Die Weissacher Feuerwehr ist führungslos. Aufgrund jahrelanger Streitereien ist der Chef Jürgen Müller amtsmüde. Doch ein Nachfolger ist nicht in Sicht, der halbe Vorstand ist verwaist. Die Fusion mit Flacht rückt trotz Notstand in weite Ferne.
Weissach – Ursula Kreutel schaut angespannt in die Runde. „Wir sind heute Abend zusammengekommen, um eine neue Führungsmannschaft zu wählen.“ Das Sakko der Weissacher Bergermeisterin ist knallrot. Rot ist die Farbe der Feuerwehr, rot ist am Samstagabend aber auch ein Symbol für die explosive Stimmung, die bei der Jahreshauptversammlung der Weissacher Feuerwehr herrscht.
„Wahl des Kommandanten“ steht auf der Tagesordnung und der bisherige oberste Weissacher Feuerwehrmann, Jürgen Müller, will „aus gesundheitlichen Gründen“, wie er sagt, nicht mehr antreten. Zwar ist im vergangenen Herbst eine Findungskommission eingesetzt worden, die einen neuen Kommandanten suchen sollte. Diese Suche ist jedoch erfolglos geblieben – bis zu diesem Abend.
„Ich bin überzeugt, wir haben fähige Kameraden in unseren Reihen.“ Bürgermeisterin Kreutel schaut immer noch angespannt in den Saal der Alten Strickfabrik mit den roten Ziegelsteinen. „Ich möchte uns allerdings auch nicht quälen“, sagt sie dann, denn es meldet sich niemand. Die rund 60 Kameradinnen und Kameraden schauen betreten in ihre Gläser. Unter ihnen auch der oberste Feuerwehrmann im Böblinger Landkreis. „Dass eine Feuerwehr führungslos wird, habe ich in meiner Amtszeit bisher noch nicht erlebt”, sagt Kreisbrandmeister Guido Plischek.
Er führt im Auftrag des Landrats die Aufsicht über alle Gemeindefeuerwehren des Kreises. „Eine Feuerwehr ist eine Einrichtung der Gemeinde und kein Sportverein“, sagt er. Deshalb ist nun auch die Rathauschefin gefragt. Und die hat die Gesetzeslage bereits genau studiert. Findet sich nämlich innerhalb der nächsten drei Monate kein Nachfolger, muss der Gemeinderat einen Feuerwehrkommandanten bestimmen. „Ich hoffe allerdings, dass dies nicht eintritt, denn so eine wichtige Aufgabe kann nicht von oben diktiert werden“, sagt Bürgermeisterin Kreutel.
Bis dahin bleibt der bisherige Kommandant Jürgen Müller in Amt und Würden. Und damit muss er sich auch weiterhin um die Streitereien kümmern, die er mittlerweile satt hat. „Vor drei Jahren bin ich angetreten, um die Abteilungen Flacht und Weissach zu vereinen“, sagt er. Denn die beiden Einzelwehren sind beide mittlerweile zu klein, um getrennt weiterarbeiten zu können. Das Zauberwort, das immer wieder durch die Alte Strickfabrik geistert, lautet hierfür „Tagesverfügbarkeit“.
„Feuerwehrautos müssen immer voll besetzt mit acht Leuten das Gerätehaus verlassen, damit sie sich schon während der Fahrt untereinander koordinieren können“, erklärt Kommandant Müller. In den beiden Teilorten Weissach und Flacht sind tagsüber jedoch nicht mehr acht Leute verfügbar. „Deshalb haben wir schon im Juli 2011 beschlossen, beide zusammenzulegen und ein gemeinsames Magazin zu beziehen.“ Ursula Kreutel stimmt dem zu: Auch der Gemeinderat habe im Herbst 2011 beschlossen, die Abteilungen zusammenzufügen und neues Gerätehaus zu bauen. „Das ist ein bis heute gültiger Beschluss“, betont sie.
Geschehen ist bis heute aber nichts. Warum? Das kann keiner der Beteiligten so genau erklären. Von „gesundem Konkurrenzdenken“ (Kreutel) ist da die Rede und von „Emotionen“. Tatsache ist, dass nicht nur der Weissacher Gesamtkommandant Müller keine Lust mehr hat, sondern auch seine Stellvertreter, der Abteilungskommandant und die Kassiererin. Für keinen von ihnen fand sich am Samstagabend ein Nachfolger. Bei der Hauptversammlung sitzen die Flachter und die Weissacher getrennt voneinander. Sie schmunzeln, wenn immer wieder von „gelebter Feuerwehrkameradschaft“ oder einer „derzeit spannenden Phase“ die Rede ist.
Wie geht es nun weiter? An der Fusion wird nicht gerüttelt, auch wenn der Gemeinderat den Zuschuss für den Magazin-Neubau erstmal auf 2015 verschoben hat. Und die menschliche Seite? Die Beteiligten wirken unschlüssig. Bürgermeisterin Kreutel empfiehlt, die Diskussion „muss man jetzt versachlichen.“ Noch-Kommandant Müller hat „noch Hoffnung“.
Und auch Kreisbrandmeister Plischek baut „auf die Kreativität der Verwaltung“. Und: „Den 15. Mai habe ich in meinem Terminkalender eingetragen“, sagt er. Dann ist nämlich die vom Feuerwehrgesetz vorgesehene Übergangsfrist von drei Monaten um und der zweite Versuch wird unternommen, einen Kommandanten zu wählen.