Weltfrauentag Der lange Weg ins eigene Leben

Von Aufgezeichnet von Elisabeth Hussendörfer 

Elfriede Rick überlebte als Kind die Vertreibung aus Ostpreußen. Die Angst von damals hat sie immer wieder eingeholt. Heute tritt sie als Zeitzeugin vor Schulklassen auf. Sie hat viel zu erzählen.Wir haben ihr zugehört.

Nur ein verblichenes Familienfoto ist Elfriede Rick nach ihrer Flucht aus Ostpreußen geblieben. Damals war sie ein dreizehnjähriges Mädchen. Foto: privat
Nur ein verblichenes Familienfoto ist Elfriede Rick nach ihrer Flucht aus Ostpreußen geblieben. Damals war sie ein dreizehnjähriges Mädchen. Foto: privat

Dresden - Elfriede Rick (82) wurde als Dreizehnjährige vertrieben. Sie überstand die Flucht, war als Diakonieschwester für andere da und fand eine neue Heimat in Dresden. Sie hat viel zu erzählen. Wir haben ihr zugehört: „Eigentlich wollte ich nie eigene Kinder haben. Aber dann, mit Anfang dreißig, hatte ich zwei Stiefkinder und lag mit meiner leiblichen Tochter in den Wehen. Kaum jemand konnte verstehen, was los war, als meine Renate endlich da war. Panik hatte ich, irrsinnige Angst um dieses winzige, schutzlose Wesen. Da waren sie wieder, die Bilder von der Flucht. Wie wir, meine Mutter, meine beiden kleinen Geschwister und ich von russischen Solda

Elfriede Rick heute Foto: privat
ten mit gezückten Gewehren durch die Kälte getrieben wurden. Wer nicht mehr konnte, Kinder, Alte, Schwangere, blieb am Wegrand zurück und ist erfroren. Am schlimmsten fand ich, wie die toten Säuglinge von den Soldaten mit einer Schippe Schnee zugedeckt wurden.

Dreizehn war ich, als am 19. Januar 1945 der Fluchtbefehl kam. Der Bürgermeister ging von Gehöft zu Gehöft und sagte, wir müssten so schnell wie möglich weg, die russische Front rücke näher. Nur das Nötigste packten wir: Futter für die Pferde, Kochtöpfe, Pelzdecken sowie unsere Papiere und ein paar Fotos. Es war chaotisch. Zu den vielen Menschen, die wie wir mit notdürftig zusammengezimmerten Wägen unterwegs waren, kam ja das deutsche Militär, das von der Front zurückgedrängt wurde. Acht Kilometer in drei Tagen, mehr haben wir nicht geschafft.

Nach einer knappen Woche wurden wir von den Russen eingeholt. Man vergisst so was nicht: wie wir an eine Stallwand gestellt wurden und wie meine kleine Schwester, als die Gewehre klickten, geschrien hat. Wie ein Tier. Ohne sie wären wir heute nicht mehr am Leben, da bin ich sicher. Den Wagen, die Pferde, sämtliche Papiere, alles hat man uns abgenommen. Acht Tage lang liefen wir bei Minusgraden gen Osten und wurden dann im Nirgendwo in geplünderten Häusern untergebracht. Auf dem Boden haben wir geschlafen, zu Dutzenden, wir aßen Suppe aus Mehl und Wasser. Immer wieder gab es Verhöre, meist nachts. Wer arbeitsfähig war, wurde nach Sibirien abtransportiert.

Einmal schien es auch bei uns so weit, Mutter sollte mit. Aber dann war die Laderampe des Lkw voll, und sie kam zurück.

Unwahrscheinliches Glück hatten wir, dass wir die gut drei Jahre als Familie zusammengeblieben sind. Auf Höfe verteilt und zu Arbeitseinsätzen für die sowjetische Kollektivwirtschaft wurden wir. Anfangs half ich, die mumifizierten deutschen Soldaten in Schützengräben zu schleifen. Später hab ich halb verhungert mit ebenfalls halb verhungerten Pferden Felder gepflügt. Einen halber Liter Malzkaffee am Morgen, mittags einen Liter Sauerkrautsuppe, abends ein Stück matschiges Brot: so viel bekam man – als Familie. Wir wären verhungert, wie so viele, hätten die Soldaten nicht ab und an ein Auge zugedrückt und uns zum Betteln vom Hof gelassen.