Welcome Dinner für Flüchtlinge Blind Date mit einer anderen Kultur

Von Christine Luz 

Thailändische Kokossuppe, elsässischer Flammkuchen und syrische Süßspeisen: Ein Stuttgarter Paar lädt Flüchtlinge zu einem Welcome Dinner in seine Wohnung ein. Wie schmeckt es den syrischen Gästen?

Inaam El-Rajab und Julius Rother wollen etwas zu der viel beschworenen Willkommenskultur beitragen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 12 Bilder
Inaam El-Rajab und Julius Rother wollen etwas zu der viel beschworenen Willkommenskultur beitragen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Fünfzehn Minuten bevor die Gäste eintreffen, denkt Julius Raether laut darüber nach, noch schnell eine Pizza zu bestellen. Der erste Gang verdampft gerade auf dem Herd. Die thailändische Suppe mit Kokosmilch ist übergekocht. Reste davon wischt seine Freundin Inaam El-Rajab mit Küchenpapier vom Boden auf. „Der Topf ist zu klein“, schimpft Julius. In der Wohnung im Stuttgarter Heusteigviertel fehlen an diesem Abend mindestens zwei weitere Hände. Der Salat ist nicht fertig geschnippelt, der Flammkuchen nicht im Ofen. Wäre dies eine Fernsehshow, dann kein „Perfektes Dinner“ bei Vox, sondern eher ein Fall für „Die Kochprofis“ von RTL II. „Wir sind nicht mal sicher, ob unsere Gäste das mögen, heute ist alles ein wenig experimentell“, sagt Julius und rührt vorsichtig in der Kokossuppe. Ist sie jetzt auch noch angebrannt?

Ein Klingeln schreckt das Paar auf. „Oh, die sind immer so pünktlich“, sagt Inaam und eilt zur Tür. Die 26-Jährige hat ihr braunes Haar zum Kochen nach oben geknotet. Sie lauscht auf die gedämpften Schritte auf der Treppe. Zwei junge Männer erscheinen auf der Schwelle, schlüpfen vor dem Eintreten aus den Schuhen. Sie drücken Inaam einen Teller in die Hand. Darauf befindet sich der Nachtisch.

Anfang November spielte sich eine ganz ähnliche Szene ab. Damals klingelten Mohammad Ghayad und Alaa Eddin Aboa Alhawa, zwei Syrer, zum ersten Mal an der Tür. Es gab Pizza.

Die Geschichte beginnt aber eigentlich schon früher. An einem von vielen Kneipenabenden, bei dem man mal wieder mit Freunden bei einem Bier gegen die AfD wetterte. ­Inaam war das nicht genug. Sie wollte etwas zur oft beschworenen Willkommenskultur beitragen. Aber was? „Man kann ja nicht einfach in eine Flüchtlingsunterkunft marschieren.“ Sie entdeckte das Welcome Dinner. Dabei laden Stuttgarter Gastgeber Flüchtlinge zu sich zum Essen ein. Es braucht etwas Mut und auch Vertrauen, wenn wildfremde Menschen plötzlich den geschützten Raum des eigenen Heims betreten. Die Veranstalter wurden schon gefragt, wie sie denn sicherstellen könnten, dass kein Terrorist vor der Tür steht.

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Kann aus einer Einladung zum Essen wirklich mehr werden als eine flüchtige Begegnung? Lernt man mehr als nur, woher man in Stuttgart eigentlich Halal-Fleisch bekommt?

Keine Woche nach dem Pizzaessen luden die Syrer ihre neuen Bekannten in ihre Unterkunft ein. Mohammad servierte gefüllte Weinblätter und andere Spezialitäten aus der Heimat. Ein paar Wochen darauf verabredeten sie sich zu einem Actionfilm ins Kino. Inaam nahm Mohammad über Weihnachten mit zu ihrer Großmutter ins Fränkische. „Er hat sicher nicht immer alles verstanden, meine Oma spricht ziemlichen Dialekt“, erinnert sie sich. Mohammad störte das nicht: „Ihre Familie ist sehr nett.“

Nun sind die Männer zum zweiten Mal zu Gast, aber kaum weniger nervös. Sie wollen vor ihren neuen deutschen Freunden nichts falsch machen. Während Julius das Chaos in der Küche bändigt, führt Inaam sie in ihr Zimmer. Eine lange schwarze Tafel, rosa Servietten neben weißem Geschirr. In der Mitte steht eine Vase mit bunten Ranunkeln. Mohammad, 21, wird den ganzen Abend seine dünne Daunenjacke anbehalten. Sein Freund Alaa setzt sich neben ihn. Er ist 27, über ein kariertes Hemd hat er eine Wollweste gezogen.

Julius trägt den Salat auf. „Fangt schon mal an“, sagt er und verschwindet Richtung Küche. Inaam reicht die Schüssel Alaa, doch der lehnt ab. „Wir warten auf Julius“, erklärt er in klarem Deutsch. Die Syrer bestehen darauf, sich in der Sprache der Gastgeber zu unterhalten. Schließlich wollen sie ihr Deutsch verbessern.

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