Weissach Urgestein, Provokateur, Sammler und Beamter

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Weissach
Edmund Bernt wohnt in einem der ältesten Häuser von Flacht. Er hat eine einmalige Sammlung von 10 000 Ammoniten. Und Ziegeln. Und Töpfen. Und Kunstwerken. Der 62-Jährige ist ein gleichsam genialer und wie streitbarer Mann – und Steuereintreiber des Finanzamts.

Ede Bernt mit seinen Ammoniten – und seinem historischen Flair. Foto:  
Ede Bernt mit seinen Ammoniten – und seinem historischen Flair. Foto:  

Weissach - Wie soll man diesen Mann beschreiben? Wo anfangen? Vielleicht beginnen wir mit dem Besuch seines Arbeitshauses im Flachter Ortskern, Baujahr irgendwas um 1500. Vor der Eingangstür klemmt eine uralte Schraubzwinge an einem Holztisch. Die Tür ist auf, Teppiche liegen auf den Gemäuern von 1742. An der Wand des Hauptzimmers prangen Wappen von Kirchen aus dem Altkreis. Eine Kanone ist bedrohlich auf den Eingang ausgerichtet.

„Ich bin am Schaffen“, ruft Ede Bernt dem Besucher zu. Tarnfleck-Fleece-Pulli, endlos weißer Bart, verstaubte Crocks. Eigentlich steht er im Nebenraum, mit tausend Apparaten und Schläuchen, und präpariert gerade einen Ammoniten. „Das braucht auch schon mal zwei Wochen intensiver Arbeit“, sagt er. Nebenan liegen noch die Teebeutel von gestern abend, es wurde spät zwischen all dem uralten Gestein, die Zeit spielt da keine Rolle mehr.

Und dann ist da so ein Ede-Moment. „Darf ich Ihnen was zeigen?“, sagt er voller Begeisterung. Wir gehen in den Keller, die Alarmanlage wird ausgeschaltet („Sonst kommen die von der Maskentruppe!“), und dann erschließt sich ein einzigartiges Reich aus Versteinerungen. Ein sage und schreibe 92 Zentimeter hoher Ammonit etwa. Eine Reihe kleinerer, nach aufsteigender Größe sortierter Urgetiere, wie wir es laienhaft ausdrücken würden.

Über solche Formulierungen würde Ede Bernt lächeln, oder einen Wutanfall bekommen, weil wir nicht den lateinischen Fachnamen seiner gut 10 000 Schätze zu schätzen wissen. Es ist eine einzigartige Sammlung, wissenschaftlich sauber sortiert, vielleicht einmalig in Baden-Württemberg, oder weltweit. Wer weiß das schon genau? Alles selbst gefunden, in ganz Süddeutschland, oder auch weltweit. Wer weiß auch das schon genau.

Weitere Ede-Momente folgen im Minutentakt. Man braucht nur durch sein Haus gehen – alternativ auch sein Wohnhaus, das früher dem alten Bürgermeisters Kapp gehört hat. „Das hier ist ein Barockofen aus Rutesheim aus dem 17. Jahrhundert“, erzählt Ede Bernt. Dann ein Sterbegedeck der Familie Josenhans. Eine echte Sterbetafel aus Heimsheim. Alles original. Alles historisch. Als wir uns etwas von der bereitwillig angebotenen Salami etwas abschneiden, tun wir das mit einem geborenen Messer aus einen mittelalterlichen Schloss.

Normal ist hier gar nichts, umso unwirklicher muss der bürgerliche Beruf von Ede Bernt erscheinen: Steuereintreiber. Finanzamt Leonberg. Kaum vorstellbar, wie er mit seinem Wuschelbart den Kuc­kuck klebt. Aber erst diese Woche war er wieder unterwegs, sagt er. Und zeigt dann auf eine Sichel und ein verrostetes Messer an der Wand, von einer echter Flachter Bauernfamilie, vermutlich 200 Jahre alt. Uff. Durchatmen. Zu viel Informationen auf einmal. „Darf ich Ihnen noch was zeigen?“, fragt Ede Bernt. Und öffnet eine Tür zu einem Magazin – 700 historische Töpfe, manche aus dem zwölften Jahrhundert. Und um die nächste Ecke folgt erneut der Satz: „Darf ich Ihnen noch etwas zeigen?“

Genug. Jetzt mal Ordnung in diese unglaubliche Ansammlung von Kuriositäten, Genialitäten und Spleenigkeiten. Wir sitzen im Empfangszimmer des Arbeitshauses. „Legen Sie die Füße ruhig auf den Stuhl, fühlen Sie sich wie zu Hause“, sagt Ede Bernt freundlich, die Augen hinter der Brille schauen fast altväterlich. Wie fing das alles an, die Sammelei, die historische Passion, ja Perfektion, vielleicht gar Besessenheit von allem, was irgendwie alt ist?

Geboren ist Ede Bernt 1952 in Eltingen. Die Eltern waren streng, katholisch, der Vater arbeitete als Versandleiter bei der Schleifmittelfirma Dorfner. Schon mit fünf Jahren begann Ede Bernt, sich für Fossilien zu interessieren. Nicht gerade zur Begeisterung seiner Eltern. „Jeder Stein führte zum Eklat“, schmunzelt Bernt, der schon damals gerne provoziert hat – und noch heute stolz darauf ist. Vielleicht lag die Sammelwut auch in der Familie, und hat sich „ausgemendelt“, wie er sagt.

Die Schule war wichtig, aber wenn eine Baustelle offen war, eben nicht mehr. So wie später eben auch alles andere zurückstehen musste, wenn Bernt die Faszination gepackt hat. Den Lehrern hat er damals so gerne widersprochen, wie heute der Obrigkeit. „Ich ertrage kein Unrecht“, sagt Ede Bernt. So schwingt er sich gerne mal selbst zum Hüter des Rechts auf, wandelt auf der schmalen Grenze zur Selbstgerechtigkeit.

Nach der Gerhart-Hauptmann-Realschule wurde er Finanzbeamter. Ja, das ist er tatsächlich auch heute noch. Aber irgendwie ist das auch nicht so wichtig. Selbst seine Frau, mit der er 25 Jahre verheiratet war, lernte Bernt über die Steine­klopferei kennen. „Sie war eine Werkstudentin für Geschichte und Romanistik“, erinnert sich Ede Bernt. Man wohnte in Eltingen, in Magstadt, in Weissach. Drei Kinder gibt es, die nicht mit Ikea aufgewachsen sind. Sondern authentisch historisch. Inzwischen sind sie 24, 21 und 14 Jahre. Aber immer wieder wurde alles zu klein, weil die Sammlungen von Ede Bernt ins Unermessliche wuchsen.  „Darf ich Ihnen was zeigen?“, fragt Ede Bernt wieder. Natürlich. Die zwei oberen Stockwerke des historischen Hauses sind voller historischer Dachziegel. Die sammelt er auch.

„Alles, was mich begeistert, bringe ich zur Perfektion“, so lautet das Mantra. Also nicht nur Ammoniten, sondern auch alte Häuser. Oder eben historische Dachziegel, die auf den alten Häusern liegen. Oder die Museumsarbeit – in Leonberg hat Ede Bernt mit Ulrich Nestle und Annemarie und Heinrich Birnbaum das Heimatmuseum mit ins Leben gerufen. Oder 1974 ein haus in der Oberamteistraße besetzt, das abgerissen werden sollte. Heute behauptet Bernt, 20 bis 30 Häuser gerettet zu haben. „Darauf bin ich stolz.“

Aber erst, als er die beiden Häuser im Flachter Ortskern zum Wohnen und Arbeiten erworben hatte, schloss sich der Kreis. Beide sollten abgerissen werden, beide hat er günstig erworben, und in unendlicher Handarbeit neu aufgebaut, und mit unendlich viel Historie angereichert. Denn Ede wollte nicht nur retten, sondern die alten Mauern selbst mit Leben füllen. Deswegen geht er auf fast jede Wohnungsauflösung, zehn waren es in den vergangenen zwei Wochen. Und nimmt mit, was er kriegen kann. Auch gerne Bilder. Denn auch mit Kunst kennt er sich auf. „Soll ich Ihnen den Picasso zeigen?“ fragt Bernt. Und man weiß nicht, ob er das ernst meint.

Im Zweifel ja. Man traut ihm fast alles zu. Er war übrigens auch in der SPD aktiv, und hat sich mit Parteifreund und Ex-Bürgermeister Roland Portmann angelegt. War im Gemeinderat. Hat den Kunstverein Artifex mitbegründet. Mehr als 100 Ausstellungen organisiert. Bücher geschrieben, Filme gedreht. Und im Testament ist verfügt, dass die Häuser 15 Jahre nicht verkauft werden. Bernt hofft, dass sein Lebenswerk in eine Stiftung einfließt, die die Kinder übernehmen können.

Das alles ist großartig, genial vielleicht. Wenn es nicht das Problem gäbe, dass das Umfeld diese permanenten geistigen Höhenflüge nicht nachvollziehen kann. Vielleicht hat sich deshalb seine Frau von ihm getrennt. Vielleicht ist sein Haus deshalb zwar ein beliebter Treffpunkt in Flacht, aber mit fast jedem hat der 62-Jährige auch schon einen Strauß ausgefochten.

Ede Bernt drückt es so aus: „Ich lebe mitten unter sehr konservativen Urgeistern. Dabei bin ich ein international anerkannter Sammler.“ Er sei bereit aufzumucken. „Da stört es mich nicht, wenn sich ein paar Deppen an mir reiben.“ Das ist eben auch so ein Ede-Moment. Vielleicht das Schicksal eines großen Geistes, dass nicht alle seine Größe erkennen. Oder die Hybris, sich über andere zu erheben. Vielleicht auch das normale Los von genialen Sammlern, deren Expertise nur noch ein kleiner Kreis von Eingeweihten nachvollziehen oder verstehen kann.

Aber so ist er eben, der Ede Bernt. Nach drei Stunden ist der Kopf voll. Der Bauch auch. Und man wartet schon auf den Satz: „Darf ich Ihnen was zeigen . . . ?“