Weissach im Tal In 13. Generation nach Jan Hus

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Der Stammbaum von Horst Lindemuth aus Unterweissach könnte die Geschichtsbücher ergänzen. Er listet zwei bisher gänzlich unbekannte Brüder des tschechischen Kirchenreformers auf, der vor 600 Jahren auf dem Konstanzer Konzil verbrannt wurde.

Der Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren aus dem 17. Jahrhundert hat die Hinrichtung von Jan Hus nachempfunden. Foto: epd
Der Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren aus dem 17. Jahrhundert hat die Hinrichtung von Jan Hus nachempfunden. Foto: epd

Weissach im Tal - Lange Zeit“, das räumt Horst Lindemuth unumwunden ein, „habe ich den Familienstammbaum ein bisschen für Wichtigtuerei meines Großonkels gehalten.“ Das angegilbte Papier, das auf den 22. Juli 1919 datiert und von Konrad Andreas Heinrich Strauß, dem älteren Bruder seiner Großmutter, erstellt

Horst Lindemuth und der Stammbaum Foto: Eppler
worden ist, reicht über elf Generationen hinweg bis zu „Joh. Joseph Huss, geb. 1130 zu Husinetz“, einer Stadt am Rande des Böhmerwaldes im Südwesten Tschechiens, zurück. Einer seiner Söhne war der Theologe, Prediger und Reformator Jan Hus.

Weil an dessen tragisches Schicksal – er war während des Konstanzer Konzils 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden (siehe „Jan Hus und das Konstanzer Konzil“) – nach 600 Jahren jetzt allenthalben erinnert wurde, wollte auch Horst Lindemuth mehr über den Spross seiner mutmaßlichen Ahnenfamilie erfahren. Als er in der Zeitung über eine Hus-Ausstellung in Nürnberg las, nahm er Kontakt mit den Ausstellungsmachern auf und wurde an Rainer Christoph verwiesen.

Zwei Brüder sind bis dato gänzlich unbekannt

Der pensionierte Lehrer aus Altenstadt in der Oberpfalz ist Vorsitzender des Vereins Goldene Straße, der sich auf Basis der alten Handelsverbindung zwischen Böhmen und Nordbayern um Beziehungspflege zwischen Schulen in Prag und Nürnberg bemüht. Lindemuth berichtete Christoph von dem Familienstammbaum – und der sei völlig aus dem Häuschen gewesen, als er das Papier in Augenschein genommen hatte. Christoph nämlich wertete die offenkundig akribisch und detailliert zu Papier gebrachte Ahnenforschung als eine kleine Sensation, weil sie nämlich nicht nur das bisher nur vage angegebene Geburtsdatum von Jan Hus mit dem 1. Juli 1372 exakt datierte, sondern weil sie mit Benedictus und Hieronymus zwei bis dato gänzlich unbekannte Brüder enthielt. Letzterer, ein Waffenschmied, soll der Ur-Ahn von Horst Lindemuth gewesen sein. Lindemuth wiederum war beruflich bedingt vor knapp 40 Jahren als Geschäftsführer des Landesverbands der Gas- und Wasserwerke in Stuttgart und privat mit seiner Frau Meta in Unterweissach sesshaft geworden.

Rainer Christoph hat den Stammbaum digitalisiert und an mehrere hussitische Pfarrersfamilien in Tschechien weitergereicht, wo man „baff erstaunt“ gewesen sei. „Endlich können wir den Geburtstag von Jan Hus feiern“, zitiert Christoph die Pfarrerin der hussitischen Kirche in Tachau, die das Dokument mittlerweile an die hussitische Fakultät der Prager Universität weitergeleitet hat. Während die Zusammenhänge dort noch geprüft werden hat Rainer Christoph schon einmal eine Abhandlung in dem Internetlexikon Wikipedia um jene Erkenntnisse erweitert, die er aus dem Stammbaum aus Unterweissach gewonnen hat.

Zwei oder drei Gene geerbt?

Auch Horst Lindemuth ist nun weniger skeptisch, ob er tatsächlich „zwei oder drei Gene“ von Jan Hus in sich trägt. Unabhängig von den möglichen verwandtschaftlichen Beziehungen in 13. Generation, habe ihm der Reformator imponiert. „Der Mut, für seine Überzeugung zu sterben, ist etwas sehr Beeindruckendes“, sagt er.

Zusammen mit seiner Frau Meta hat der 78-Jährige, der in Lüneburg zur Welt kam und in Minden aufgewachsen ist, am vergangenen Wochenende die große Gedenkveranstaltung 600 Jahre nach dem Konzil in Konstanz besucht. Auch die Ausstellung im dortigen Rosengartenmuseum hat er sich trotz des großen Gedränges angeschaut. Seinen Stammbaum hat er dort nicht entdecken können, obwohl er ihn den Ausstellungsmachern via Rainer Christoph zur Verfügung gestellt hat. „Die sind wahrscheinlich noch ein bisschen skeptisch“, sagt er – und wer, wenn nicht er, kann das gut verstehen.