Weinstadt Faschingskanone neben Särgen

Kunterbuntes Sammelsurium: im Fundus gibt es nichts, was es nicht gibt. Foto: Gottfried Stoppel
Kunterbuntes Sammelsurium: im Fundus gibt es nichts, was es nicht gibt. Foto: Gottfried Stoppel

Die Tage des SWR-Fundus in Weinstadt-Endersbach sind gezählt: Im Herbst wird er ausgeräumt. Ein letzter Blick in die Hallen im Industriegebiet, in der unter anderem das Loriot-Sofa steht.

Rems-Murr: Luitgard Gröger (lui)
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Weinstadt - Es ist ein Kuriositätenkabinett“, sagt Rita Neininger und weist auf die Requisiten, die im Fundus des Südwestrundfunks (SWR) in Weinstadt-Endersbach lagern. Sowohl zur Rechten der Ausstattungsleiterin am Standort Stuttgart als auch zu ihrer Linken stapeln sich Tische in allen Formen und Größen, hinter ihr in einer Glasvitrine stehen Heiligenfiguren nebst einer ausgestopften Katze und auf einer der Tischplatten liegt ein Gummischädel mit gruseliger Fratze. An einer anderen Stelle lagern Faschingskanonen direkt neben Särgen. „Das hat alles schon in irgendeiner Fernsehproduktion mitgespielt.“ Sämtliche Requisiten, Kostüme und Dekorationen von denen man glaube, sie mal wieder brauchen zu können, würden im Fundus aufgehoben.

So haben sich in der Halle im Endersbacher Industriegebiet auf einer Fläche von rund 3000 Quadratmetern unzählige Gegenstände angesammelt: Möbel, Lampen, Fahrräder, Telefone und Krankenhausliegen, aber auch Militärausstattung wie Gasmasken und Feldflaschen. Kurz: ein Sammelsurium aus 40 Jahren Fernsehgeschichte, das ein bisschen den Anschein eines großen Museums erweckt.

Wert hat, was gebraucht wird

Jedoch sind die Parameter, an denen sich der Wert der Gegenstände misst, völlig andere. „In dem Moment, in dem wir eine Sache brauchen, ist sie für uns unglaublich wertvoll“, sagt Neininger – selbst wenn es sich nur um alte, angestaubte Glasflaschen handle. Da werde ein Tisch aus dem Biedermeier – in Unkenntnis seines tatsächlichen Werts – schon einmal kurzerhand schwarz gestrichen. „Das sind für uns eben alles Gebrauchsgegenstände.“

Derweil geben sich die Requisiteure des SWR die Klinke in die Hand. Viel Zeit bringen sie nicht mit. „Morgen früh wird gedreht, am Mittag geschnitten und übermorgen gesendet“, sagt Ralph Kraemer, der nach einer „Sänfte“ für einen Sketch über die Kanzlerin Angela Merkel in der Sendung „Zur Sache“ sucht. „Der ist es“, ruft er freudig aus und zerrt einen schwarzen Bürostuhl hervor. Einmal Probe sitzen und die Sache ist entschieden.

Der Großteil kommt in den Fundus des Staatstheaters

Auch Privatleute können sich im Endersbacher SWR-Fundus Dinge ausleihen. Laientheater nehmen dies gerne in Anspruch. Doch damit ist es bald vorbei: Im Herbst wird der Fundus aufgelöst. Oder, wie es offiziell heißt: „Er wird verschoben“, betont Werner Hansen, der Fachbereichsleiter für Maske, Requisite und Kostüm. Der Großteil komme in den Fundus des Stuttgarter Staatstheaters – bis auf die Requisiten, die für aktuelle Produktionen gebraucht würden, und die Dekorationen für Außendreharbeiten, die der SWR behalte. Mit dem Theater habe der Sender einen Kooperationsvertrag geschlossen – eine Sparmaßnahme. „Das war seit längerem abzusehen, dass der Sender nicht zwei Fundi auf Dauer halten wird“, meint Neininger. Denn neben dem in Endersbach gibt es auch einen in Baden-Baden. Diese Doppelstruktur sei durch die Fusion der früheren Sender SWF und SDR im Jahr 1989 zustande gekommen.

Trotzdem stimme der Gedanke an das baldige Ende des Endersbacher Fundus’ sie wehmütig. Schließlich sei sie früher auch als Requisiteurin viele Jahre dorthin gegangen, um „sich inspirieren zu lassen“. Ihm gehe es ebenso, gesteht Hansen, der seit 36 Jahren als Requisiteur arbeitet und für so manchen Bienzle-Tatort in Endersbach die Utensilien zusammengesucht hat – alles Geschichte. In einer Ecke lehnt noch ein zerknautschter Tatort-Dummy, der einige Dachabstürze hat mitmachen müssen.

Loriot-Sofa zieht ins Haus der Geschichte um

„Der Mantel und der Hut von Bienzle sind inzwischen im Haus der Geschichte“, erzählt Hansen. Und auch das rote Loriot-Sofa und die Kamin-Attrappe, an welcher der Moderator Hans-Joachim Kulenkampff bei seiner letzten Fernsehansage vor seinem Tod 1998 gelehnt hatte, werden noch aus dem SWR-Fundus in das Stuttgarter Museum umziehen. „Das Loriot-Sofa wäre aber ohnehin nicht mehr zu gebrauchen. Das ist schon ganz durchgesessen“, urteilt Neininger ganz sachlich über das historische Möbel. Wert hat für die Fernsehleute eben nur das, was brauchbar ist.




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