Als kleinste Stuttgarter Kooperative haben die Cannstatter den Anschluss gesucht. Nun machen sie mit der Felsengartenkellerei gemeinsame Sache. Noch in der Selbstständigkeit schlossen sie zu den besten Winzergenossenschaften Deutschlands auf. Unsere Serie "Erfolgreiche Winzer aus der Region"
Die Nachricht hat damals für Aufregung gesorgt, aber am Ende ist doch ziemlich viel beim Alten geblieben. Im April 2019 wurde bekannt, dass die Cannstatter Weingärtner ihre Selbstständigkeit aufgeben wollten. Ihre 1923 gegründete Genossenschaft war mit 45 Hektar die kleinste unter den Stuttgartern und hatte mit Absatzschwierigkeiten zu kämpfen.
An der Qualität konnten die Probleme nicht mehr liegen, der Betrieb war preisgekrönt. Aber unter dem Dach der Felsengartenkellerei ließen sich jede Menge Kosten sparen, die Weinproduktion in der Kelter beim Römerkastell wurde seither stillgelegt und nach Hessigheim verlagert. Anders als bei anderen Fusionen behielten die Cannstatter dennoch ihr Profil.
In der Kelter herrscht nach wie vor viel Betrieb
„Wir tun alles dafür, dass wir mit Weinfactum weiterkommen“, sagt Joachim Kölz, der in Personalunion Chef der Cannstatter und der Besigheimer Genossenschaft ist. Der 2015 eingeführte Name blieb beispielsweise erhalten, die Etiketten und die Lagen wie das Cannstatter Zuckerle ebenfalls. Im Keller ist mit Daniel Munder ein Önologe mit Cannstatter Wurzeln tätig. Die Wengerter geben ihre Trauben weiterhin bei der Kelter ab.
Und dort herrscht auch weiterhin viel Betrieb, weil nicht nur der Weinverkauf mit Verkostung die Kundschaft anzieht, sondern der Standort mit Blick über Cannstatt auch zunehmend für alle möglichen Veranstaltungen genutzt wird. „Der Stuttgarter Markt ist gut und spannend“, erklärt Joachim Kölz. Im Sommer 2023 wurde dort auch das 100-jährige Bestehen der Genossenschaft gefeiert.
Anschluss verpasst, aber wieder aufgeholt
Die jüngere Erfolgsgeschichte begann vor genau 20 Jahren: Damals krempelte der Kellermeister Thomas Zerweck die Weingärtner um, nachdem sie den Anschluss an die Stuttgarter Kollegen verpasst hatten. Er ließ die Trauben in Ruhe vergären, anstatt ihren Saft zu erhitzen, animierte die Mitglieder dazu, den Ertrag im Weinberg zu reduzieren. Im Cannstatter Zuckerle wurden statt Trollinger Lemberger und Spätburgunder sowie internationale Sorten gepflanzt.
Sechs Jahre später folgte dann der erste Rotwein-Preis. Weniger Genossenschaft, mehr Weingut, lautete das Motto, weshalb sich die Cannstatter erst nur Weingärtner und schließlich Weinfactum nannten. Im Jahr 2010 schlossen sich ihnen die Wengerter aus dem Unteren Murrtal an, auf 61 Hektar und 81 aktive Mitglieder wuchs die Kooperative an.
Viel Druck auf dem Weinbau
Altershalber und vermutlich auch aus wirtschaftlichen Gründen haben die Cannstatter seither rund ein Viertel ihrer Fläche aufgegeben oder durch Austritte verloren. „Der Druck im Weinbau ist unglaublich groß“, sagt Joachim Kölz. Als kleinen Trost bezeichnet er, dass die Auszahlungspreise unter dem Dach der Felsengartenkellerei noch vergleichsweise gut seien. Und richtig freuen können sich die Weingärtner nach wie vor über viele Auszeichnung.
Nicht nur durch Finalteilnahmen bei den Württembergischen Weinmeisterschaften dieser Zeitung. Im Juni 2022 wurde ihr Lemberger Réserve beim Wettbewerb „Mundus Vini“ zum Beispiel das zweite Jahr in Folge zum besten deutschen Lemberger gekürt. Der Tropfen zeige eindrucksvoll, zu was die Cannstatter nach wie vor fähig sind, findet ihr Geschäftsführer.
Bestellen Sie jetzt exklusive Degustationspakete mit ausgesuchten Weinen teilnehmender Weingüter: shop711.de/lokale-weine
Weinfactum Bad Cannstatt
Adresse, Telefon, Internet
07 11 / 54 22 66. www.weinfactum.de
Die Größe des Weinguts
Rebfläche: 30 Hektar; Mitglieder: 42; Flaschenproduktion: 188 500 Flaschen
Gründungsjahr
1923
ÖPNV-Anschluss
Bus 52, 56 Haltestelle Altenburg (450 m), U14 Mühlsteg (900 m)
Verkostung, Ausschank, Besenwirtschaft
Verkostung in der Vinothek
Feste Termine
Cannstatter Weinabend (letzter Freitag im Monat), Frühjahrsverkostung (erstes Wochenende im Mai), After Work (erster Donnerstag im Monat; Juni bis August), Kelterfest (Mitte Juli), Glühweinnacht (Anfang Dezember)
Günstigster Wein
Trollinger, Trollinger trocken, Trollinger Weißherbst 5,40 Euro für den Liter
Teuerster Wein
Riesling Eiswein; Riesling Trockenbeerenauslese 77,33 €/Liter; Edition 1923 Rotwein Magnumflasche 50 Euro (1,5 Liter)
In unserer großen Wein-Serie stellen wir alle Weingüter vor, die erfolgreich in das Finale unserer „Württemberger Weinmeisterschaft“ eingezogen sind.
