Welches Potenzial steckt im Frauenhandball? Auch ein „Hexer“ kann nicht zaubern

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Frauenhandball tut sich schwer – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei steckt in dem Sport viel Potenzial, sagt zumindest Bietigheims Trainer Martin Albertsen. Ligachef Andreas Thiel („Hexer“) hat Zweifel.

Bietigheims Kim Naidzinavicius greift nach ihrem Kreuzbandriss wieder an. Foto:BaumannDer Ex-Nationaltorwart Andreas Thiel setzt auf Play-offs. Foto: dpa
Bietigheims Kim Naidzinavicius greift nach ihrem Kreuzbandriss wieder an. Foto:Baumann Der Ex-Nationaltorwart Andreas Thiel setzt auf Play-offs.

Bietigheim - Im deutschen Frauenhandball ist es wie verhext. Das ist durchaus wörtlich gemeint, denn als neuer Ligachef fungiert Ex-Nationaltorhüter Andreas Thiel, genannt der Hexer. Doch Wunder kann auch der 58-Jährige nicht vollbringen, allenfalls kleine Türchen öffnen. Was nötig wäre, zumindest wenn man die Töne bei der SG BBM Bietigheim vernimmt. Die war vor zwei Jahren Meister, vergangene Saison reichte es zum zweiten Platz hinter dem ewigen Rivalen Thüringer HC, der den siebten Titel in acht Jahren holte.

Das klingt nach eingefahrenen Strukturen. Weshalb der SG-Trainer vor dem Saisonstart – der für seine Mannschaft mit der Champions-League-Qualifikation am Wochenende in Lublin beginnt – öffentlich Kritik übt: „Unser Produkt Frauenhandball ist besser, als es manche Trainer machen“, sagt Martin Albertsen. Deshalb brauche man sich nicht zu wundern, wenn die Zuschauer zu Hause bleiben. „Es kommen nur die echten Fans, das ist ärgerlich.“ Knapp 1000 sind es in der Bundesliga im Schnitt. In Frankreich spielt das Spitzenteam aus Metz auch schon mal vor fast 5000 Besuchern. Thiel weiß, warum. „Im Zentralstaat Frankreich ist Handball Schulsport, und so hat die Liga eine ganz andere Qualität und Strahlkraft, auch bei den Frauen“, sagt er. „Dabei brauchen wir uns im Vergleich zu anderen Ländern nicht zu verstecken“, betont wiederum der Däne Albertsen, „die Liga entwickelt sich enorm.“

Lücke hinter den Topclubs

Wobei hinter den beiden Topclubs eine Lücke klafft zu den Verfolgern, wie den TusSies aus Metzingen oder dem BVB aus Dortmund, seit Jahren ein schlafender Riese. Dort sitze Präsident Reinhard Rauball bei den Heimspielen auf der Tribüne, sagt SG-Geschäftsführer Torsten Nick. Doch trotz aller Bemühungen – durchaus auch finanzieller Art – ist es den Westfalen bisher nicht gelungen, etwa die Rolle des Fußballrivalen Bayern München im Basketball zu übernehmen, der in diesem Jahr zum zweiten Mal deutscher Meister wurde.

Fehlt so ein Aha-Effekt im Frauenhandball? Thiel macht sich keine großen Illusionen: „Bundesweite Popularität wird Frauenhandball nur bei Olympischen Spielen haben.“ Die gibt’s alle vier Jahre – im Zweifel ohne deutsche Beteiligung. Thiel: „Das liegt generell am Stellenwert, den die Spielsportarten bei den Frauen hier besitzen.“

Thiel will deshalb kurzfristig an einem anderen Punkt ansetzen, um den nationalen Wettbewerb spannender zu gestalten – und von 2020 an Play-offs wieder einführen, so wie bis zur Saison 2014/15. Voraussetzung: Die Liga muss um zwei Teams auf zwölf Mannschaften verkleinert werden. „Ob es dafür eine Mehrheit gibt, weiß ich nicht“, sagt Thiel. Abgestimmt wird auf der Mitgliederversammlung der Erst- und Zweitligisten Ende Juni 2019, die Weichen dafür sollen bereits im Januar auf einer Halbjahreskonferenz gestellt werden. Bietigheims Geschäftsführer Nick sagt: „Ich bin kein großer Freund davon, aber man kann über alles reden.“

SG BBM will in die Champions League

Doch das ist Zukunftsmusik. Die Gegenwart heißt Champions Legaue. „Dafür wollen wir uns unbedingt qualifizieren“, betont Albertsen, auch wenn das in einem möglichen Finale am Sonntag gegen den Gastgeber Lublin im Hexenkessel vor 4000 Zuschauern nicht einfach wird. Nächsten Mittwoch folgt dann der verspätete Ligastart gegen Bayer Leverkusen – und Mäzen Eberhard Bezner macht zwar ein Geheimnis aus dem (Millionen-)Etat, nicht aber aus den Zielen: „Ich hoffe, dass uns der Dreier gelingt.“ Soll heißen Meisterschaft, Pokalsieg und Supercup – nur auf internationaler Ebene befindet sich die SG noch im Lernprozess.

Dabei wurde die Mannschaft gezielt verstärkt mit vier Spielerinnen – darunter Nationaltorhüterin Dinah Eckerle, die vom Hauptkonkurrenten THC kam und sagt: „Hier in Bietigheim ist es professioneller.“ Dazu kommen in Nationalspielerin Kim Naidzinavicius (nach Kreuzbandriss) und der Niederländerin Maura Visser (nach Schwangerschaft) quasi zwei halbe Neuzugänge, so dass die Mannschaft bestens aufgestellt scheint. So sieht es auch Thiel: „Für mich führt der Weg zum Titel nur über den THC und Bietigheim.“ Und das hat nichts damit zu tun, dass er die Liga schlechtreden will.