Weinbrand soll durchstarten Jacobi 1880 kehrt nach Stuttgart zurück
Der Jacobi 1880 eroberte vor 140 Jahren von Stuttgart aus den deutschen Weinbrand-Markt. Jetzt hat der Monkey-47-Macher Alexander Stein die Marke seiner Vorväter zurückgekauft.
Der Jacobi 1880 eroberte vor 140 Jahren von Stuttgart aus den deutschen Weinbrand-Markt. Jetzt hat der Monkey-47-Macher Alexander Stein die Marke seiner Vorväter zurückgekauft.
Stuttgart - Diese Geschichte hat einen traurigen Anfang. Als der Stuttgarter Spirituosenunternehmer Alexander Stein im Februar den Kaufvertrag für die Markenrechte des Weinbrands Jacobi 1880 unterzeichnet, liegt sein Vater auf dem Sterbebett. Jürgen Stein hatte die Weinbrennerei Jacobi GmbH 1957 im Alter von gerade 21 Jahren in Großheppach (heute Weinstadt, Rems-Murr-Kreis) übernommen, nachdem sein Vater gestorben war, und sie bis 2000 geführt. Nun wollte Sohn Alexander ihm die gute Nachricht unbedingt noch rüberbringen. „Es war mir einfach eine Herzensangelegenheit“, sagt Alexander Stein. Es gelang dem 47-Jährigen, bevor sein Vater am 27. Februar mit 83 Jahren starb. „Die Nachricht hat ihn wirklich gefreut“, erinnert sich Stein.
Für Alexander Stein kommt das Projekt, an dem er schon seit zehn Jahren immer wieder tüftelt, zur rechten Zeit. Er, der Anfang des Jahrtausends für den früheren Handyhersteller Nokia in Nord- und Südamerika unterwegs war, hat ab 2008 zusammen mit dem Spitzendestillateur Christoph Keller den Edel-Gin Monkey 47 erfunden und ihn dann zur kleinen, aber feinen Weltmarke gemacht. Weil er nicht mehr das ganze Jahr über zu Vertriebspartnern rund um den Globus fliegen wollte, verkauften Stein und ein Investor hinter ihm Anfang 2016 zunächst 60 Prozent der Anteile an den zweitgrößten Spirituosenkonzern der Welt, Pernod Ricard. Stein blieb geschäftsführender Gesellschafter, bis er und sein Partner Anfang dieses Jahres den Rest verkauften. Stein fungiert beim Monkey noch als Berater für Kreatives.
Der 47-Jährige hat nun wieder Zeit, um zu neuen Ufern aufzubrechen – und durch den Verkauf des Affen das nötige Kleingeld. Von Stuttgart aus möchte Stein der Marke seines Vaters und seines Großvaters neues Leben einhauchen, die zu Spitzenzeiten um 1990 in rund sechs Millionen Flaschen jährlich abgefüllt wurde, aber 2018 noch bei gut 100 000 Flaschen landete. Und mit ihr vielleicht auch wieder einer ganzen Gattung. „Der deutsche Weinbrand liegt quasi am Boden“, stellt Stein fest, „man hat es in der Vergangenheit versäumt, einheitliche Qualitätsstandards zu schaffen und sich fast ausschließlich der Massenproduktion unterworfen.“ Das deutsche Erzeugnis stehe deutlich im Schatten seiner französischen und spanischen Cousins, des Cognacs, des Armagnacs und auch des Brandys.
Das war schon einmal anders in der Geschichte des Jacobi-Weinbrands, dessen Anfänge nur einige Steinwürfe von Steins Büro an der Stiftstraße entfernt in der Königstraße liegen. 1880 ließ Firmengründer Jacob Jacobi einen Destillationsbetrieb ins Handelsregister von Stuttgart eintragen und stellte fortan damals so bezeichneten Kognac her. Sein deutscher Weinbrand landete bald in vielen Schwenkern. Die Marke überlebte den Ersten Weltkrieg, als laut Firmenhistorie „alle Bestände und die gesamte Produktion für den Heeresbedarf beschlagnahmt“ wurden, ebenso wie den Versailler Vertrag mit den Siegermächten, der in einer wohl unbekannteren Passage das Verbot der Bezeichnung Cognac für deutschen Weinbrand enthielt. Jacobi, inzwischen von den Söhnen Hugo und Hermann geleitet, soll 1928 das Sechsfache an Weinbrand im deutschen Reichsgebiet verkauft haben, was im gleichen Zeitraum von sämtlichen französischen Cognacfirmen eingeführt wurde. In jenen Jahren, so heißt es in der Chronik, hätten die deutschen Markenweinbrände die ausländische Konkurrenz weitgehend vom deutschen Markt verdrängt.
Auch für Jacobi brach eine dunkle Zeit an. Als Bürger jüdischer Herkunft mussten die Brüder schon 1933 aus dem Vorstand ausscheiden, und ihre Strategie, das Unternehmen in den Händen von Freunden zu belassen, ging bald nicht mehr auf. Mehrere Kaufverträge verboten die Nazis, die Jacobis mussten 1939 „an den Kandidaten des Gauwirtschaftsberaters“ veräußern und emigrierten zügig bis in die USA.
In den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs wurde das Bürohaus auf der Königstraße ebenso zerstört wie die Betriebsgebäude in der Nähe des Bahnhofs, wo heute das Großkino Ufa-Palast steht. Nur die Brennerei mitsamt den Lagern, die während des Krieges unter die Erde verlagert worden waren, blieben erhalten. 1948 erhielten die Gebrüder Jacobi zwar ihr deutsches Vermögen rechtmäßig zurück, sie selbst wollten aber nicht zurückkehren und verpachteten Räumlichkeiten und Marken an die Firma Wermut-Branca Carl Stein in Großheppach von Heinz Bömers und Alexander Steins Großvater Carl. Er und Hugo Jacobi entwickelten in zahllosen Briefen während der Partnerschaft auch Freundschaft, schließlich hatte Stein ebenfalls jüdische Vorfahren und musste im Dritten Reich seinen eigentlichen Nachnamen Goldstein ändern.
1953 übernahmen Stein und Bömers die Gesellschaft komplett, doch nur vier Jahre später starb Carl Stein, und der noch junge Sohn Jürgen übernahm – unterstützt von Zwillingsbruder Claus – nach und nach die Verantwortung. Auch mit Slogans wie „Jacobi 1880 schmeckt mit 18 wie mit 80“ machten sie die Privat-Weinbrennerei Jacobi zu einer der namhaftesten Brennereien in Deutschland. Bis Anfang der 1990er Jahre, als die Geschäfte schlechter liefen und die Steins die Mehrheit ihrer Firma an einen britischen Konzern verkauften. Im Jahr 2000 stieg Jürgen Stein ganz aus, 2002 zog die Firma nach Frankfurt/Main.
Jacobi wurde mit den Worten von Alexander Stein „als Spielball der Globalisierung von einem Konzern zum anderen gereicht“ – vier an der Zahl. Bis es bei einem norddeutschen Korn-Produzenten in Bad Oldesloe (Schleswig-Holstein) landete, mit dem sich Stein jetzt einig wurde. „Die haben gemerkt, dass mir das sehr am Herzen liegt“, sagt der 47-Jährige. Bis Ende des Jahres kann die August Ernst GmbH & Co. KG noch ihre Bestände ausverkaufen, sagt Stein, dann werde er Jacobi „aus dem Handel nehmen, um das Produkt in all seinen Facetten zu überarbeiten“. Das kann er auch in der Monkey-47-Destillerie bei Loßburg (Kreis Freudenstadt) tun, deren Nutzung für Neuentwicklungen er mit Pernod Ricard vereinbart hat.
Ob er eine Revolution ähnlich jener beim Gin starten will? „Ich mache das so, wie ich denke, dass es richtig ist, ohne Zeitdruck“, sagt Stein, „den Rest wird man sehen.“