Eigentlich ist Klaus Graf gelernter Industriekaufmann – dass es für ihn nie etwas anderes als die Musik geben wird, war für ihn aber bereits vor Abschluss der Ausbildung glasklar. Einen Gedanken daran, doch noch eine andere Laufbahn einzuschlagen, hat er nie verschwendet, sagt er selbst. Seit 1990 ist Graf Teil der SWR Big Band und auf internationalen Jazzbühnen unterwegs. Aber auch Nahe am schwäbischen Zuhause wird mal gespielt: am 22. Juli etwa beim Dorfsommer in Weissach.
Herr Graf, was bedeutet Ihnen Heimat?
Ich finde hier die Ruhe, die ich zwischendurch immer wieder mal benötige. Wir haben in Schöckingen einen sehr netten Freundeskreis und eine tolle Nachbarschaft, unsere Kinder sind hier groß geworden. Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch, der in der Coronapandemie unter den Beschränkungen sehr gelitten hat. Vor allem den Umgang mit meinen Musikerkollegen und -kolleginnen und dem Publikum habe ich sehr vermisst. Deshalb bin ich froh, dass es jetzt wieder weitergeht und ich meiner Berufung nachgehen kann.
Erst in Weissach, dann in London
London, New York, Indien: Mit Ihrer Musik gehen Sie oft und gerne auf Reisen. Wie ist es für Sie, bei einem vergleichsweise kleinen Festival wie dem Weissacher Dorfsommer zu spielen?
Ich finde es immer sehr schön, in der Region aufzutreten! Vor Kurzem habe ich wieder mein traditionelles Konzert auf dem Schöckinger Dorffest gespielt und hatte großen Spaß dabei. Ende September konzertieren wir mit der SWR Big Band zum fünfzigsten Bühnenjubiläum von Paul Carrack in der Royal Albert Hall in London. Ob ich jetzt in Weissach, Schöckingen oder in London spiele: Im Inneren machen diese Auftritte für mich tatsächlich kaum einen Unterschied. Zuhause bin ich höchstens mal etwas aufgeregter.
Welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten gibt es denn zwischen dem heimischen Publikum und dem in beispielsweise Indien?
Wenn der richtige Funke zündet, ist die Begeisterungsfähigkeit beim Publikum überall gleich. In Indien sind die Menschen sehr musikaffin und verstehen auch komplexe Musikformen. Das ist in deren Kultur verankert. In einem Schulworkshop wurde ich mal von einer Schülerin gefragt, ob wir nicht auch ein Stück im 5/4- oder 7/8-Takt spielen können. Da war ich total baff. Wir haben das dann auch gemacht. Es kommt da natürlich auch immer darauf an, mit welcher Band ich gerade unterwegs bin.
Zum 100. Geburtstag von Saxophonist Charlie Parker war die SWR Big Band am Album „Bird Lives“ beteiligt, der Arrangeur John Beasley bekam dafür erst jüngst einen Grammy. Was war das für ein Gefühl?
Das war auf jeden Fall ein schönes Gefühl und der Lohn für die lange und nicht einfache Arbeit an diesem großartigen Album. Ich sehe die Auszeichnung aber nicht als Höhepunkt meines Schaffens, sondern eher als sehr nützliche Lobbyarbeit für die Bigband beim SWR. Wir sind freie Musiker und werden pro Konzert oder Produktion bezahlt, sind beim SWR also nicht fest angestellt. Die Grammy-Auszeichnung kann sicherlich helfen, weitere ambitionierte Projekte zu generieren und Auftritte ermöglichen, wie zum Beispiel die vier anstehenden Konzerte Ende August in New York im Lincoln Center. Die SWR Big Band hat sich in den letzten zehn Jahren noch mal richtig gut entwickelt. Es macht momentan so Spaß, in diesem Orchester zu spielen, wie schon lange nicht mehr.
Sie sprechen von Lobbyarbeit. Gibt es tatsächlich die Sorge, dass die Big Band Sparmaßnahmen zum Opfer fällt?
So eine Bigband am Laufen zu halten, kostet viel Geld. Da unser Etat um einiges geringer ist als bei festangestellten Orchestern, sind wir jedoch ein vergleichsweise günstiger und trotzdem sehr erfolgreicher Werbeträger für den SWR. Mit Max Mutzke, Paul Carrack, Götz Alsmann und Curtis Stigers spielen wir regelmäßige Konzerte, zu denen zwischen 500 und 1000 Besucher kommen. Das ist viel für eine Rundfunkbigband. Und drumherum haben wir ambitionierte Prestigeprojekte wie „Bird Lives“ oder auch Schulkonzerte, die aus dem Jahresetat bezahlt und durch die vorher genannten erfolgreichen Produktionen einigermaßen rückfinanziert werden. Ich bin überzeugt, dass wir mit diesem Konzept noch lange existieren können.
Die Chemie hat von Anfang an gestimmt
Mit Paul Carrack stehen Sie auch im Juli in Weissach auf der Bühne. Wie bewerten Sie das Zusammenspiel mit ihm?
Hervorragend. Mit Paul Carrack könnte ich jeden Tag spielen. Die Chemie zwischen ihm und der SWR Big Band hat von Anfang an gepasst. Vor 12 Jahren haben wir das erste Mal ein Weihnachtsprogramm mit ihm gespielt, damals sagte mir sein Name nichts, aber ich kannte seine Stimme von Mike and The Mechanics. Im Laufe der Jahre habe ich dann mitgekriegt, an was er alles beteiligt war. Mit Pink Floyd hat er für „The Wall“ in Berlin vor 250 000 Menschen gespielt, ist regelmäßig mit Eric Clapton auf Welt-Tour. Paul Carrack ist ein großartiger, bescheidener Musiker – und Mensch.
Auf Ihrem gemeinsamen Album „Don’t Wait Too Long“, mit dem Sie auch in Weissach sind, geht es zurück in die Zeit der 50er-Jahre, zu den Wurzeln von Rhythm and Blues. Was ist an dieser Ära für Sie so besonders?
Es ist erdige, unkomplizierte, schöne Musik, die mir persönlich sehr aus dem Herzen spricht. Blues ist die Urform des Jazz und vom Gefühl und Verständnis her auch einem breiteren Publikum zugänglich. Ich halte es da wie mein Vorbild Cannonball Adderley, einer der besten Saxophonisten in den 50er- und 60er-Jahren, der Jazz mit Soul kombiniert hat. Ein Jazz-Kritiker hat ihm mal vorgehalten, dass er nur Musik für das Publikum und nicht speziell für die Jazzliebhaber spielen würde. Dazu sagte er: Das ist genau, was ich will. So halte ich es eigentlich auch am liebsten. Ich finde es toll, wenn bei unserem Konzert mit Paul Carrack viele Leute die Musik genießen können.
Braucht Jazz solche Projekte als Türöffner?
Das ist absolut meine Meinung. Der Jazz in seiner Stilistik ist sehr offen und breit gefächert. Da gehört für mich Rhythm and Blues dazu, Funk, Soul, aber auch Rap und Hip-Hop. Alles, was mit Improvisation zu tun hat, ist für mich im Überbegriff Jazz gebündelt. Jazz wird nie aussterben.
Was machen diese Improvisationsspielräume mit der Musik?
Ich als Musiker kann dadurch meine eigenen Ideen verwirklich, meine Gefühle ausdrücken, und das Publikum bekommt das mit. Jazz kann man spüren, in seiner Traurigkeit, in seiner Fröhlichkeit, in seiner ganzen Stimmung. Jazz ist morgen ganz anders als heute. Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Musikform kennengelernt habe, eintauchen konnte und sie jetzt auf der Bühne spielen darf.
Klaus Graf und die SWR Big Band
Zur Person
1964 wurde Graf in Lauffen am Neckar geboren und probierte sich bereits mit zehn Jahren an der Klarinette. Später wechselte er zum Altsaxophon, spielte im Jugendjazzorchester Baden-Württemberg und studierte an der Musikhochschule Köln. Seit 1990 ist er Teil der SWR Big Band, mit der er bereits Größen wie Chaka Khan, Dianne Reeves, Phil Woods oder Liza Minnelli auf CDs oder Bühnen begleitete. Seit über zehn Jahren arbeitet das Orchester mit „Mike and The Mechanics“-Sänger Paul Carrack zusammen.
Tickets
Am 22. Juli spielt die SWR Big Band mit Paul Carrack auf dem Weissacher Dorfsommer. Karten gibt es unter www.dorf-sommer.de oder vor Ort in der Strudelbachhalle, donnerstags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 16.30 Uhr.