Welt-Aids-Konferenz Die Medikamente kommen für viele zu spät

Von Johannes Dieterich 

Mädchen und junge Frauen sind am häufigsten von einer HIV-Infektion betroffen.

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Johannesburg - Mpho Bagaqane steht auf dem Podium, Mikrofon in der Hand, die Augen auf ein Blatt Papier gerichtet. „Dass ich positiv bin, habe ich erst erfahren, als ich zwölf war“, will das kleine Mädchen, das sich als 20-jährige Frau herausstellt, sagen – aber keiner versteht sie. Der Gesundheitsminister springt aufs Podium und hält das Mikrofon näher an Mphos Mund, was deren Problem jedoch nur noch verschlimmert. Dass sie so schlecht zu verstehen ist, liegt an einer Infektion, die einst ihre Backe weggefressen hat. Schließlich hört Mpho ganz zu sprechen auf und weint. Südafrikas Vizepräsident Cyril Ramaphosa sucht die kleine Frau, an seinen voluminösen Leib gedrückt, zu trösten. Wir befinden uns im Johannesburger Waisenheim Nkosi’s Haven, wenige Tage vor der 21. Internationalen Aidskonferenz in Durban.   Viele im Raum haben noch die Szene im Kopf, die sich vor 16 Jahren während der 13. Aids-Konferenz in Durban abspielte.

Damals stand der elfjährige Nkosi Johnson auf der Bühne: „Wir sind ganz normale Lebewesen“, rief der Junge. „Wir können sprechen, wir können gehen, wir haben Bedürfnisse wie alle anderen Menschen auch.“ Dann fordert Nkosi, der ebenfalls schon bei der Geburt mit dem Virus infiziert worden war, die Regierung auf, endlich Medikamente zur Verfügung zu stellen, die die Infektionsgefahr während des Geburtsvorgangs um ein Vielfaches vermindern. Noch während Nkosi redet, verlässt Staatspräsident Thabo Mbeki den Saal. Er muss später durch einen Gerichtsbeschluss gezwungen werden, entsprechende Arzneien ins staatliche Gesundheitsprogramm aufzunehmen.

Zur Ausgabe lebensrettender antiretroviraler Aidscocktails wird es erst nach Mbekis Amtszeit zehn Jahre später kommen – für Hunderttausende von Südafrikanern zu spät. Auf der Durbaner Aidskonferenz warnten Wissenschaftler, dass die Hälfte aller Jugendlichen am Kap dem Virus zum Opfer fallen könne. Auch Nkosi Johnson stirbt ein Jahr später, zwölf Jahre alt, neun Kilo schwer. Während seines letzten Lebensjahres, das er zur Hälfte im Koma verbringt, ist er zur Ikone der Aidspandemie geworden, Tausende suchen ihn am Krankenbett auf. Thabo Mbeki ist nicht dabei.   „Nkosi hat unser Gewissen wachgerüttelt“, sagt Cyril Ramaphosa: „Er hat sich geopfert, damit wir das Richtige tun.“

Zufluchtsort für 100 Kinder

Das klingt wie eine Entschuldigung: Tatsächlich war Ramaphosa schon immer Thabo Mbekis Gegenspieler. Es ist das erste Mal, dass ein hoher Regierungsvertreter den Weg zu Nkosi’s Haven am Südrand von Johannesburg findet: dem „Zufluchtsort“ für etwa 100 Kinder. Sie habe jedoch seit Jahren kein einziges mehr verloren, erzählt Gail Johnson, die Gründerin des Heims und Adoptivmutter Nkosis. Der Grund für die atemberaubende Wende ist in einem Glasschränkchen im Zimmer neben Johnsons Büro auszumachen: Kartons voller antiretroviraler Medikamente, die einst innerhalb weniger Wochen aus Nkosis Sterbehaus ein Lebenszentrum machten. Auch Mpho Bagaqane erhält die Pillen, von denen sie zunächst morgens und abends jeweils vier dicke Bomben nehmen musste. Doch weil die Cocktails inzwischen weiterentwickelt wurden, reicht mittlerweile eine Pille am Abend.

Die winzige junge Frau verträgt die Arznei ohne Probleme: Dass sie nicht einmal 1,50 Meter groß und im Alter von 20 Jahren noch immer erst in der 9. Klasse ist, liegt daran, dass Mpho die Medikamente 13 Jahre zu spät bekam. In der Zwischenzeit hatte das Virus genug Zeit, in ihrem Gehirn und ihrer Backe nicht wieder gutzumachenden Schaden anzurichten. Dass das Virus vor allem das Gehirn angreift, weiß Gail Johnson schon von ihrem Sohn Nkosi: Nach dessen Tod fanden Ärzte bei der Autopsie eine zentimeterdicke Schicht toter Zellen in seinem Schädel. Heute versuchen Psychologen in Nkosi’s Haven, den unter unbehandelten Infizierten beobachteten Gedächtnisverlust mit der Aktivierung anderer Gehirnteile auszugleichen.   Gegenwärtig erhalten rund 3,5 Millionen Südafrikaner antiretrovirale Medikamente – weit mehr als in jedem anderen Staat der Welt.

Die Ansteckungen vor der Geburt müssen weiter sinken

Die Ansteckungen während der Geburt sind nach Angaben des Gesundheitsministers Aaron Motsoaledi von 70 000 vor zwölf Jahren auf unter 6000 gesunken, die durchschnittliche Lebenserwartung am Kap der Guten Hoffnung stieg um fast zehn Jahre an. Vom Aids leugnenden Paria hat sich der Regenbogenstaat zum Musterländle gemausert. „Südafrika setzt einen Meilenstein nach dem anderen“, schwärmt Unaids-Chef Michel Sidibé.   Ganz so glorreich wie die Zahlen klingen, ist die Wirklichkeit allerdings nicht. Noch immer erhält fast die Hälfte aller Infizierten keine Medizin. Mit mehr als 6,5 Millionen Kranken ist Südafrika nach wie vor das von der Pandemie am schlimmsten gebeutelte Land der Welt.

Nachdem die Zahl der Neuinfektionen infolge zahlloser Aufklärungskampagnen und der großflächigen Verteilung von Aids-Cocktails zunächst deutlich zurückging, steigt sie inzwischen wieder an. Untersuchungen ergaben, dass Angesteckte, deren Virenzahl durch die Einnahme antiretroviraler Pillen bereits deutlich gesunken ist, so gut wie gar nicht mehr ansteckend sind – selbst wenn sie ohne Kondom mit einem Partner schlafen.

Die 20-Jährige Mpho Bagaqane sitzt draußen vor der Halle, den Kopf in die Hände gestützt, ihre Tränen sind inzwischen einer brodelnden Wut gewichen. Warum es mit dem Virus ausgerechnet sie getroffen habe, will sie wissen: Und warum sich keines der noch lebenden Familienmitglieder um sie kümmert. Auch wenn ihr das Lernen noch so viel Mühe mache, werde sie sich unter allen Umständen bis zum Abitur durchkämpfen, sagt Mpho: „Denn ohne Abitur ist man hier nichts.“ Und danach? „Dann werde ich Tänzerin.“

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