Weingärtner Exzellente Weine: Esslinger greifen auf alte Traditionen zurück
Die Teamwerk-Wengerter bewirtschaften eine Rebfläche von fast 80 Hektar. In diesem Jahr feiert die Genossenschaft ihren 125. Geburtstag. Ein Blick zurück – und nach vorne.
Die Teamwerk-Wengerter bewirtschaften eine Rebfläche von fast 80 Hektar. In diesem Jahr feiert die Genossenschaft ihren 125. Geburtstag. Ein Blick zurück – und nach vorne.
Wie wohl schmeckte Esslinger Wein vor 125 Jahren? „Das ist echt schwer zu beantworten. Ich hab noch nie einen probiert.“ Womöglich so trocken wie der Humor von Achim Jahn. Jahn ist Wengerter. Einer vom Teamwerk, jener Winzergenossenschaft, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen feiert.
„Leicht, denke ich mal, der muss leichter gewesen sein“, überlegt Jochen Clauß. Auch er: Wengerter vom Team Teamwerk. „Der kann keine 12 oder 13 Prozent gehabt haben, weil die Technik nicht vorhanden war, das Wetter anders.“ Kurze Pause. Dann sinniert er weiter. „Der Klimawandel. Die Hefe war nicht so gut wie die heutige. Leichter Wein mit einfacher Charakteristik.“
„Aber getrunken wurde er wahrscheinlich mehr als heute.“ Andreas Rapp. Auch er: Wengerter, Teamwerker. „Manchmal sind die Trauben im Jahrgang gar nicht reif geworden, hat mein Opa erzählt. Das ist weniger als 125 Jahre her. Aber auch der Wein ist getrunken worden.“
Zusammengefasst: „Der Wein heute ist intensiver. Kräftiger. Vielfältiger.“ Sagt Ramona Fischer. Sie ist die Geschäftsführerin des Teamwerks.
Jahn, Clauß, Rapp und Fischer sitzen im Hauptsitz der Teamwerker, der Weinsicht am Fuße der steilen Weinberge, bei einem Glas Trollinger und sprechen über das Hier und Jetzt, über das, was mal war und das, was kommen könnte. So viel Zeit muss sein – auch wenn es für die Winzer davon viel weniger gibt, als man im Januar denken mag. Der Rebschnitt hat schon begonnen, vor allem aber steht ein großes Event vor der Tür: In dem gerade erst fertig sanierten Dicken Turm, einem der Wahrzeichen der Stadt Esslingen, wird am Samstag gefeiert bei einem – derweil ausverkauften – Jubiläumsdinner. Die Gäste werden dort neben einem mehrgängigen Menü von Anton Lebersorger (“...für mich ist ein Gericht dann geschmacklich perfekt, wenn es knallt wie ein Rock-Song“) vor allem durch die Geschichte des Esslinger Weins geführt – in Worten und in Taten.
Verändert hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel. Eine der größten Veränderungen im Weinbau ist die Selektion. „Wo wir Kinder waren, hat der Opa bei der Ernte gesagt: Halt mal, da ist ein Beerle auf den Boden gefallen. Das heben wir fei auf“, erinnert sich Jahn. „Bei der Weinlese hat niemand eine Traube gegessen, da hieß es eher, pfeift mal alle oder singt ein Lied, dann esst ihr nix“, ergänzt Rapp. Natürlich wolle man auch heute noch jede Traube mitnehmen, gerade wenn die Erträge geringer ausfallen, betont Clauß. „Aber früher hat man im Sommer keine Trauben rausgeschnitten. Das ist der Hauptunterschied, und auch ein Qualitätsunterschied.“
Die Auslese beginnt also schon vor der Reife. Jahn: „Wenn jede Traube für sich hängt, weil vorher schon im Sommer im unreifen Zustand selektiert wurde, dann ist zum Beispiel beim Trollinger jede Traube blitzeblau und jede Beere besser als die andere, schon als Traube. So hat man schon die besten Voraussetzungen für den Wein. Das wird geschmacksintensiver.“ Das gilt natürlich nicht nur jeden Wein, nicht nur für den Trollinger.
Apropos Trollinger: Die im Schwabenland häufig anzutreffende Rebsorten löst gerne mal Spott aus. Aus der Sicht von Weingärtnern wird er aber zu Unrecht unterschätzt. Fischer erzählt: „Ich war neulich in einer Weinprobe in Ebersbach, und da ging es auch um das Thema Trollinger: Ja ja, Württemberg und Trollinger und so. Da hab ich unseren Trollinger aus terrassierter Steillage eingeschenkt, und gesagt, jetzt können wir darüber diskutieren.“ Was passiert? Der Wein kam „echt gut an“, so Fischer. „Da gab es einen Wow-Effekt.“
Der Trollinger-Wein von heute ist allerdings auch nicht zu vergleichen mit dem vor 50 Jahren und früher. Zum einen werden die Trauben selektiert, zum anderen hat sich auch die Verarbeitung verändert. Er kommt heute oftmals wieder ins Holzfass. Dabei hat das eine mit dem anderen zu tun. Clauß: „Den damals produzierten Trollinger konnte man gar nicht ins Barriquefass tun. Da muss man im Weinberg was für tun. Mit der Ertragsregulierung hat man erst wieder gemerkt: Jetzt passen die Geschäfte zusammen. Der Barrique- beziehungsweise Holzfassausbau plus Ertragsregulierung plus Maischegärung. Dann bekommt das einen Sinn in dem Glas.“
Stichwort Maischegärung: Auch hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges verändert. „Wir sind teilweise zu den alten Methoden zurückgegangen. Maischegärung haben wir seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht“, erzählt Clauß. „Das machen wir jetzt erst wieder seit 1999.“
Veränderungen gab es in den vergangenen Jahren zudem bei der Herstellung des Weißweins. Hier spielt inzwischen die Temperatur bei der Gärung eine wichtige Rolle. „Dass wir reintönige, schön fruchtige Weißweine haben, das war nicht immer so“, weiß Jahn. Früher habe man Weißweine gähren lassen, egal welche Temperatur herrschte. Seit etwa dreißig Jahren ist das anders. Die Temperatur wird während der Gährung reguliert. Es ist eine kühle Gährung, damit die Frucht im Wein bleibt und nicht, so Jahn, „wie beim Auspuff den ganzen Geschmack aus dem Tank pfeift. Wenn es oben aus dem Spundröhrle rausbläst wie beim Auto, dann geht da auch ganz viel Aroma mit raus.“
Inzwischen kommt es auch immer häufiger vor, dass nicht nur Rotwein, sondern auch Weißwein zumindest für eine Weile ins Holzfass kommt. Das geht zwar nicht mit allen Rebsorten, wohl aber mit solchen, „die ein Rückgrat haben“, so Rapp. Als Beispiel nennt er den Grauburgunder. „Den kann man im Holzfass lagern, das steht ihm einfach.“ Aber auch hier ist eine geschickte Winzerhand gefragt, etwa wenn nur ein kleiner Teil der Gesamtmenge ins Holzfass kommt. Später wird diese Teilmenge wieder zurückverschnitten, so dass das Holz im Geschmack gar nicht unmittelber auftaucht. Fischer: „Man schmeckt nur unterbewusst das Cremige und Schmelzige.“ Und nur darauf komme es an, sagt Rapp: „Dass der Weingenießer sagt: Oh, der Wein ist aber lecker. Ohne unbedingt zu wissen, wie es zustande kam.“
Da so viel vom Trollinger die Rede ist: Tatsächlich wird er in den Weingärten des Teamwerks am häufigsten angebaut. Besonders gut verkauft aber werden Grauburgunder, Weißherbst und Roséweine.
Bleibt im Grund nur noch die Frage nach dem derzeit edelsten Wein im Angebot. Die vier Experten sind sich weitgehend einig: Es ist ein trockener Lemberger, Jahrgang 2022, gereift im Barriquefass. „Das ist in unseren Augen der derzeit beste Wein“, ist Jahn überzeugt. Auch das Falstaff-Magazin, dessen Wort in der Weinszene etwas gilt, findet das: Der Wein wird mit 92 von 100 Punkten bewertet. Was so viel bedeutet wie: Der Wein hat eine „exzellente Qualität“.
Name
Den Namen Teamwerk gaben sich die Genossenschaftler im Jahr 2022. Davor hieß die Gesellschaft Weingärtner Esslingen und davor war es die Weingärtnergenossenschaft Esslingen. Der Name Teamwerk sollte moderner wirken, zugleich aber nach wie vor darauf hinweisen, dass es sich um eine Gesellschaft mit vielen Mitgliedern handelt, die gut zusammenarbeiten. Inzwischen hat sich der Markenname weitgehend etabliert.
Mitglieder
Die Genossenschaft hat rund 120 Mitglieder, davon 45, die aktiv Weinanbau betreiben. Es gibt einige größere, aber auch kleinere Betriebe. Die Mitglieder des Teamwerks bewirtschaften rund 80 Hektar. Angebaut werden 65 Prozent Rotwein und 35 Prozent Weißwein. Produziert werden rund 400.000 Flaschen Wein pro Jahr.