Weitsprung bei Olympia 2021 So erlebte Malaika Mihambo ihren Gold-Tag

Malaika Mihambo springt zu Gold in Tokio Foto: dpa/Michael Kappeler

Weltmeisterin Malaika Mihambo sichert sich mit dem letzten Sprung Olympia-Gold. Nun wird sie Deutschland verlassen.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Tokio - Wahrscheinlich hat der für das Olympiastadion in Tokio zuständige DJ einfach nur nach einem deutschen Song gegoogelt, dessen Titel dem Moment womöglich angemessen sein könnte. Also legte er „An Tagen wie diesen“ der Hip-Hop-Formation Fettes Brot auf. Dass er sich mit diesem gesellschaftskritischen Werk, dessen Sinn ihm vermutlich nicht klar war, ein bisschen im Ton vergriffen hat? Geschenkt! Musikliebhaberin Malaika Mihambo war in diesen Minuten ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt, vornehmlich mit sich selbst. Und ihren Gefühlen. „Ich bin völlig überwältigt“, sagte die Weitspringerin, „es ist gerade schwierig zu realisieren, was mir da gelungen ist.“ Auf jeden Fall: ein Satz in die Geschichtsbücher.

 

Malaika Mihambo ist nun Europameisterin (2018), Weltmeisterin (2019) und Olympiasiegerin (2021). Mehr geht nicht. Und trotzdem ist die 27-Jährige weder abgehoben, noch hält sie sich für eine Überfliegerin. Ganz im Gegenteil. „Ich wusste, dass ich eine sehr gute Weitspringerin bin“, erklärte sie nach ihrem Triumph in Tokio, „und doch war der Weg hierher hart und steinig, voller Selbstzweifel.“ Was auch im Wettkampf zu sehen war.

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Seitdem sie ihren Anlauf wegen einer Rückenverletzung im Jahr 2020 um vier auf 16 Schritte verkürzt hat, was die Belastung reduzierte, läuft es nicht mehr. Denn die Rückkehr zum normalen 20-Schritte-Anlauf war weit schwieriger als gedacht – weil sie viel zu selten das Brett trifft. Und somit oft entscheidende Zentimeter verschenkt. Dieses Problem hätte die Athletin von der LG Kurpfalz nun auch beinahe den Olympiasieg gekostet.

Der Konter sitzt zunächst nicht

Mihambo hatte gut angefangen, im ersten Versuch landete sie bei 6,83 Meter, das gab Sicherheit. Anschließend steigerte sie sich auf 6,95 Meter, verschenkte am Brett aber zwölf Zentimeter. Was sie ziemlich nachdenklich stimmte, denn die viermalige Weltmeisterin Brittney Reese (USA) und die Weltjahresbeste Ese Brume (Nigeria) lagen zwei Zentimeter vor ihr. Würde am Ende eine Winzigkeit den Sprung nach ganz oben verhindern? Mihambo wollte kontern, attackierte im vierten Durchgang das Brett und riskierte auch im fünften Versuch mehr – beide waren ungültig. Es blieb eine letzte Chance. Und die Zuversicht. „Ich habe mich ruhig und gelassen gefühlt, der Glaube an mich war ungebrochen. Ich wusste, dass ich weiter springen kann.“ Nun musste sie es tun.

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Also legte Mihambo alles in diesen finalen Versuch. Das Gefühl war gut, sie wusste sofort nach der Landung, dass es ein starker Sprung gewesen ist. Sie hoffte, zitterte, bangte. Sieben Meter wurden letztlich gemessen, das überraschte sie, aber nur so lange, bis sie sah, dass beim Absprung 19,5 Zentimeter zum Messpunkt gefehlt hatten. Sie lag nach dieser Punktlandung zwar in Führung, ihr war aber klar, dass Brume und Reese in der Lage sind, ebenfalls die Sieben-Meter-Marke zu knacken. Es begannen die längsten Minuten ihres Lebens – in denen deutlich wurde, warum sie es nicht mag, als Drittletzte dran zu sein.

Tränen fließen am Ende

Mihambo kauerte in der Wartezone, machte die Augen zu. Sie konnte nicht mehr hinsehen und nahm doch wahr, wie zuerst Brume es verpasste, sich zu steigern. Und wie dann auch Reese den letzten Versuch in den Sand setzte. Es folgte ein kurzer, lauter Schrei aus der Kehle der Deutschen, danach flossen ein paar Tränen. „Es war eine Mischung aus Erleichterung, Freude und Dankbarkeit, weil ich weiß, dass das alles nicht selbstverständlich ist“, sagte Mihambo, „es ist ein gutes Gefühl, hier als beste Version meiner Selbst stehen und einfach nur genießen zu können.“ Schließlich hätte es auch anders kommen können.

Spannung pur

Am Ende entschieden drei Zentimeter im letzten Versuch, starke Nerven, aber natürlich auch ein bisschen Glück in einem Springen, der nicht an das Niveau der WM 2019 in Doha herankam. Damals siegte Mihambo mit 7,30 Meter, diesmal wird vor allem die Dramatik in Erinnerung bleiben. „Es war eines der spannendsten Finals, das ich je erlebt habe. Und der härteste Wettkampf überhaupt“, sagte Mihambo, „das sind die wichtigsten sieben Meter in meinem Leben gewesen.“ Weshalb sich die Frage stellte: Was ist nach diesen Superlativen überhaupt noch möglich? Einiges, wenn es nach der Olympiasiegerin geht.

Ab in die USA

Klar, Mihambo hat jetzt erst mal Urlaub, auch wenn das Ziel noch offen ist. Und danach wird sie Deutschland verlassen. Das hat sie schon länger vor, ihre Pläne wurden aber durch die Coronakrise verhindert. Die Weitspringerin zieht es in die USA, dort wird sie beim legendären Carl Lewis (9x Olympia-Gold, 8x WM-Gold) trainieren. Mit dem Ziel, ihre Bestleistung von Doha zu verbessern. „Ich will herausfinden, wie weit ich springen kann“, sagte sie nach ihrem Triumph von Tokio, „ich bin neugierig, was kommt.“ Vielleicht ja eine noch bessere Version ihrer Selbst. Und ein DJ, der nach dem nächsten großen Sieg einen passenderen Song auswählt.

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