Christen und Politik Das Kreuz mit der Kirche

Nummer zwei im Staat: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) rügt das politische Engagement der Kirchen. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Welche Rolle spielen Christen in einer säkularisierten Gesellschaft? Die Bundestagspräsidentin stellt eine berechtigte Frage, sollte ihre Worte aber sorgsamer wählen, meint StZ-Autor Armin Käfer. Den Kirchen müssten sich auf ihre schwindende Akzeptanz besinnen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

In den Tagen nach dem Tod eines Papstes ist es durchaus kein Fehler, über die Rolle der Kirche in weitgehend säkularisierten Gesellschaften nachzudenken. Diese Frage hat die Christdemokratin und bekennende Katholikin Julia Klöckner, neuerdings auch Präsidentin des Bundestags, schon vor dem Ableben ihres Oberhirten Franziskus aufgeworfen. Klöckners Kritik an tagespolitischen Einwürfen aus Kirchenkreisen mag ihrerseits kritikwürdig sein – eine Sünde ist der CDU-Frau deswegen nicht anzulasten.

 

Gewiss ist Klöckner nicht die tiefsinnigste Expertin in weltanschaulichen Fragen, welche die CDU aufzubieten hat – aber kraft ihres Amtes immerhin die Nummer zwei unserer Republik. Sie legt den Finger in eine Wunde, die sie selbst nicht verursacht hat. Die Kirchen sehen sich in Rechtfertigungsnöten als Spiegelbild ihrer dahinschmelzenden Akzeptanz. Sie repräsentieren in Deutschland (und vielen anderen westlichen Ländern) nur noch eine Minderheit. Und die Zahl derer, die wirklich glauben, was die Kirchen zu verkünden haben, ist einschlägigen Umfragen zufolge noch weitaus geringer als die ohnehin rasant schrumpfende Schar der Kirchensteuerzahler.

Das schmälert selbstverständlich nicht das Recht der Kirchen, sich, wie andere Interessensverbände, in tagespolitische Debatten einzumischen – mindert allerdings das Gewicht ihrer Argumente, wenn auch nicht deren Stichhaltigkeit. Die schwindende Bedeutung der Kirchen ist eine Herausforderung für eine Gesellschaft, die (auch) auf christlichen Werten gründet. Mehr noch gilt dies für Parteien, die sich dezidiert christlich nennen. Allerdings gibt es in deren Reihen längst Bestrebungen, auf dieses Etikett, das einst Mehrheiten reklamierte, zu verzichten, um nicht bloß als Fürsprecher einer Minderheit wahrgenommen zu werden.

Entfremdung der C-Parteien von den Kirchen – und umgekehrt

Die fortschreitende Säkularisierung hat auch politische Organisationen erfasst, die das Christentum immerhin noch im Namen führen. Inzwischen geht die Mehrheit der Unionsanhänger laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung nur noch selten oder gar nie zur Kirche. Deren Wortführer sollten sich glücklich schätzen, dass es überhaupt noch Parteien gibt, deren Programm auf das christliche Menschenbild Bezug nimmt.

Die Entfremdung der C-Parteien von den Kirchen, für die Klöckners Kritik spricht, findet ihre Entsprechung in einer Entfremdung der Kirchen von jenen. Dies wurde jüngst deutlich, als führende Kirchenmänner den verschärften Merz-Kurs in der Migrationspolitik der Union anprangerten.

Das Evangelium hat eine politische Dimension

Politische Enthaltsamkeit, die Klöckner den Kirchen auferlegen möchte, stünde im „Widerspruch zur Verkündung Jesu“, wie Margot Käßmann, einst Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, in einem jüngst erschienen Buch erklärt. Aus den biblischen Botschaften lassen sich sehr wohl politische Grundüberzeugungen herauslesen: ein Nein zur Gewalt, zu rücksichtloser Geschäftemacherei oder zur Zerstörung dessen, was Christen Schöpfung nennen. Für den früheren CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, allemal wortmächtiger und feinsinniger als Klöckner, war klar, „dass das Evangelium eine politische Dimension hat“.

Die Bundestagspräsidentin wäre mithin gut beraten, sorgfältiger zu bedenken, was sie in Interviews kundtut. Die Kirchen wiederum sollten sich in politischen Streitfragen nicht so aufführen, als hätten sie eine alternativlose Moral für sich gepachtet. Vor ihren Kanzeln versammeln sich keine Mehrheiten mehr. Auch wer ein wohlbegründetes Anliegen vorzubringen hat, könnte sich ein Beispiel nehmen an einer Tugend des verstorbenen Papstes: Demut.

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