die Arbeit in den Steillagen rentiere sich oft nicht mehr. Vielmehr gehe es darum, den Wandel geordnet in die richtige Richtung zu lenken – also vielleicht einige gut funktionierende Steillagen zu erhalten und andere umzunutzen.

Zahlreiche Interessierte sind zum Weinbaugipfel im Esslinger Weingut Bayer gekommen, bei dem unter anderem Landwirtschaftsminister Peter Hauk gesprochen hat. Foto: Markus Brändli

Das ist auch das Credo von Landwirtschaftsminister Hauk. Wenn viele Wengerter aufhörten, sei eine Flurbereinigung elementar, betonte er auf dem Weinbaugipfel. „Es ist sehr wichtig, dass wir zusammenhängende Weinbaugebiete erhalten“, so Hauk – damit nicht ein Flickenteppich aus bewirtschafteten und brachliegenden Flächen entstehe. Die Landesregierung biete den Kommunen dabei schnelle Unterstützung an. Auch Fördermittel, etwa für innovative Schädlingsbekämpfung, stellt Hauk in Aussicht.

Marketing als Schlüssel zum Erfolg für Esslinger Weinbau

Darüber hinaus müsse man dringend das Thema Marketing angehen: „Daran krankt es hier“, betont Hauk. In anderen Weinbauregionen, etwa in der Pfalz, zahlten Wengerter eine Zwangsumlage pro Hektar für das Marketing – das funktioniere sehr gut. Bislang habe er sich zwar gegen eine Zwangszahlung gewehrt, aber eventuell müsse man eine solche auch hierzulande in Betracht ziehen. „Man muss den Leuten nahebringen, was für ein Genuss ein Viertele Wein von hier ist“, so Hauk. Denn die beste Unterstützung für die lokale Landwirtschaft sei es, regionale Produkte einzukaufen. Auch Andreas Deuschle, der die Diskussion moderiert, betont: „Die Weine von hier sind top, die können weltweit konkurrieren.“ Die Themen Kultur, Genuss und „Heimat der Fleißigen“ kämen hier zusammen.

Dietrich Rembold, Präsident des Weinbauverbands Württemberg, sagt: „Die Situation ist prekär.“ Der Absatz gehe zurück und es werde immer mehr Wein aus dem Ausland getrunken. „Wir müssen unseren Wein mehr in den Fokus stellen“, so Rembold. „Wir haben super Qualitäten, aber sprechen – typisch schwäbisch – nicht darüber.“ Zumal die Kulturlandschaft unter anderem für den Tourismus wichtig sei. Das Riesenproblem sei: „Es gibt eigentlich keine richtige Idee, wie wir die Landschaft ordentlich gestaltet bekommen, wenn immer mehr Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden.“ Zudem sei der steigende Mindestlohn für viele Betriebe ein Problem. Dennoch dürfe man nicht den Kopf in den Sand stecken: „Es gibt definitiv eine Zukunft für den Weinbau im Ländle“, betont Rembold.

Weniger Absatz, weniger Flächen

Weinbau
Nach Schätzungen des Weinbauverbands Württemberg werden von den derzeit rund 11 500 Hektar Weinbauflächen in Württemberg bis zum Jahr 2030 voraussichtlich etwa 2000 bis 3000 Hektar aufgegeben. Man geht davon aus, dass wegen des hohen Aufwands vor allem Steillagen nicht mehr bewirtschaftet werden.

Konsum
Laut Dietrich Rembold, Präsident des Weinbauverbands Württemberg, werden in Deutschland nur noch rund 41 Prozent heimischer Wein konsumiert, 59 Prozent kämen aus dem Ausland. Klar sei daher, dass nicht alle Weinbauflächen in Württemberg gerettet werden könnten – jeder Wengerter müsse für sich entscheiden, was sich noch rentiere.

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