Krankenhäuser benötigen dringend mehr Blutkonserven, weil nach der langen Coronapause wieder alle Operationen stattfinden können.
Blut muss fließen. Nicht in mörderischer Absicht. Sondern zu lebensrettendem Zwecke. Denn die Krankenhäuser schlagen Alarm: Sie brauchen mehr Blutkonserven. Und damit mehr Menschen, die bereit sind, ihr Blut zu spenden. Wie Harald Kressler. Wie seine Frau Monja. Und Grete. Oder die 23-jährige Geigenstudentin Annika Spegg. Sie und noch viele andere sind an diesem Morgen in die Blutspendezentrale im Klinikum Stuttgart gekommen, um zur Ader gelassen zu werden. Nicht, weil gerade an diesem 14. Juni seit 2004 der Weltblutspendetag im Kalender steht. „Ach“, sagen sie, als sie es erfahren, „das haben wir gar nicht gewusst.“ Sie kommen aus Überzeugung. Und die meisten nicht zum ersten Mal.
Schon 115. Mal Blut gespendet
Grete, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, aber verrät, dass sie gerade 70 geworden ist, wurde vor drei Jahren schon für die 100. Blutspende geehrt. „Ich habe 1984 damit angefangen, als meine zweite Tochter geboren wurde. Und heute ist das 115. Mal.“ Sie habe, versichert sie, auch viele Kolleginnen und Kollegen zu dieser Bereitschaft für das Wohl der Allgemeinheit und, wer weiß, vielleicht auch mal für das eigene Überleben, animieren können. Als kontinuierliche Wiederholungstäterin, die obendrein völlig gesund ist und, wie sie beteuert, nicht ein einziges Medikament braucht, ist sie immer noch als Spenderin willkommen, denn eigentlich liegt die Altersgrenze bei 67.
Nicht nur von solchen Spendern wünscht sich Beate Luz mehr. „Wir brauchen generell mehr“, versichert die Ärztin, die seit 1991 die Blutspendezentrale leitet. „Der Bedarf an Blutkonserven ist stark gestiegen, weil die Operationen, die während der Coronazeit stark reduziert werden mussten, wieder ganz normal und im vollen Programm stattfinden. Vor allem für die Behandlung der onkologischen Patienten wird immer mehr Blut gebraucht. Denn Krebserkrankungen nehmen immer mehr zu, allein deshalb, weil die Menschen auch immer älter werden. Das führt dazu, dass das Klinikum Stuttgart im Jahr bis zu 34 000 Blutkonserven und täglich Blutprodukte aus etwa hundert Spenden benötigt. Dafür müssten an einem Tag 135 Blutspender kommen. „Denn wir versorgen auch andere Kliniken in der Stadt wie das Diakonissenkrankenhaus und andere Krankenhäuser in der Region.“ So viele werden es wohl auch an diesem Weltblutspendetag in der Zentrale in der Keplerstraße nicht werden. Denn nur drei Prozent der Bundesbürger sind Blutspender.
Der ideale Spender
Dabei ist es keine große Aktion. Keine zehn Minuten dauert es, bis ein halber Liter Blut über die Kanüle in der Armvene in den Beutel auf der sich ständig bewegenden Mischwaage geflossen und dort mit einem gerinnungshemmenden Mittel regelrecht zusammengeschüttelt wird. „Die Spende, erklärt Beate Luz, „wird zu drei Produkten verarbeitet: Das Thrombozyten-Konzentrat, das man für die Gerinnung braucht und vier Tage haltbar ist.“ Vor allem Onkologie-Patienten seien sehr darauf angewiesen. Dann die Erythrozyten, rote Blutkörperchen, die sechs Wochen haltbar sind, und schließlich das Plasma, das man tiefgefroren zwei Jahre vorhalten könne. Zum Schutz der Empfänger überprüft eine Liste mit Fragen zu Befinden, Krankheiten, Medikamenten, Reisen, Umgang und Sexualverkehr die Spendenwilligen buchstäblich auf Herz und Nieren. „Nach den Richtlinien, die von der Bundesärztekammer und vom Paul-Ehrlich-Institut erarbeitet wurden“, erklärt Beate Luz. „Fünf bis zehn Prozent der Aspiranten müssen wir ablehnen.“
„Ich bin der ideale Spender“, rühmt sich Harald Kressler. Wegen seiner Blutgruppe 0 negativ. Der Aderlass hat ihm wie seiner Frau Monja nicht das Geringste ausgemacht. Noch eine Ruhepause? „Nein, nicht nötig, der Job wartet.“ Als Honorar gibt es 25 Euro. Noch ein Vesper? Grete verzichtet: „Mein Mann holt mich ab, dann bummeln wir.“
Blutspendezentrale im Klinikum Stuttgart, Keplerstraße, Gebäude C, www.klinikum-stuttgart.de/blutspendezentrale