Weltfrauentag Die tiefe Sehnsucht nach mehr

Von Aufgezeichnet von Elisabeth Hussendörfer 

Maria Imorde hat elf Kinder bekommen und in schweren Zeiten großgezogen. Jetzt ist sie bald neunzig und mit Recht stolz. Nicht nur auf ihre Sprösslinge, sondern auch auf sich selbst und auf das, was sie anderen Frauen geben konnte.

Maria Imorde mit sieben ihrer Kinder, aufgenommen in den Fünfzigern. Foto: privat
Maria Imorde mit sieben ihrer Kinder, aufgenommen in den Fünfzigern. Foto: privat

Emsdetten - Maria Imorde (89) aus Emsdetten in Westfalen hat 1946 ihr erstes Kind bekommen, es folgten zehn weitere. Nach dem dritten fing sie an, Gymnastikkurse zu geben – und das tut sie bis heute. Sie hat viel zu erzählen. Wir haben ihr zugehört:

„Vier oder fünf Kinder zu haben, das war in der Nachkriegszeit in einer Kleinstadt wie Emsdetten normal. Als ich aber zum sechsten Mal schwanger war, blieben die Leute auf der Straße stehen und sahen mir kopfschüttelnd hinterher. Klar tut so was weh, als asozial zu gelten. Aber es bestärkt einen auch. Man geht dann erst recht seinen Weg.

Die Geburt eines Kindes lässt sich mit nichts vergleichen

Der Krieg war vorbei, leben wollten wir, mein Mann und ich, eben einfach tun, was wir als schön und glücksbringend empfanden. Und schon die Geburt eines Kindes lässt sich doch mit nichts vergleichen! Ich erinnere noch gut, wenn die Hebamme kam, wenn es wieder soweit war, wie die Liege vom Wohnzimmer in die Küche gerückt wurde. Mein Mann wusste genau, wie er mich festzuhalten hatte. Der Moment, in dem das Kind herauskommt, das ist das Größte, eine ungemein sinnbringende, Kraft gebende Erfahrung. Vom Loslassen reden die Frauen heute. Horizonterweiterung, dieses Wort ist mir lieber.

Maria Imorde sagt, sie sei nie unglücklich gewesen. Foto: privat
Bis zum vierten Kind hatten wir nur zwei Zimmer im Haus meiner Schwiegereltern, ausgebaut haben wir später. Eng war es, wir hatten wenig zu essen, aber den Blick nach vorn, wie gesagt. Und in Aufbruchsstimmung zu sein und gleichzeitig das Leben kontrollieren und planen zu wollen, das wäre ein Widerspruch gewesen. Der Alltag freilich, der wollte organisiert sein. Stundenlang musste ich 1946, dem Geburtsjahr unseres ersten Kindes, bei eisiger Kälte für ein bisschen Kohle anstehen. Das Baby ließ ich zu Hause, das Bettchen hatte ich mit Wärmflaschen ausgekleidet, erfroren wäre es sonst. Schlimm, würde man heute sagen: so ein kleines Wesen über Stunden allein.

Wir hatten ein Dach überm Kopf, ein Gehalt und am Abend meistens eine warme Stube. Vorbei die Zeiten, in denen mein Mann als Kriegsgefangener nicht wusste, wann und ob er je wieder nach Hause kam. Vorbei die Bombenangriffe, die schwere Arbeit beim Bauern auf dem Feld, weil die Fabrik, in der ich als Näherin gearbeitet hatte, zerstört war.