Eine Eltinger Tradition geht zu Ende: Familie Hartmann hat ihre Weinstube Weidenbusch geschlossen.
Leonberg - Es ist ungewöhnlich ruhig geworden in der Eltinger Weinstube Weidenbusch von Brigitte und Herbert Hartmann. Wo sonst die Gäste an vollen Tischen bei Rostbraten, Schlachtplatte und einem Viertele feierten, sitzen die beiden nun gemütlich in ihrem Wintergarten und genießen selbst den Trollinger-Lemberger, den Sohn Martin ausgebaut hat. Im Hintergrund prangt das große Bleiglasfenster, das Erntehelfer bei der Weinlese zeigt.
In den Achtzigern hat Herbert Hartmann das Kunstwerk dem damaligen Wirt des „Kelterles“ abgekauft, das einzige Lokal in der Leonberger Altstadt, das er als eingefleischter Eltinger gelegentlich besucht hat. Das Bild steht für das, was auch das Leben der Familie bestimmt hat: Harte Arbeit im Weinberg von Kind an, viel Arbeit für das Ehepaar in der Weinstube.
Jetzt haben sich die beiden in den Ruhestand zurückgezogen, die Weinstube ist geschlossen. Eine fast 50-jährige Eltinger Besentradition geht zu Ende. Ganz vom Wein verabschieden sich die Hartmanns nicht: „Wir bieten weiterhin Qualitätsweine zum Verkauf an, denn die Weinberge werden ja weiter bewirtschaftet. Einfach bei uns anrufen“, rät Herbert Hartmann.
Ein bisschen Wehmut
Etwas wehmütig ist es dem jetzt fast 73-jährigen Wengerter schon ums Herz, wenn er zurückdenkt, vor allem an die Zeit, als er mitten im Weinberg am Ehrenberg einmal im Jahr im Sommer seine Besenwirtschaft geöffnet hatte.
Angefangen hatte alles 1971, als Herbert Hartmann nach dem Tod des Vaters trotz eines kurzen rechten Fußes die Arbeit im Weinberg übernehmen musste. Im Keller lagerte noch viel Wein des Rekord-Jahrgangs 1970. Wohin damit, war die große Frage. „An einem Mittwoch Anfang August lud ich kurzerhand zur Besenwirtschaft in unser Weinberg-Häusle ein. zwölf Tage lang haben wir unseren Schillerwein ausgeschenkt.“ Das wurde zur Tradition, einmal im Jahr war der Besen geöffnet. Zum Wein gab es Leberwurst- und Schmalzbrote.
Alles lief zunächst nebenher, denn 1974, nach seiner Meisterprüfung, eröffnete er ein kleines Radio- und Fernsehgeschäft, 1975 wurde geheiratet, zwei Kinder mussten versorgt werden und die kleine Besenwirtschaft entwickelte sich zu einem absoluten Renner, dessen Ruf weit über die Stadtgrenzen hinausging.
„Ende der 70er Jahre lief der Besen so gut, dass wir noch zwei Nachbarparzellen kauften“. Mauern mussten entfernt werden, um die Weinberge mit dem Schmalspurschlepper bearbeiten zu können. In der Steillage nicht ohne Risiko. „Es war anfangs eine schwere Zeit“, sagt Hartmann, „und wir mussten oft mit vier Stunden Schlaf auskommen“.
Plötzlich kam das große Erwachen
Mitte der Achtziger kam dann das große Erwachen, als ein Weinkontrolleur dem Besenwirt Hartmann erklärte, dass die Leonberger und Eltinger Weinlagen gar nicht in der Weinbergsrolle eingetragen seien und der Wein folglich nicht verkehrsfähig sei. „Die Stadtverwaltung hatte es versäumt, ihre Weinbergslagen dem Regierungspräsidium in Stuttgart zu melden“, sagt Hartmann.
Jetzt musste alles nachgeholt werden. „Mir ging es nicht nur um die Eintragung in die Weinbergsrolle, mir war wichtig, dass unser Wein einen Lagenamen bekommt. Ein schwieriges Unterfangen. „Die Leonberger Lagen ‚Lange Furche‘ und ‚Seelesberg‘ kamen für einen eingefleischten Eltinger nicht in Frage. Umgekehrt gingen für einen Leonberger die Namen ‚Feinau“, ‚Ehrenberg‘ und ‚Schumisberg‘ gar nicht.“ So einigten sich die Wengerter auf die neutrale Bezeichnung ‚Mönchskeller‘, ein Gewann am Glemseck.
Das Regierungspräsidium aber sah das ganz anders und erklärte, dass in der Lage auch Reben wachsen müssten und entschied kurzerhand die Weinlage ‚Ehrenberg‘ zu nennen, ein Name, der seither für die ganze Stadt gilt.
Der Vorteil der Weinrolle: Jetzt konnten auch Qualitätsweine gekeltert und verkauft werden. 1986 stellte Herbert Hartmann den ersten Leonberger Qualitätswein vor, einen „Eltinger Ehrenberg Schillerwein“. Heute bewirtschaftet sein Sohn, der Weinbautechniker Martin Hartmann, die Weinberge und bietet neben Trollinger-Lemberger unter anderem Merlot an, Rosé und Riesling in den Qualitäten Kabinett, Spätlese und Auslese.
„Wir hatten nur nette Gäste und schöne Stunden“
1993 schließlich musste der Besen am Ehrenberg auf Betreiben der Stadtverwaltung schließen, weil der Zulauf an Besuchern mitten im Weinberg zu groß wurde. Bitter für die Familie, denn mit der Aufgabe des Radio- und Fernsehgeschäftes 1988 wurde der Weinbau zum Haupterwerb.
Da passte es gut, dass die Hartmanns 1989 auf dem Grundstück der Großeltern in der Renninger Straße ein Haus bauen konnten, in dem sie im Winter 1991 im Erdgeschoss eine Besenwirtschaft öffneten, zunächst mit 40 Sitzplätzen.
1994 bekam Herbert Hartmann nach langem Kampf eine Gaststättenkonzession, konnte jetzt mehr Gäste bewirten und war von den Öffnungszeiten her flexibler. Der Besen wurde zur Weinstube, und hier wurde auch üppiger aufgetischt.
Als gute Köchin konnte Brigitte Hartmann mit Hilfe ihrer Schwägerin Loni schwäbische Spezialitäten anbieten, wie Rostbraten, Schnitzel oder Winzersteaks. Oft gesellten sich Hobby-Musiker mit Quetschkommode und Saxofon in den Weidenbusch und sorgten für ausgelassene Stimmung. „Wir hatten nur nette Gäste und schöne Stunden“, erinnern sich die beiden gerne an die Zeit zurück.