InterviewWeltfrauentag „Männer sollten vor allem menschlich sein“

Von Almut Siefert 

Die Grande Dame der italienischen Literatur, Dacia Maraini, kämpft seit Jahren für die Rechte der Frauen. Ein Gespräch zum Weltfrauentag über törichte Theorien und fatale Liebe.

Dacia Maraini freut sich, dass wieder mehr Frauen auf die Straße gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Foto: dpa
Dacia Maraini freut sich, dass wieder mehr Frauen auf die Straße gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Foto: dpa
Frau Maraini, seit ein paar Jahren ist das Phänomen des Feminicidio, also die Tötung von Frauen durch deren Partner oder Ex-Partner, in Italien ein Dauerthema. Was läuft falsch in der italienischen Gesellschaft?
Das Phänomen des Feminicidio gibt es weltweit – nicht nur in Italien. Ich glaube, es ist eine Reaktion auf die heutige Unabhängigkeit der Frauen. Es gibt leider Männer, die sich mit einem veralteten Männerbild identifizieren, das sich auf die Idee des Besitzes stützt. Ich liebe dich – also gehörst du mir, so die Theorie dahinter. Diese Morde, die wir mit Feminicidio meinen, passieren innerhalb der Familie, die Täter sind der Ehemann, der feste Freund oder der Liebhaber, die eine Frau als ihr Eigentum ansehen.
Und diese Männer kommen nicht damit klar, wenn ihre Frau einen eigenen Kopf hat?
Genau. Sobald die Frau den Wunsch nach Eigenständigkeit äußert, arbeiten will, ­ausgehen will, reisen will, beginnt für diesen Typ Mann die Krise. Er verliert seine Privilegien, die er glaubt als Mann zu haben, das Privileg des Besitzes und das der Dominanz. Das ist eine alte Art des Denkens, ein Problem der Mentalität, nicht des Geschlechts. Männer sind nicht von Natur aus gewalttätig, sie sind es erst, wenn sie dieses Konzept des Eigentums für sich in Anspruch nehmen. Dieser Typ Mann dreht durch, wenn seine Frau unabhängig sein will. Die Angst wird so groß, dass sie ihn tatsächlich auch zum Mörder machen kann. Er zieht es vor, seine Frau umzubringen, dafür 30 Jahre ins Gefängnis zu gehen, anstatt die Freiheit der Frau zu ­akzeptieren.

Auch andere Frauen setzen sich weltweit gegen Gewalt ein. Wie Aktivistinnen für Gleichberechtigung kämpfen, sehen Sie im Video:

Ein Problem von Bildung und Erziehung?
Die Erziehung ist der Grundstein dieses Eigentum-Konzepts. Wenn wir uns erinnern: Selbst das Gesetz hat noch bis zum ­Ende des letzten Jahrhunderts dieses Besitz-Konzept legitimiert. Das Gesetz zum Ehrenmord wurde erst 1981 abgeschafft. Und bis in die 90er Jahre konnte eine Frau ins Gefängnis wandern, wenn sie ihren Mann betrog. Andersherum hatte der Mann nichts zu befürchten. Wir leben heute in einer demokratischen, fortschrittlichen und emanzipierten Gesellschaft. Dennoch: Diese Formen der Unterdrückung sind noch immer aktuell. In Italien gab es im vergangenen Jahr mehr als 120 solcher Tötungsdelikte ­innerhalb einer Beziehung – das heißt, im Durchschnitt wurde alle zwei bis drei Tage eine Frau von ihrem Partner umgebracht.
Obwohl die Gesetze heute andere sind.
Es ist weitaus schwerer, die Mentalität zu ändern als ein Gesetz. Und man muss auch bedenken: In Italien hat die katholische ­Kirche eine große Präsenz, und auch sie hat viele Jahrhunderte lang die patriarchalische Familienform lanciert. Es sind soziale, ­kulturelle und geschichtliche Faktoren, die da zusammenspielen.
In Ihrem neuen Roman „Das Mädchen und der Träumer“ schreiben Sie zum ersten Mal aus Sicht eines Mannes. War das schwer für Sie?
Ich hatte gedacht, es würde schwieriger. Aber wenn man sich einen Mann vorstellt, der nicht in diesen männlichen Stereotypen gefangen ist, sondern einen Mann, der in einer Krise ist, der Probleme, der Zweifel hat – nein, das war nicht schwer, denn er ist ­einfach ein Mensch.
Der Ich-Erzähler ist ein einsamer Grundschullehrer, den der Wunsch nach Vaterschaft quält. Ist er der Gegenspieler zu dem Typ Mann, über den wir zu Beginn gesprochen haben?
Ja. Meiner Ansicht nach lassen viele Männer diesen Wunsch nach Vaterschaft nicht zu. Sie unterdrücken ihn, weil es für sie eine weibliche Angelegenheit ist. Aber er, er sagt es. Er hat den Mut, die Ernsthaftigkeit. Und dieser Wunsch wirkt sich auch auf sein Leben aus – er fühlt sich verbunden mit einem Mädchen, das verschwindet, und will es retten. Ich mag die Menschlichkeit dieser Figur. Ich finde, Männer sollten vor allem menschlich sein. Nicht einem Stereotyp folgen, das nur in der Theorie existiert. Der Mann, der immer stark ist, immer selbstbewusst – den gibt es nicht. Im richtigen Leben ist man nun einmal voller Zweifel, voller Fragen. Sowohl als Frau als auch als Mann.
Am 25. November, dem Tag gegen die Gewalt an Frauen, fand in Rom wieder eine Demonstration statt – haben Sie auch teilgenommen?
Selbstverständlich. Wann immer ich kann, mache ich mit. Es ist eine Freude zu sehen, wie viele Menschen sich versammeln. Seit der Hochzeit des Feminismus gab es nicht mehr so viele Demonstrationen. Ich hoffe, dass diese Bewegung weitergeht. Nicht nur in Italien. Auch, dass nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump so viele Frauen auf die Straße gehen, ermutigt mich. Er will die Rechte der Frauen beschneiden, angefangen bei den Regelungen zur Abtreibung. Und die Frauen wehren sich. Das ist das einzig Gute am Trumpismus: dass er eine starke Reaktion hervorruft.
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