Corinne Lepage, eine der Vorgängerinnen Bathos an der Spitze des Umweltressorts,  hat Politik und Atomwirtschaft als ein Beziehungsdickicht erlebt. Dazu passt, dass das Ja zur Atomenergie in Frankreich jahrzehntelang Konsens war.  Der frühere Staatschef Valéry Giscard d’Estaing, Ehrengast in Le Bourget, steht für  jene Zeiten, da die Atomkraft die Nation einte – in den siebziger Jahren. Die Ölkrise hatte den Franzosen die Abhängigkeit des Landes von arabischem Petroleum vor Augen geführt. Giscard d’Estaing ordnete den massiven Ausbau der Kernenergie an, als Garantin unabhängiger Energieversorgung. Auf das „große Abenteuer der Atomkraft“ hätten er und die Nation sich damals eingelassen, erzählt der 88-jährige Ex-Präsident und Ingenieur. Unten im Saal lösen sich die Mienen. Da und dort zeichnet sich ein Lächeln ab. Das waren noch Zeiten, scheinen sich die Zuhörer zu sagen.

 

Dann die Rückschläge. Der schwerste im März 2011, die Kernschmelze von drei Reaktoren in Fukushima. Unter dem Eindruck der Katastrophe beschloss Deutschland, aus der Kernkraft auszusteigen. Länder wie die Schweiz, Italien und die USA stornierten Projekte oder schoben sie auf die lange Bank. „Noch ein Fukushima“, sagt Areva-Chef Luc Oursel auf einem der Diskussionsforen der Messe, „können wir uns nicht leisten, dann wäre alles zerstört.“

Anders als erhofft, hat sich der Atomstrom auch noch als äußerst kostspielig herausgestellt. Wenn er, wie in Frankreich, preisgünstig angeboten wird, dann deshalb, weil der Staat kräftig zuschießt. Ginge es nach den Produktionskosten, müssten die Strompreise links des Rheins explodieren. Die ursprünglich mit drei Milliarden Euro angesetzten Herstellungskosten des modernen Druckwasserreaktors EPR liegen mittlerweile bei 8,5 Milliarden. Vor allem aber schlagen die anstehenden Renovierungskosten veralteter Kraftwerke zu Buche. Vier Fünftel der französischen Reaktoren erreichen zwischen 2017 und 2027 die ursprünglich vorgesehene Lebensdauer von 40 Jahren. EdF würde sie gern weitere zehn bis 20 Jahre am Netz lassen und beziffert den Modernisierungsaufwand mit 55 Milliarden Euro.

Es geht um Arbeitsplätze

Die Atomkraftgegner des Landes, die dies vorausgesagt haben, dürfen sich bestätigt sehen. Die Genugtuung hält sich gleichwohl in Grenzen. Um ernsthaft Paroli bieten zu können, fehlt der gesellschaftliche Rückhalt. Zu den profiliertesten Mitgliedern der Anti-Atomkraft-Bewegung zählt die Initiative Sortir du Nucléaire (Aus dem Nuklearen aussteigen). Aber selbst sie führt ein Schattendasein. Im hintersten von drei durch kleine  Tunnel verbundenen Pariser Hinterhöfen residiert sie, auf halbem Weg zwischen Nord- und Ostbahnhof. Weder am Haustor noch an der Bürotür deutet etwas darauf hin, dass Atomkraftgegner hier ihrer Arbeit nachgehen, ja Widerstand organisieren. „Rund 30 Prozesse haben wir bereits gegen EdF oder Areva geführt“, erzählt  Charlotte Mijeon (29), Sprecherin von Sortir du Nucléaire. Gestützt auf Dokumente der Agentur für Nuklearsicherheit analysieren Mijeon und ihre Mitstreiter Reaktorpannen, versuchen Verantwortliche vor Gericht zur Rechenschaft zu ziehen.  Wenn etwa durch ein Leck Tritium austrete, könne das den Betreiber ein paar Tausend Euro Geldbuße kosten. Nadelstiche könne man so setzen, dem Image der Atomlobby Kratzer verpassen. Mehr als Piksen und Kratzen aber ist nicht drin.

Die Gefahren der Atomkraft seien für die meisten Franzosen zweitrangig, hat Mijeon feststellen müssen. An Frankreichs Atomwirtschaft hängen 125 000 Jobs. Das zählt. Selbst Frankreichs Grüne scheinen den Kampf gegen die Kernkraft hintangestellt zu haben. In der Nationalversammlung haben sie für das Energiewendegesetz gestimmt. Was für sie zählt, sind andere Fortschritte, zum Beispiel in der Klimapolitik. Mijeon, die nach einem Politikstudium zu Sortir du Nucléaire gestoßen ist, prophezeit, Präsident Hollande werde auf der Pariser Klimakonferenz 2015 die Kernenergie als Ausweg aus der Katastrophe preisen. „Gut möglich, dass der Präsident den Staatenlenkern gleich noch ein paar Atomkraftwerke verkauft.“

Giscard d’Estaing spricht vom Abenteuer Atomkraft

Corinne Lepage, eine der Vorgängerinnen Bathos an der Spitze des Umweltressorts,  hat Politik und Atomwirtschaft als ein Beziehungsdickicht erlebt. Dazu passt, dass das Ja zur Atomenergie in Frankreich jahrzehntelang Konsens war.  Der frühere Staatschef Valéry Giscard d’Estaing, Ehrengast in Le Bourget, steht für  jene Zeiten, da die Atomkraft die Nation einte – in den siebziger Jahren. Die Ölkrise hatte den Franzosen die Abhängigkeit des Landes von arabischem Petroleum vor Augen geführt. Giscard d’Estaing ordnete den massiven Ausbau der Kernenergie an, als Garantin unabhängiger Energieversorgung. Auf das „große Abenteuer der Atomkraft“ hätten er und die Nation sich damals eingelassen, erzählt der 88-jährige Ex-Präsident und Ingenieur. Unten im Saal lösen sich die Mienen. Da und dort zeichnet sich ein Lächeln ab. Das waren noch Zeiten, scheinen sich die Zuhörer zu sagen.

Dann die Rückschläge. Der schwerste im März 2011, die Kernschmelze von drei Reaktoren in Fukushima. Unter dem Eindruck der Katastrophe beschloss Deutschland, aus der Kernkraft auszusteigen. Länder wie die Schweiz, Italien und die USA stornierten Projekte oder schoben sie auf die lange Bank. „Noch ein Fukushima“, sagt Areva-Chef Luc Oursel auf einem der Diskussionsforen der Messe, „können wir uns nicht leisten, dann wäre alles zerstört.“

Anders als erhofft, hat sich der Atomstrom auch noch als äußerst kostspielig herausgestellt. Wenn er, wie in Frankreich, preisgünstig angeboten wird, dann deshalb, weil der Staat kräftig zuschießt. Ginge es nach den Produktionskosten, müssten die Strompreise links des Rheins explodieren. Die ursprünglich mit drei Milliarden Euro angesetzten Herstellungskosten des modernen Druckwasserreaktors EPR liegen mittlerweile bei 8,5 Milliarden. Vor allem aber schlagen die anstehenden Renovierungskosten veralteter Kraftwerke zu Buche. Vier Fünftel der französischen Reaktoren erreichen zwischen 2017 und 2027 die ursprünglich vorgesehene Lebensdauer von 40 Jahren. EdF würde sie gern weitere zehn bis 20 Jahre am Netz lassen und beziffert den Modernisierungsaufwand mit 55 Milliarden Euro.

Es geht um Arbeitsplätze

Die Atomkraftgegner des Landes, die dies vorausgesagt haben, dürfen sich bestätigt sehen. Die Genugtuung hält sich gleichwohl in Grenzen. Um ernsthaft Paroli bieten zu können, fehlt der gesellschaftliche Rückhalt. Zu den profiliertesten Mitgliedern der Anti-Atomkraft-Bewegung zählt die Initiative Sortir du Nucléaire (Aus dem Nuklearen aussteigen). Aber selbst sie führt ein Schattendasein. Im hintersten von drei durch kleine  Tunnel verbundenen Pariser Hinterhöfen residiert sie, auf halbem Weg zwischen Nord- und Ostbahnhof. Weder am Haustor noch an der Bürotür deutet etwas darauf hin, dass Atomkraftgegner hier ihrer Arbeit nachgehen, ja Widerstand organisieren. „Rund 30 Prozesse haben wir bereits gegen EdF oder Areva geführt“, erzählt  Charlotte Mijeon (29), Sprecherin von Sortir du Nucléaire. Gestützt auf Dokumente der Agentur für Nuklearsicherheit analysieren Mijeon und ihre Mitstreiter Reaktorpannen, versuchen Verantwortliche vor Gericht zur Rechenschaft zu ziehen.  Wenn etwa durch ein Leck Tritium austrete, könne das den Betreiber ein paar Tausend Euro Geldbuße kosten. Nadelstiche könne man so setzen, dem Image der Atomlobby Kratzer verpassen. Mehr als Piksen und Kratzen aber ist nicht drin.

Die Gefahren der Atomkraft seien für die meisten Franzosen zweitrangig, hat Mijeon feststellen müssen. An Frankreichs Atomwirtschaft hängen 125 000 Jobs. Das zählt. Selbst Frankreichs Grüne scheinen den Kampf gegen die Kernkraft hintangestellt zu haben. In der Nationalversammlung haben sie für das Energiewendegesetz gestimmt. Was für sie zählt, sind andere Fortschritte, zum Beispiel in der Klimapolitik. Mijeon, die nach einem Politikstudium zu Sortir du Nucléaire gestoßen ist, prophezeit, Präsident Hollande werde auf der Pariser Klimakonferenz 2015 die Kernenergie als Ausweg aus der Katastrophe preisen. „Gut möglich, dass der Präsident den Staatenlenkern gleich noch ein paar Atomkraftwerke verkauft.“