Weiterer Gerichtsprozess beginnt Ermittler feiern späte Erfolge

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Der Schaden aus dem Betrug der Scheinfirma EN Storage steigt auf 121 Millionen Euro. Für die Gerichte wird der Fall zur Mammutaufgabe. Weitere Verdächtige sind in Haft.

Das Landeskriminalamt hat weitere Verdächtige verhaftet, die am Scheingeschäft mit Datenservern beteiligt gewesen sein sollen. Foto: Christian Rottler
Das Landeskriminalamt hat weitere Verdächtige verhaftet, die am Scheingeschäft mit Datenservern beteiligt gewesen sein sollen. Foto: Christian Rottler

Herrenberg - Der Prozess gegen einen weiteren Mittäter beginnt am Freitag. Es wird mit Gewissheit nicht der letzte sein, aber allein ein Blick auf die Liste der aktuellen Verhandlungstermine vermittelt einen Eindruck davon, mit welchem Aufwand die Gerichte versuchen, den Betrugsfall EN Storage lückenlos aufzuklären. 29 Prozesstage vor dem Landgericht Stuttgart sind geplant.

Im Februar 2017 war der Betrug aufgeflogen. Die Staatsanwaltschaft ließ eine Hundertschaft Ermittler die Geschäftsräume des angeblichen IT-Dienstleisters in Herrenberg und die Privathäuser der beiden Geschäftsführer durchsuchen. EN Storage hatte Privatanlegern Wertpapiere verkauft, dabei Traumrenditen zwischen sechs und zehn Prozent versprochen. Mit dem Geld der Anleger sollten Datenserver gekauft und als Dienstleistung an Konzerne wie Organisationen ausländischer Regierungen vermietet werden.

Es gab weder Datenspeicher noch Geschäftspartner

Obwohl derartige Renditen in Niedrigzinszeiten grundsätzlich misstrauisch stimmen müssten, unterschrieben mehrere 1000 Anleger. Tatsächlich war das gesamte Servergeschäft frei erfunden. Es gab weder die Datenspeicher noch die Geschäftspartner. Anfangs schätzte der Insolvenzverwalter Holger Leichtle den Schaden auf gut 90 Millionen, später auf 100 Millionen Euro. Nach aktueller Mitteilung des Landeskriminalamts musste diese Zahl noch einmal nach oben korrigiert werden – auf 121 Millionen Euro. Dem stehen keine zwei Millionen Euro Betriebsvermögen entgegen, die der Insolvenzverwalter sicherstellen konnte.

Ein Geschäftsführer ist im August 2018 zu knapp acht Jahren Haft verurteilt worden, der zweite während seines Prozesses im Gefängnis gestorben, eines natürlichen Todes. Die juristische Aufarbeitung des Betruges war damit aber noch längst nicht beendet. Weitere Mittäter mögen sich auf keinen Fall in Sicherheit wiegen, erklärt der LKA-Präsident Ralf Michelfelder aktuell, seine Behörde stelle „internationaler Verschleierungstaktik Beharrlichkeit, Fleiß und Akribie gegenüber“.

Offenbar diese Tugenden ermöglichten Ende April zwei weitere Verhaftungen. In ihren Wohnungen in Böblingen und in Stuttgart sind zwei kroatische Staatsangehörige festgenommen worden. Dem einen wird Mittäterschaft vorgeworfen, dem anderen Beihilfe. Der verurteilte Geschäftsführer Edvin N. stammt vom Balkan. Dorthin flossen große Teile des ergaunerten Geldes. Regelmäßig karrten Boten Beträge von einigen 100 000 Euro im Kofferraum über die Grenzen.

Zurzeit sitzen vier Männer wegen des Verdachts der Mittäterschaft in Haft

Weitere Prozesse werden in naher Zukunft beginnen. Zurzeit sitzen insgesamt vier Männer wegen des Verdachts der Mittäterschaft in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft will keine Details veröffentlichen. Ein schwerwiegender Verdacht fiel allerdings schon früh auf die Wirtschaftsprüfer, die dem Unternehmen stets glänzende Zahlen attestiert und den Anlegern die Scheingeschäfte beglaubigt hatten. Edvin N. hatte vor Gericht ausgesagt, dass mindestens ein hochrangiger Mitarbeiter der Stuttgarter Wirtschaftsprüfungskanzlei vom Betrug wusste. Er – und alle anderen, die mit EN Storage beschäftigt waren – haben die Firma inzwischen verlassen. Unter welchen Umständen ist unklar.

Gegen die Kanzlei wird ebenfalls verhandelt, allerdings nicht straf-, sondern zivilrechtlich. In erster Instanz hatte das Landgericht Stuttgart sie im Januar 2019 verurteilt, für den Schaden der Privatanleger zu haften. Erwartungsgemäß gingen die Prüfer dagegen in Revision. Seither „hängt unser Verfahren vor dem Oberlandesgericht“, sagt der Rechtsanwalt Daniel Borst. Zwei Mandanten von ihm gelten als eine Art Präzedenzfall. Das Ehepaar hatte rund 250 000 Euro verloren, seine gesamten Altersersparnisse. Ihr Verhandlungstermin vor der zweiten Instanz war schon einmal verschoben worden – vom Dezember 2019 auf den März 2020. Diese Verhandlung fiel dann, wie etliche andere, der Corona-Krise zum Opfer. Der nächste Ersatztermin ist für Oktober anberaumt.




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