Futuristische Kelter
Wie eine Gesteinsformation ragt die Gravitationskelter zwischen den Rebreihen der Mettinger Weinberge empor. 2012 wurde das Gebäude gebaut, direkt neben den Weinstöcken des Betriebs. Das hat den Vorteil, dass die Beeren an dem Ort gekeltert werden, an dem sie auch geerntet wurden. Das spart Zeit, Nerven, Benzin. Auch im Inneren der Kelter geht es umweltbewusst zu – und geschäftig. „Wir sind gerade mitten in der Lese. Maxs Steckenpferd, den Spätburgunder, haben wir schon geholt“, erklärt Hans Kusterer. Im Hintergrund hebt sein Sohn mit dem Gabelstapler einen Tank in die Höhe. Über einen Schlauch fließt dessen Inhalt in einen großen Behälter. „Das hier ist eine Kaltmazeration“, sagt der 62-jährige Wengerter, „das hat unser Sohn eingeführt.“ Durch diesen Vorgang blieben mehr Aromastoffe im Saft.
Das Besondere an der Gravitationskelter: Oben in der Einfahrt eingefüllt, durchlaufen die Trauben vier Stockwerke. Im Keller wird der Wein dann gelagert, dort herrscht ganzjährig eine Temperatur von etwa vier Grad. Aufgrund der Hanglage braucht die Familie keine Förderbänder, Pumpen oder Schnecken. Über Rutschen laufen die Beeren in die richtige Etage, wo sie weiterverarbeitet werden.
„Ich habe heute viel mehr Möglichkeiten, als mein Vater damals hatte“, sagt Max Kusterer. 1983, nach dem Tod seines Vaters, übernahm Hans Kusterer den elterlichen Gemischtbetrieb und spezialisierte sich auf den Weinbau. „Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater“, sagt der 62-Jährige, „allerdings konnte ich mich nach seinem Tod so entwickeln, wie ich wollte.“ Zusammen mit seiner Frau Monika baute er den Hof zu dem Weingut um, das es heute ist. Ihm habe die Freiheit sehr gut getan, deshalb habe er die Ideen seines Sohnes immer unterstützt. Und das weiß Maximilian Kusterer zu schätzen: „Mein Vater war schon immer sehr offen für alles.“
„Mir fällt es gar nicht schwer, loszulassen“
Nach dem Abitur studierte der Junior Weinbau und Önologie in Geisenheim im Rheingau. Dort entwickelte er einen Faible für den Spätburgunder. Auf dieser Rebsorte soll auch in Zukunft ein Schwerpunkt liegen. „Ich möchte es richtig machen“, sagt der Wengerter. Diese Einstellung hat sich bereits ausgezahlt, denn das Gourmet-Magazin Falstaff prämierte ihn mit dem Preis „Newcomer des Jahres 2020“. Eine schöne Bestätigung für den Jungwinzer: „Es ist natürlich schön, wenn es so losgeht.“
Außerdem möchte er den Betrieb noch nachhaltiger machen. „Wir haben dieses Jahr zum ersten Mal nur biologische Pflanzenschutzmittel verwendet“, erklärt er. „Und das hat sehr gut funktioniert“, ergänzt Vater Hans.
Der macht sich unterdessen keine Sorgen über die Zukunft des Weinguts, in das er so viel Arbeit gesteckt hat. „Mir fällt es gar nicht schwer, loszulassen“, sagt der 62-Jährige. „Ich habe das Vertrauen. Deshalb habe ich mich auch dazu entschieden, den Betrieb in jüngere Hände zu geben.“ Dem Junior stünden andere Herausforderungen bevor. Allen voran das Klima, das sich fast jährlich verändere. „Das wird spannend. Max muss sich mit Wassermangel, Säuremangel und zu hohen Öchsle-Zahlen herumschlagen.“ Früher habe man dem Wein Säure entziehen müssen. Durch die veränderten Bedingungen seien Weinbauern heutzutage dazu gezwungen, dem Saft Säure hinzuzufügen. Außerdem steige der Zuckergehalt (Öchsle) der Beeren, das sorge für zu hohe Alkoholwerte.
Diese Verantwortung trägt Sohn Maximilian mit Freude. „Es ist ja auch nicht so, dass ich meinen Vater entlasse“, sagt er und grinst. Er helfe weiterhin in dem Drei-Personen-Betrieb. „Wir profitieren von dem Zusammenspiel aus neuen Ideen und Erfahrung.“ Das Schöne sei, dass die beiden auch einen ähnlichen Geschmack hätten. Nur wenn Max aus dem Weingut wieder einen Gemischtbetrieb machen würde, würde der Senior eingreifen.