Weltempfänger und Co. Warum ein Esslinger hunderte alte Röhrenradios reparierte

Die reparierten Geräte werden in Folie gehüllt und stehen im Regal. Foto: Roberto Bulgrin

Konrad Dentlinger aus Esslingen kann fast alles reparieren. Besonders angetan haben es dem 66-Jährigen alte Röhrenradios. Er besitzt an die 220 Stück. Hier erzählt er, was es mit dem weichen Bass der Vergangenheit auf sich hat.

Reporter: Petra Pauli (pep)

In der Zimmerdecke steckt noch der Haken, an dem einst ein Boxsack hing. Doch in diesem Hobbykeller gibt es längst keinen Zentimeter Platz mehr, um Sport zu treiben. Auch eine Werkbank ist so vollgestellt, dass nichts mehr von ihr zu sehen ist. Frei sind nur noch sehr schmale Gänge zwischen den Regalen, die bis zur Decke gefüllt sind, zwischen Kisten mit zusammengesammelten Ersatzteilen, den Ordnern mit Schaltbildern und den hohen Stapeln aus allerhand reparaturbedürftigen Geräten.

 

Luftdicht verpackt im Regal gestapelt

Es ist das Reich von Konrad Dentlinger. Hier repariert und restauriert er vor allem alte Röhrenradios. „Ich müsste schon bettlägerig sein, wenn ich mal einen Tag nicht hier unten bin“, sagt der Esslinger Bastler und lacht. Dabei ist der 66-Jährige auch sonst viel beschäftigt: mit seinen fünf Enkeln, dem Garten oder seinem E-Bike. Zudem hilft er regelmäßig im Reparaturcafé Esslingen. Bis zur Rente vor zwei Jahren hat der gelernte Radio- und Fernsehtechniker an der Hochschule Esslingen gearbeitet und war dort für die Medientechnik zuständig. Er besitzt an die 220 historische Radiogeräte. 180 von ihnen sind wieder voll funktionsfähig. In den Regalen sind sie daran zu erkennen, dass sie ordentlich und doch luftdurchlässig in Schutzfolie verpackt sind. In Betrieb sind die Radios, die teils stattliche Ausmaße von einem halben Meter Breite haben, bei ihm also nicht mehr. Er repariert sie um ihrer selbst Willen und um ein Stück Geschichte zu bewahren.

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Die älteren Geräte stammen aus den 30er-Jahren, die jüngeren wurden zwischen 1962 und 1965 gebaut. „Jedes Radiogerät, das verschrottet wird, ist unwiederbringlich verloren“, sagt er. Überhaupt stört ihn die Wegwerfmentalität. Was es auch ist, von der Autotür über Pedelec-Akkus bis zum Flachbildschirm – Konrad Dentlinger versucht immer, die Dinge wieder irgendwie zu reparieren. Und das auch meistens mit Erfolg. „Oft sind es nur Kleinigkeiten, an denen es hakt“, ist seine Erfahrung.

Gegen die Wegwerfmentalität

Mit vielen seiner alten Röhrenradios hat man einen guten UKW-Empfang. Auch über Langwelle ist noch der ein oder andere ausländische Sender zu empfangen. Versuchsweise hat Dentlinger auch schon einen modernen, digitalen Empfänger an ein Röhrenradio angeschlossen. „So kann man den Röhrensound weiter genießen“, sagt der 66-Jährige. Viele Liebhaber schätzen diesen Klang. „Es ist ein weicher Bass“, so umschreibt Dentlinger den besonderen Ton. Schon als Jugendlicher hat ihn die Röhrentechnik fasziniert. „So eine Röhre ist endlich und verbraucht sich irgendwann“, sagt er über den Reiz. Deshalb werde auch das „magische Auge“, eine spezielle Elektronenröhre, die in vielen Geräten eingebaut ist und die die Stärke des Signals anzeigt, irgendwann blasser.

Von Weltempfänger bis Tefiphone

Immer wieder bekommt Dentlinger Radios und auch andere Abspielgeräte geschenkt. Zuletzt hat ihm eine Firma aus Bernhausen altes Werkzeug wie etwa ein Röhrenmessgerät vererbt. Auch beim Sperrmüll oder auf der Deponie Katzenbühl juckt es ihn oft in den Fingern. Aber es fehlt der Platz, um mehr anzunehmen. Ersatzteile wie Federn, Kondensatoren oder Widerstände, die er irgendwo ausgebaut oder gefunden hat, sammelt er akkurat in Schubladen. An der Wand hängen diverse Kabel und Stecker. Nur wenn er im Vorrat nichts für seine Reparaturen findet, kauft er es im Internet.

In seinen Regalen stehen allerhand Besonderheiten wie etwa ein „Tefifon“, bei dem die Töne von einer Endlosband-Kassette abgegriffen werden, oder ein Empfänger der Fellbacher Firma Wega, die später von Sony aufgekauft wurde. Zu Dentlingers Sammlung gehören auch ein Welt- und zwei Deutsche Kleinempfänger von 1936. Stolz ist er auf den „Schneewitchen-Sarg“, das ist ein Plattenspieler mit integriertem Röhrenradio der Firma Braun. Namensgebend war hier der große, durchsichtige Deckel. Bei Ebay werden Röhrenradios ab 30 bis 150 Euro gehandelt, anspruchsvollere Modelle können auch über 500 Euro erzielen. Aber hergeben möchte Dentlinger seine Schätze ohnehin nicht – auch wenn es eng ist im Keller.

Vorgänger des Kofferradios

Röhrenradio
 Bei Röhrenempfängern werden in der elektronischen Schaltung vor allem Elektronenröhren als aktive Bauelemente zur Verarbeitung verwendet. Sie funktionieren nach dem Prinzip der offenen Schallwand, es ist kein hermetisch abgeschlossenes Gehäuse. Erstmals vorgestellt wurden sie 1924 in Berlin auf der ersten Großen Deutschen Funkausstellung. Die Anzahl der eingesetzten Röhren war ein wichtiges Qualitätskriterium. Bekannt ist der Volksempfänger, der 1933 vorgestellt wurde. Gebaut wurden Röhrenradios bis in die 1960er-Jahre, dann wurden sie von den Transistoren, oft Kofferradio genannt, verdrängt.

UKW
Ein Ende des analogen Empfangs von Ultrakurzwelle (UKW) ist in Deutschland nicht in Sicht. Norwegen hat sich dagegen 2017 fast vollständig von UKW verabschiedet, die Schweiz wird 2023 folgen. In Deutschland wurden 2017 die letzten Mittelwellensender abgeschaltet.

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