Weiterführende Schulen in Stuttgart Stabile Anmeldezahlen, aber große Sorgen

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Die Nachfrage nach einem Platz im Gymnasium und nach G9 ist in Stuttgart ungebrochen. Die Realschulen legen stark zu, die Gemeinschafts- und die Werkrealschulen leicht. Alles in Butter also? Nein. Gymnasialleiter rechnen mit Spätfolgen von Corona.

Der Wechsel auf eine weiterführende Schule ist für viele Schüler ein einschneidendes Erlebnis. Foto: dpa/Marijan Murat
Der Wechsel auf eine weiterführende Schule ist für viele Schüler ein einschneidendes Erlebnis. Foto: dpa/Marijan Murat

Stuttgart - Gymnasien sind in Stuttgart weiterhin die mit Abstand beliebteste Schulart. Im Unterschied zum Landestrend, wo die Anmeldungen leicht rückläufig sind, können die Stuttgarter Gymnasien die Zahl ihrer künftigen Fünftklässler stabil halten. Mehr Zulauf als bisher haben in der Landeshauptstadt die Realschulen, Werkrealschulen und Gemeinschaftsschulen. Auch in diesem Jahr erhalten nicht alle Bewerber einen Platz auf ihrer Wunschschule. 14 Schulen mussten aus Kapazitätsgründen Schüler abweisen: zehn Gymnasien, drei Realschulen und eine Werkrealschule.

Gymnasien: G9 ist Dauerbrenner Der längere Weg zum Abi ist nach wie vor beliebt: 309 der insgesamt 2321 Bewerber fürs Gymnasium strebten ihn an. Nahezu alle G9-Bewerber konnten berücksichtigt werden – allerdings nur, weil das Angebot stadtweit von neun auf elf Klassen aufgestockt wird. So wird das Neue Gymnasium Leibniz in Feuerbach vier seiner insgesamt sechs Eingangsklassen für G9 einrichten, also eine mehr als bisher – und musste niemanden abweisen. Die zwei G8er-Eingangsklassen dort sind zugleich bilingual ausgerichtet und richten sich also an besonders leistungsstarke Schüler. Auch das Wilhelms-Gymnasium in Degerloch hätte gern zwei Geschwindigkeiten zum Abitur angeboten, beugt sich jedoch der großen Nachfrage nach G9. Bei 85 G9-Anmeldungen und sieben fürs G8 war für Schulleiter Peter Hoffmann klar, dass in Degerloch erneut alle drei Eingangsklassen mit G9 gebildet werden – mit jeweils 30 Schülern pickepackevoll. Denn sie wurden mit G8-Interessenten aufgefüllt, zwei Bewerber musste die Schule aus Platzgründen abweisen – und zwar jene, die am weitesten weg wohnen. Das Zeppelin-Gymnasium im Stuttgarter Osten bietet traditionell nur G9 an und kann ausnahmsweise vier statt drei Eingangsklassen bilden. So habe man bei 123 Bewerbern nur drei umlenken müssen, einen davon nach Feuerbach, berichtet Schulleiter Holger zur Hausen.

Hochbegabte und Platzengpässe Wie üblich können wieder zwei Hochbegabtenklassen gebildet werden, eine am Katharinenstift mit 24 Anmeldungen, eine am Karls-Gymnasium mit 22 Käpsele. Da das Karls-Gymnasium nur drei fünfte Klassen bilden kann, konnte es nicht alle 93 Bewerber aufnehmen. Auch anderen Innenstadtgymnasien fehlt es an Platz, deshalb mussten neben dem Zeppelin- auch das Dillmann- und das Friedrich-Eugens-Gymnasium Schüler auf andere Standorte umlenken. Räumliche Engpässe gibt es auch am Eschbach-Gymnasium in Freiberg, denn 125 Fünftklässler wären trotz der vier Eingangsklassen zu viel. Umlenken musste auch das Wirtemberg-Gymnasium in Untertürkheim. Weitere Engpässe gibt es an vier Filder-Standorten: Neben dem WG Degerloch sind dies das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Sillenbuch, das Königin-Charlotte-Gymnasium in Möhringen und das Hegel-Gymnasium in Vaihingen, letztere mit jeweils mehr als 120 Anmeldungen.

R ealschulen legen deutlich zu Eine größere Nachfrage als im vergangenen Jahr gibt es bei den Realschulen. Dort wuchs die Bewerberzahl bereits in den Eingangsklassen von 955 auf 1081. Deutlich mehr Anmeldungen als Plätze hatten die Fritz-Leonhardt-Realschule in Degerloch mit 111 Bewerbern, die Jahn-Realschule in Bad Cannstatt mit 113 und die Park-Realschule Stammheim mit 73 Anmeldungen. „Wir haben die Schüler zum Teil umverteilt“, meint Barbara Koterbicki, die Leiterin der Schlossrealschule und geschäftsführende Schulleiterin der Sekundarstufe-1-Schulen. Aber trotz des Anstiegs ist sie davon überzeugt: „Das kriegen wir hin.“

Entlastung der Realschulen durch Corona Eine quantitative Entlastung dieser Schulart könnte ausgerechnet Corona bringen, aber nur vorübergehend. Da erstmals die Versetzungsordnung außer Kraft ist und in diesem Schuljahr niemand sitzenbleibt, könnte das die Sekundarstufe-1-Schulen entlasten, meint auch Schulamtsvize Birgit Popp-Kreckel im Blick auf die höheren Klassenstufen. Aber noch sei unklar, ob oder wie viele Schüler aus Leistungsgründen das Gymnasium wieder verlassen werden. Vor einem Jahr waren es 300 gewesen, im aktuellen Halbjahr 70. Jetzt muss das niemand mehr. Auch freiwillige Wiederholer seien eher Einzelfälle, meint zur Hausen. Er befürchtet: „Das nächste Schuljahr wird viel schwieriger als dieses: Die Schere zwischen den Schülern wird noch stärker aufgehen als bisher.“ Das sieht auch Peter Hoffmann so. Besonders rächen könnte sich dies in der Kursstufe, meint er.

Gemeinschaftsschule soll aufgewertet werden Leicht zugenommen hat die Zahl der Anmeldungen an den Gemeinschaftsschulen – von 342 auf 353 Bewerber. Favorit ist erneut die Schickhardt-GMS mit 81 Anmeldungen (Stand 5. Juni) und vier Eingangsklassen – mittlerweile seien es sogar 91 Anmeldungen, berichtet Schulleiterin Sandra Vöhringer. Popp-Kreckel führt das große Interesse auf die Absicht der Stadt zurück, dort zum Schuljahr 2021/22 eine gymnasiale Oberstufe einzurichten – die erste in Stuttgart. Die schulischen Gremien haben bereits zugestimmt, am 23. Juli entscheidet der Gemeinderat darüber. Das Konzept haben alle acht GMS gemeinsam erarbeitet. Die Oberstufe steht auch Realschulabsolventen offen. Räumlich möglich wird der Ausbau der Schickhardt-GMS durch eine Auslagerung der Klassenstufen fünf bis acht ins Gebäude der ehemaligen Heusteigschule, die Großen sollen am Stammsitz unterrichtet werden.

W erkrealschule hält sich Es gibt sie noch: sieben Standorte zählen die Werkrealschulen derzeit. Mit 162 Anmeldungen hat die schwer ausgeblutete Schulart sogar wieder leicht zugelegt (Stand 5. Juni/Vorjahr: 140). Dass zu diesem Zeitpunkt die Rosensteinschule im Stuttgarter Norden nur fünf Anmeldungen hatte, irritiert Popp-Kreckel nicht. „Die werden ihre Klasse noch zusammenbringen“, meint sie. Ihre Erklärung: „Viele Familien schaffen es nicht, ihre Kinder an den Anmeldetagen anzumelden.“ Das war im März. Gerade noch zwei Standorte können mit zwei Eingangsklassen planen: die Bismarckschule in Feuerbach mit 39 Bewerbern und die Uhlandschule mit 31. Dass die Wilhelmschule Wangen mit 34 Bewerbern Schüler umlenken musste, habe rein räumliche Gründe. Für die Zukunft meint Popp-Kreckel: „Wir gehen davon aus, dass wir die Werkrealschulen halten können – in Klasse acht sind sie voll“. Auch durch Wechsler aus anderen Schularten.

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