Weltfrauentag Die Erziehung zum Frieden

Von Aufgezeichnet von Elisabeth Hussendörfer 

Ruth Erhardt hat Anfang der Fünfziger als Trümmerfrau beim Wiederaufbau von Berlin geholfen. Ihre Konsequenz: nie wieder Krieg. Dafür hat sie sich auch zu DDR-Zeiten einzusetzen versucht. Zum Weltfrauentag erzählt die 83-Jährige aus ihrem Leben.

Für die Arbeit auf dem Trümmerfeld hat Ruth Erhardt sich einen Trainingsanzug gekauft Foto: Adelheid Schardt
Für die Arbeit auf dem Trümmerfeld hat Ruth Erhardt sich einen Trainingsanzug gekauft Foto: Adelheid Schardt

Berlin - Ruth Erhardt (83) kam als junge Frau zu einem Ostberliner Jugendbuchverlag. Zuzupacken für das Gemeinwohl lernte sie auf der Straße: beim Wegräumen der Schuttberge. Sie hat viel zu erzählen. Wir haben ihr zugehört:

„Es war 1950, ich hatte mich als Neunzehnjährige bei einem Verlag beworben und wurde zum Vorstellungsgespräch geladen. Meine Mutter weinte beim Abschied: unser Mädchen – vom Harz ins sündige Berlin! Aber bei meiner Ankunft in der Metropole schien mir die Stadt mit ,sündig’ nicht das Geringste zu tun zu haben. Vom Bahnhof Zoo bin ich in die U-Bahn nach Berlin-Mitte gestiegen. Es war ein Schock, durch Straßen zu fahren, in denen kaum mehr ein Haus stand. Diese Trümmerberge zu sehen, fünf, sechs Meter hoch, sich klar zu machen: darunter sind überall Menschen begraben.

Als junges Mädchen hatte ich oft hinter unserem Haus im Garten gelegen und die Wolken am Himmel betrachtet. Jetzt, da mein Hirn verzweifelt versuchte, das Wahrgenommene einzuordnen, fiel mir das ein. Wie Wolken, so kamen die Schuttberge mir vor. Vielleicht auch, weil sie so endlos wirkten. Die ganze Stadt: in meinen Augen ein Wolkenmeer. Eine Gebirgslandschaft, so würde ich es heute sehen. Aber die Alpen kannte ich damals noch nicht.

Im Kleid aufs Trümmerfeld? Wie ungeschickt!

Herzenswünsche – und mein Herzenswunsch war, das Schreiben zum Beruf zu machen – werden relativ, wenn man sich in so einer Situation wiederfindet. Ich konnte als Lektorin anfangen, aber wie mit einem Tunnelblick nur das dreistöckige Verlagsgebäude zu sehen, das als einziges in der ganzen Straße stehen geblieben war, das hätte ich grotesk gefunden. Wie dann dieser Hammer in meine Hand gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, wie ich dachte: im Kleid immer wieder auf den Lkw rauf und runter, das ist ungeschickt. Ich bin in ein Sportgeschäft, um mir einen Trainingsanzug zu kaufen. Der bekam einen festen Platz in einer Schublade im Verlag. Und drei Jahre lang gab es kaum einen Tag, auch kaum ein Wochenende, an dem ich nicht weiter auf einem Trümmerfeld aktiv gewesen wäre.

Für den Abtransport wurden Schienen gelegt, auf denen Loren fuhren – kleine Wagen, wie man sie sonst im Bergwerk hat. Die Loren wurden mit Schutt beladen und entweder in die Spree gekippt oder zu großen freien Flächen gefahren, in denen im Laufe der Zeit enorme Trümmerberge entstanden: Berlin-Friedrichshain, der Brenner-Berg in Pankow . . .

Schuften bis die Hände und Muskeln schmerzen

Wir schlugen den Mörtel mit dem Hammer von den Ziegelsteinen ab, damit diese wiederverwendet werden konnten. Im Sommer band ich mir gegen den Staub Tücher vor den Mund, bei Regen wateten wir durch Schlick. Nur bei extremem Frost setzten wir aus. Natürlich war man erledigt, wenn man vom Einsatz kam. Die Handgelenke schmerzten, Muskelkater hatte ich, Schwielen an den Händen, blaue Flecke, wenn der Hammer daneben traf. Aber tief drinnen, da fühlte ich so was wie eine Pflicht. Einmal bekam ich eine Urkunde und eine Theaterkarte für meinen Einsatz.

Ruth Erhardt heute Foto: privat
Da fühlt man sich geehrt – und ist doch gleichzeitig irritiert. Wofür und vor allem von wem die Dankbarkeit? Wir saßen doch alle in einem Boot. Dachte ich. Bis ich anfing, auch nachts zu arbeiten. Die Trümmerfelder mussten bewacht werden, vom losen Stein bis zum Zementsack, es wurde alles geklaut. Einmal haben sie sogar einen ganzen Gartenzaun mitgenommen. Wer beklaute hier eigentlich wen? Wieder so eine Frage.

Andererseits machte die bittere Armut das irgendwie auch nachvollziehbar. Wenn ich nach einem Wacheinsatz am anderen Morgen ins Büro bin, war ich bleiern müde. Aber so manches hat sich, vor allem mit etwas Abstand, relativiert. Ich war jung, mein Körper hatte Reserven. Viele der Trümmerfrauen waren fünfzig – wie viele, das hat man später bei den Ehrungen gesehen. Und man hat gesehen, wie sie sich den Rücken kaputt gemacht haben. Für die Stadt, das Land, dafür, dass das Leben weiterging.